Reinach
Drohende Schliessung des KV-Standortes: Erinnerungen an einen rabenschwarzen Tag

Dem KV-Standort droht das Aus. Das weckt bei Ex-Rektor Hannes Hauri und Ammann Martin Heiz Erinnerungen an die Schliessung der Berufsschule vor 25 Jahren. «Die Schliessung der Schule hat die Leute wütend gemacht», erzählt Heiz.

Katja Schlegel
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«Überrascht sind wir nicht, die Schliessung des KV-Standortes zeichnet sich seit Jahren ab», sagt Martin Heiz Gemeindeammann Reinach.

«Überrascht sind wir nicht, die Schliessung des KV-Standortes zeichnet sich seit Jahren ab», sagt Martin Heiz Gemeindeammann Reinach.

Chris Iseli

«So etwas vergisst man ein Leben lang nicht mehr», sagt Hannes Hauri (70) am Telefon. Diese Monate, in denen sich die Schulleitung, Politiker und die Bevölkerung mit Händen und Füssen gegen die Schliessung der gewerblich-industriellen Berufsschule Reinach wehrten. Und nun wird immer deutlicher, dass Reinach mit dem KV noch einmal einen Schulstandort verlieren wird. Damit wiederholt sich die Geschichte – just 25 Jahre später. Hauri war damals Rektor der Berufsschule.

Es war kein plötzliches Ende 1995, das nicht. In all den 15 Jahren, in denen er an der Berufsschule unterrichtet habe, sei es ein ständiges Wehren und Rechtfertigen gewesen, erinnert sich Hannes Hauri. «Wir waren eine sehr gute Schule, unsere Schüler haben bei den Abschlussprüfungen immer zu den besten im Kanton gezählt.» Und noch heute seien ehemalige Schüler voll des Lobes für die Fachlehrer Hässig und Lüscher. «Wir haben alle gekannt, jeden Betrieb, jeden Lehrlingsverantwortlichen. Wir waren eine sehr familiäre Schule.»

Aber all das zählte bei der Betrachtung durch den Kanton nicht. Mal kam der Vorwurf, der Reinacher Standort sei zu teuer, mal hiess es, es würden nicht genügend Freifächer angeboten. Vorwürfe, die Hauri und seine Kollegen immer widerlegen konnten. Nur eines konnte Reinach nicht: Die Schülerzahlen steigern. Anfang der Neunzigerjahre zählte die Schule rund 70 Lehrlinge und Lehrtöchter, aufgeteilt in acht Klassen. Der «Richtplan 94» aber sah eine Minimalgrösse von 500 Schülern für eine gewerblich-industrielle Berufsschule vor. Kleinstschulen könne sich der Kanton nicht mehr leisten, es fehlte die Existenzgrundlage, hiess es an einer Pressekonferenz des Regierungsrates, das Sparpotenzial wurde mit rund fünf Millionen Franken beziffert. Damit war das Schicksal der Berufsschule Reinach besiegelt.

Hannes Hauri und sein Team sträubten sich mit allen Mitteln gegen das Ende. «Wir mussten uns wehren, auch für das Tal und seine Geschichte im Metallbau, mit all den grossen Firmen wie der Aluminium, der Fischer, der KWC oder Injecta. Die Leute haben es nicht verstanden, weshalb man ihnen mit der Schule diesen Teil der Identität nimmt.» Die Berufsschule fusionierte deshalb kurzerhand mit dem KV Reinach. Hauri weibelte bei Politikern für ein Einstehen in Aarau, lud sie zu Führungen durch das Schulhaus an der Aarauerstrasse 9 ein, um sich selber ein Bild machen zu können.

«Ein schauderhafter Schlag»

Doch auch die Bemühungen der Politiker halfen nicht. Die Schweizer Demokraten reichten im Oktober 1993 eine Petition mit über 1700 Unterschriften gegen die Schliessung des Standortes ein; vergeblich. Auch eine FDP-Interpellation blieb ohne Erfolg. Und als der Grosse Rat schliesslich Ende November 1994 ein Postulat der SVP abschmetterte, welches die Weiterführung der kleinsten Aargauer Berufsschule gefordert hatte, war alles verloren. Das Kantonsparlament hatte der stufenweisen Schliessung bis 1999 zugestimmt.

«Das war einer der schwärzesten Tage in meinem Leben», sagt Hannes Hauri noch heute. Er sass damals auf der Tribüne im Grossratssaal, erlebte alles hautnah mit. Auch die deutliche Haltung gegen das Postulat, das mit 90 zu 46 Stimmen abgelehnt wurde. «Das war ein schauderhafter Schlag.» Hannes Hauri wartete nicht mehr bis 1999. Im Dezember 1994 reichte die Schulleitung ein Gesuch ein, die Schule bereits per Sommer 1995 zu schliessen. Dem Gesuch wurde stattgegeben.

«Überrascht sind wir nicht»

An dieses Gefühl der Ohnmacht vor 25 Jahren, an die schlechte Stimmung im Tal erinnert sich auch Gemeindeammann Martin Heiz (im Amt seit 1988): «Diese Schule war seit Jahrzehnten eine Institution im Dorf. Die Schliessung hat die Leute wütend gemacht.» Ausserdem habe es einen empfindlichen Komfortverlust bedeutet. «Damals war es für die Lehrtöchter und Lehrlinge nicht so einfach möglich, die langen Schulwege an die anderen Schulstandorte zurückzulegen.»

Heute sieht das alles etwas anders aus. Heute hält sich das Entsetzen über die Schliessung des KV-Standortes in Grenzen. «Überrascht sind wir nicht, diese Schliessung zeichnet sich seit Jahren ab», sagt Martin Heiz. Natürlich bedauere er die Ankündigung und der Gemeinderat unterstütze auch die Bemühungen der Schulleitung, den Standort zu erhalten. Aber die Schliessung sei wohl die logische Konsequenz: «Man kann nicht ständig vom Sparen und Rationalisieren reden und gleichzeitig über solche Entscheide klagen.» Und auch wenn es ihm schwerfalle, so sage ihm doch die Vernunft: «Die Schliessung ist wohl das einzig Richtige.»