Menziken/Adelboden

Dummschwätzen und nächtliches Herumschleichen – wir haben ein Schneesportlager besucht

Die Oberstufe Menziken weilt im Schneesportlager in Adelboden. Ein langjähriger Lagerleiter sagt: «Die Kinder sind anständiger als früher.»

Morgens um fünf waren in Adelboden oben alle wach. Der Wecker des Küchenchefs hatte geklingelt, das Rindsvoressen auf dem Herd musste umgerührt werden. Zwölf Stunden muss das Fleisch köcheln, neun Kilogramm für 47 hungrige Mäuler, dann abkühlen und wieder kochen, bis alles zerfällt. «Dann kommts gut», sagt Küchenchef Josue Staub und grinst. Noch bleibt genügend Zeit bis zum Abendessen.

Es ist erst kurz vor Mittag, der zweitletzte Lagertag, alle Menziker sind auf der Piste, im Lagerhaus zu hocken, wäre ja auch eine Schande bei dem Wetter. Die Ausnahme bilden die Pechvögel: zwei Grünholzbrüche, ein verstauchter Daumen, ein ramponiertes Knie, typische Skilagerunfälle. Die Patienten sitzen im Aufenthaltsraum, hören Musik. «Nach Hause wollte keiner der Patienten», sagt Lagerleiter Reto Fuchs. Kein Wunder.

Skilager. Das Grösste. Eine der prägendsten Erinnerungen aus der Jugendzeit. Skilager. Das ist Freiheit. Das ist Zeit für Dummschwatzen und Kichern in den Schlafsäcken, bis die Ohren glühen und der Aufpasser vor der Tür sich räuspert. Das ist Zeit für Schmetterlinge im Bauch, für nächtliches Herumschleichen. Skilager, das ist der Ort, an dem die Zähne noch vor dem Frühstück geputzt werden und keiner mit vom Kissen zerknautschtem Schopf am Frühstückstisch aufkreuzt.

So war es zumindest damals, vor 20 Jahren, als die Oberstufe Menziken erstmals nach Adelboden ins Schneesportlager fuhr. Und wie ist es heute? «Die Kinder sind anständiger als früher, loten die Grenzen nicht mehr so aus», sagt Reto Fuchs. Vor 20 Jahren hat er das erste Lager geleitet, er weiss, wovon er spricht. «Aber sie sind auch wehleidiger als früher, vor allem die Jungs.»

Leiter überlisten

Bei der Bergstation Silleren kauen die Mädchen und Buben an den Broten, die sie am Morgen im Lagerhaus geschmiert haben. Geschlechtergetrennt. Die Jungs fläzen in den Liegestühlen, hören Musik. Die Mädchen sitzen am Tisch und plaudern aus dem Nähkästchen. Wie man Chrömli mit Zahnpasta präpariert zum Beispiel, Füllung raus, Pasta rein, Pfui Teufel. Oder wie man die Lagerleiter übers Ohr haut, wenn man über Nacht die Handys abgeben sollte.

Und wie läuft es mit den Jungs? Da sei ein Skilager natürlich schon ein guter Ort für Bekanntschaften, meinen die Mädchen und kichern. «Auf dem Pausenplatz kann man nicht einfach zu den grossen Jungs und mit ihnen reden, hier im Lager geht das.» Dass es auch dieses Jahr in Adelboden knistert, sieht man mindestens an einem der Hälse. Gut so, so muss das im Skilager sein. Und wie steht es mit Heimweh? Die Mädchen schütteln den Kopf. Nein, heim wolle hier keiner. Warum denn auch? «Hier kommt keiner ins Zimmer und will, dass wir aufräumen.» Aufgeräumt wird erst am letzten Tag. «Das Lager könnte ruhig noch ein paar Tage länger dauern.»

In der Gondel drehen die Jungs auf, hauen sich Erzählungen über ihre geglückten Kunststücke um die Ohren, Ollie, Walzer, 360 und wie sie alle heissen, dann da ein Sprung, hast du nicht gesehen, dazwischen verkantet, aber gerettet und einfach weitergefahren. Ein Grinsen kann man sich beim Zuhören nicht verkneifen. Es ist tatsächlich alles so, wie vor 20 Jahren.

Etwas hat sich verändert

Jedenfalls fast. Eine Veränderung ist augenfällig: die Anzahl Teilnehmer. Waren es zu Beginn jeweils rund 80 Kinder, sind es dieses Jahr nur noch 36. «Ein absoluter Minusrekord», sagt Fuchs. Den Grund dafür sieht er in einem Wechsel an der Schule Menziken: Mussten die Kinder, die am Skilager teilnahmen, bislang nicht die Projektwoche in den Frühlingsferien besuchen, ist die Projektwoche nun für alle Pflicht. «Das hat viele davon abgehalten, mit uns ins Skilager zu fahren», so Fuchs.

Einen Abgesang aufs Skilager will er nicht anstimmen, im Gegenteil. Die Kinder, die mitgekommen sind, seien begeistert. «Sie kommen ins Lager des Lagers wegen, nicht wegen des Sports. Und das ist das grösste Kompliment, das man uns machen kann», sagt Fuchs. Auch für ihn sei diese Woche jeweils eine der schönsten im Jahr. Hier im Skilager ist einfach eine etwas andere Welt, hier ticken die Uhren anders. Das prägt, das brennt sich ein. Fuchs lacht. «Ein Skilager vergisst man ein Leben lang nicht mehr, gäll.»

Der Verein gosnow.ch will das Schneesportlager revolutionieren und aus der Krise holen.

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