Bezirksgericht Kulm

Drogensüchtiger begeht fast 100 Delikte in einem Monat – nun muss er für einige Jahre ins Gefängnis

Der Italiener war jahrelang drogensüchtig. (Symbolbild)

Der Italiener war jahrelang drogensüchtig. (Symbolbild)

Ein 40-Jähriger wird vom Bezirksgericht Kulm zu 4,5 Jahren Gefängnis verurteilt. Beim Landesverweis entschied sich das Gericht für die Maximalstrafe.

Im August 2018 hat sich Lucio (Name geändert) tüchtig ins Zeug gelegt, um seine Drogensucht zu finanzieren: Fast 100 Delikte hat der 40-jährige Italiener damals in gerade mal drei Wochen begangen: zu zwei Dritteln Einbrüche in Wohnungen und Kellerabteile, zu einem Drittel Fahrzeugaufbrüche. Der Deliktsbetrag beträgt rund 80000 Franken, der angerichtete Schaden 60'000 Franken. Das Diebesgut versuchte Lucio in Bares umzuwandeln.

Er sei Anfang Juni 2018 mit 2000 Franken in der Tasche in die Schweiz gekommen, um Arbeit zu suchen, habe aber keine gefunden, sagte Lucio bei der Verhandlung am Bezirksgericht Kulm. Sicher ist, dass er dafür einen Drogendealer fand: In der Anklageschrift ist die Rede von einem «unbekannten Dominikaner», dem Lucio in den drei Monaten bis zur Verhaftung am 29. August 2018 für zirka 3600 Franken Heroin und für rund 14400 Franken Kokain kaufte.

Sein Wirkungsfeld war eigentlich die Region Baden, doch da unter den zahlreichen Privatklägern auch ein Mitglied des Badener Bezirksgerichts war, trat es in den Ausstand, sodass das Bezirksgericht Kulm unter dem Vorsitz von Präsident Christian Märki zum Handkuss kam.

Denner-Kassier mit Spielzeugpistole bedroht

Die Staatsanwaltschaft Baden legte Lucio eine ganze Reihe strafbarer Handlungen zur Last: gewerbsmässigen Diebstahl, mehrfache Sachbeschädigung, mehrfachen, teilweise versuchten Hausfriedensbruch, Übertretungen des Betäubungsmittelgesetzes und – als schwerste Tat – versuchten Raub.

Rund einen Monat nach seiner Einreise in die Schweiz überfiel Lucio die Denner-Filiale an der Bruggerstrasse in Baden und bedrohte den Kassier mit einer Spielzeugpistole. Da der Mann in Panik davonrannte, suchte auch Lucio – ohne Beute – das Weite und vertraute die Pistole sicherheitshalber der Limmat an. Es gibt aber Videoaufnahmen von dem gescheiterten Vorhaben, auf denen ein Mann in einer Jacke mit Kapuze zu sehen ist.

Auch diese Tat hat Lucio gestanden. Überhaupt, so sagte Dominik Aufdenblatten, leitender Staatsanwalt in Baden, habe der Beschuldigte, vereinfacht ausgedrückt, «rund 95 Prozent der Delikte» zugegeben. An einzelne könne er sich nicht mehr genau erinnern. Nur gerade in zwei Fällen bestreite er, das gemeldete Diebesgut mitgenommen zu haben: zwei Orientteppiche und ein Snowboard. An den Tatorten seien zwar schon Sachen weggekommen, angesichts der sonst grossen Geständnisbereitschaft bestünden in Bezug auf das Mitlaufenlassen der genannten Gegenstände aber Zweifel. Jedenfalls erschienen die Angaben des Beschuldigten hier ebenso glaubwürdig wie jene der Geschädigten.

Der Staatsanwalt beantragte, Lucio im Sinne der Anklage schuldig zu sprechen und ihn zu einer unbedingten Freiheitsstrafe von 4,5 Jahren zu verurteilen. Da es sich beim Raub und dem qualifizierten Diebstahl um sogenannte Katalogdelikte handle, sei zudem eine langjährige Landesverweisung unumgänglich. Angemessen sei die Maximaldauer von 15 Jahren. «Wenn er in die Schweiz kommt», so der Staatsanwalt, «kommt er, um zu delinquieren – und das serienweise.»

Bei der Strafzumessung sei die grosse Geständnisbereitschaft als strafmildernd zu berücksichtigen, auf der andern Seite fielen die sieben Vorstrafen und die offenkundige Unbelehrbarkeit des Beschuldigten strafverschärfend ins Gewicht.

Bezüglich Landesverweisung liege kein Härtefall vor, sagte der Staatsanwalt. Der gelernte Mechaniker Lucio wurde zwar in der Schweiz geboren, kehrte als Zweijähriger aber nach Kalabrien zurück. Zwischen 1998 und 2015 lebte und arbeitete er in der Schweiz. Ab 2010 kam er mit dem Gesetz in Konflikt.

Die Drogenabhängigkeit besteht nach Lucios Angaben seit etwa 2008. Als Grund dafür nannte er «Frauenprobleme». In Lenzburg, wo er einsitze, sei er clean und fühle sich befreit, liess er durchblicken.

An Hitzetag mit Snowboard in Baden unterwegs?

Martin Leiser, Lucios amtlichem Verteidiger, blieb nur der Versuch, den Schaden in Grenzen zu halten. Er beantragte, seinen Klienten in allen Anklagepunkten schuldig zu sprechen – ausser in den bestrittenen Fällen. Es sei schwer vorstellbar, dass Lucio an einem heissen Augusttag mit zwei Orientteppichen und einem Snowboard durch Baden spaziert sei, meinte der Verteidiger. Er beantragte eine teilbedingte Freiheitsstrafe von drei Jahren, wobei 1,5 Jahre zu vollziehen seien. Unter Anrechnung von Untersuchungshaft und vorzeitigem Strafvollzug (546 Tage) hätte Lucio, wäre das Urteil so ausgefallen, unverzüglich freigelassen werden müssen. Mit Blick auf die Drogensucht, so der Verteidiger, sei eine ambulante Massnahme anzusetzen und die Landesverweisung auf fünf Jahre festzusetzen.

Das Gericht folgte aber dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Bei der Landesverweisung, die, weil Lucio EU-Bürger ist, nur für die Schweiz (und nicht für den ganzen Schengenraum ohne Italien) gilt, entschied es sich für die Maximallösung von 15 Jahren. Gegenüber jenen Privatklägern, deren Schaden feststeht, ist Lucio kostenpflichtig. Die übrigen Forderungen wurden auf den Zivilweg verwiesen. Auf den Beschuldigten warten Verfahrenskosten von 3500 Franken, die Anklagegebühr von 2700 Franken und eine Busse von 200 Franken für die Drogenvergehen. Das Gericht ordnete eine vollzugsbegleitende ambulante Behandlung an. Gerichtspräsident Christian Märki sprach von einer erschreckenden Vielzahl von Delikten, von Skrupellosigkeit und einer hohen kriminellen Energie. Wäre Lucio wegen seiner Drogensucht keine leicht verminderte Zurechnungsfähigkeit attestiert worden, wäre die Strafe höher ausgefallen.

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