Schöftland

Ehemalige FCB-Hoffnung wagt Neustart mit einem eigenen Café

Paolo Lombardi (22) wird Ende März gegenüber der Schulzentrum-Baustelle sein Café eröffnen.

Paolo Lombardi (22) wird Ende März gegenüber der Schulzentrum-Baustelle sein Café eröffnen.

Paolo Lombardi eröffnet Ende März im Zentrum sein «Piccola Italia». Mit der Eröffnung beweisen er und seine Mutter eine grosse Portion Mut: Sie müssten sich neben dem höchst erfolgreichen Café Caprice behaupten.

Als die Fussballschuhe des Kölner Spielers sein Knie trafen, zerbrach Paolo Lombardis Traum. Dabei hatte dieser gerade mit jenem Match begonnen, wahr zu werden. Es war sein erstes Spiel in der U-15-Mannschaft des FC-Basels. 14 Jahre war der Safenwiler alt und hatte in der ersten Halbzeit schon bewiesen, dass es der richtige Entscheid war, ihn ins Team zu holen. Zweimal hatte er dem Torschützen den Ball serviert – sein Einstandsspiel hätte nicht besser laufen können.

Dann foulte ihn in der zweiten Halbzeit der gegnerische Spieler. Drei Operationen, eine Schraube im rechten Knie und zwei Jahre Physiotherapie folgten. Das Ende eines Fussballtraums

Heute ist Lombardi 22 Jahre alt und weit entfernt davon, Trübsal zu blasen. Er steht zwischen dem übergrossen Gesicht von Sophia Loren und dem Römer Kolosseum. Die beiden Sujets zieren die Innenwand seines kürzlich gemieteten Lokals, ein ehemaliges Kleidergeschäft im Zentrum von Schöftland. Ein Hauch Italianitá für das grosse Vorhaben Lombardis und seiner Mutter Mirella.

Seine dunklen Augen leuchten, wenn er von seinem nächsten grossen Traum erzählt. Einer, der nun wirklich wahr wird. Hier entsteht das Café «Piccola Italia», das ab Ende März den Gästen Kaffee und Gebäck nach der Tradition des südlichen Nachbarlands offeriert.

Damit beweisen Mutter und Sohn eine grosse Portion Mut. Denn ein neu eröffnetes Café in Schöftland muss sich neben dem höchst erfolgreichen Café Caprice behaupten – nur 200 Meter vom «Piccola Italia» entfernt.

Spielecke dank Töchterchen

Die Graffiti-Sophia schaut zufrieden aus. Es mag daran liegen, dass sie sich gegenüber in einem der zwei Meter hohen Spiegel bewundern kann, die vom Interieur des Kleiderladens übernommen wurden. Vor diese kommen in den nächsten Tagen die aus Italien importieren Bistrotische und -stühle zu stehen, an denen insgesamt 20 Personen Platz finden. «Es hätte Platz für mehr Gäste, aber ich wollte nicht gleich aufs Maximum gehen», sagt Lombardi.

Generell plant der Jungunternehmer vorsichtig und budgetbedacht. Auf dem Baugesuch ist die Umgestaltung mit gerade einmal 2000 Franken angegeben. Die Graffitis sprayte ein Freund als Gefallen an die Wand. Für die Handwerkarbeiten packten der Bruder und Freunde mit an, vor allem aber Lombardi selber, der «seit Wochen von früh bis spät» am Werken ist. Dass er damit seine junge Familie – Tochter Leandra ist zwei Jahre alt – vernachlässigt, macht ihm etwas zu schaffen. Die Kleine war es, die ihn zur Kinder-Spielecke inspiriert hat, die im «Piccola Italia» eingerichtet wird.

Auch personell plant Lombardi bescheiden. Er und die Mutter werden ständig im Café sein, Bruder Valerio und Freundin Fiona werden ab und zu aushelfen. «Meine Freundin ganz in den Betrieb einzubinden, kam für uns nicht infrage», so der Jungunternehmer. Erstens verwirkliche sie sich gerade ihren eigenen Traum einer Umschulung auf das Versicherungswesen und zweitens sei es nicht klug, wenn die ganze Familie vom selben Betrieb abhänge.

Lombardi deutet zum Kolosseum an der Wand. Dort drüben wird bald die Theke stehen «Die Bar stelle ich selber her», sagt er, der zwar ursprünglich kein Schreiner, sondern Grafikdesigner ist. Doch seit seiner Grafik-Ausbildung, die auf den Austritt aus der U-15-Mannschaft und der Fussballschule des FCB folgte, war der junge Mann schon in einigen Metiers tätig.

«Mein damaliger Chef schloss das Geschäft, als ich noch in Ausbildung war. Diese konnte ich zwar zu Ende machen, aber ohne Praxis nebenbei.» Schlechte Startchancen für die Jobsuche. So machte er Halt beim Strassenbau, im Gipser- und im Coiffeurberuf – die vielen Stationen scheinen gar nicht in die wenigen Jahre zu passen, die Lombardi auf dem Buckel hat. Irgendwann stieg er bei der Trattoria der Mutter ein – und blieb.

Fussball noch nicht vom Tisch

Mamma Mirella kam einst vom süditalienischen Lecce in die Schweiz. Über Jahre betrieb sie die Trattoria «I sapori dell’Etna» in Zofingen, war Köchin und gute Seele des Lokals. Im letzten Jahr hat die 49-Jährige entschieden, etwas kürzerzutreten. Erst überlegten die beiden, ob der Sohn die Führung des Restaurants übernehmen wollte. Doch sein Herz schlug für ein Café. Gegen Ende letzten Jahres kündigten sie den Mietvertrag in Zofingen.

«Wir haben sehr lange nach einem Lokal gesucht», sagt Lombardi. Fast hätten sie in Luzern einen Mietvertrag unterschrieben, doch es stimmte nicht richtig. «Hier in Schöftland wohnen viele Verwandte von uns, deshalb kennen wir das Dorf auch sehr gut.» Als sie das Lokal gegenüber der Schulzentrum-Baustelle ausgeschrieben sahen, war der Entscheid rasch gefallen.

Und plötzlich sagt der künftige Café-Betreiber etwas, das gar nicht bescheiden klingt: «Mein Ziel ist eine Café-Kette.» Seine Visionen und der starke Glaube an sich selber zeigen den anderen Paolo Lombardi. Einen, der nicht wie heute Jeans, Pullover und Wollmütze trägt, sondern sich im Facebook ästhetisch und selbstbewusst in Szene setzt. Einen, der erst mit 11 Jahren beim FC Oftringen mit Fussball anfing und mit 13 vom Talentscout nach Basel geholt wurde.

Der Traum vom Profifussballer hat Lombardi trotz der Entwicklung zum Geschäftsmann nicht ausgeträumt. «Einmal noch möchte ich an ein Probetraining in Deutschland gehen, um zu sehen, ob sie mich nehmen.» Wenn er dann nicht genommen werde, dann akzeptiere er das und begrabe den Profifussball für immer. Und was, wenn er genommen wird? «Dann muss ich von Neuem überlegen.»

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