Aargau

Dringend Kirchenpfleger gesucht – sonst droht die Zwangsverwaltung

(Bild: Aline Wüst)

Neben Marianne Rösch hätte es noch viel Platz für neue Kirchenpfleger. WUA

(Bild: Aline Wüst)

Der Reformierten Landeskirche fehlen im ganzen Kanton Kirchenpfleger. Die Suche gestaltet sich oft schwierig, wie ein Besuch in Schöftland zeigt.

Marianne Rösch (67) sitzt in der Kirchenbank. Ein Arm lässig über die Lehne gelegt. «So sitze ich am liebsten, auch wenn es fast ein bisschen machomässig aussieht», meint sie.

Marianne Rösch ist Mutter, pensionierte Lehrerin für Textiles Werken und seit 21 Jahren in der Kirchenpflege der Reformierten Kirchgemeinde Schöftland. Seit 17 Jahren amtet sie als Präsidentin.

Chips statt gedörrte Aprikosen

Kirchenpflegerinnen, die ein Hüppi tragen und nur Kamillentee trinken, dieses Image sei verstaubt, sagt sie. Marianne Rösch ist der beste Beweis dafür: kurze Haare, schwarze Kleider. Sie isst lieber Chips als gedörrte Aprikosen.

Marianne Rösch spricht viel und versteckt die Begeisterung für ihre Tätigkeit nicht. Ebenso wenig, wie sie die Probleme der Kirchenpflege verschweigt: Der Kirchgemeinde Schöftland fehlen zwei Kirchenpfleger. Ohne Aussicht auf Besserung.

Zwangsverwaltung in Gontenschwil

Mit diesem Problem ist Marianne Rösch nicht allein. Im ganzen Kanton fehlen der Reformierten Landeskirche Kirchenpfleger: Die Kirchgemeinde Kulm sucht zwei neue Mitglieder, in Menziken-Burg will man die vorgeschriebene Anzahl Mitglieder reduzieren – mangels Bewerbern.

In Hornussen gibt es zurzeit nur noch drei Kirchenpfleger. Das ist zu wenig. Finden sich keine neuen, wird Hornussen ab nächstem Jahr zwangsverwaltet. Denn um beschlussfähig zu sein, braucht eine Kirchenpflege mindestens vier Mitglieder.

In der Kirchgemeinde Gontenschwil ist die Zwangsverwaltung schon Realität. Der Kirchenrat des Kantons hat den Kurator Manfred Statzer eingesetzt. Er ist in einem 30-Prozent-Pensum angestellt und führt die wichtigsten Geschäfte der Kirchgemeinde weiter. Zuvor war er zwei Jahre in Beinwil am See.

«Aufgaben werden anspruchsvoller»

In Schöftland ist die Zwangsverwaltung noch kein Thema. Obwohl die Kirchgemeinde schon einmal gefährlich nah an der kritischen Untergrenze war. Fünf Leute waren letztes Jahr noch in der Kirchenpflege. Aktuell sind es sieben. «Für mich ist die Tätigkeit als Kirchenpflegerin eine der vielschichtigen Arbeiten, die es gibt», sagt Marianne Rösch.

Warum will dann niemand in die Kirchenpflege? Klar ist: Jeden Sonntag auf der vordersten Kirchenbank zu sitzen, das gehört nicht zu den Aufgaben einer Kirchenpflegerin. «Man muss keine Symbiose mit der reformierten Kirche eingehen», erklärt die Präsidentin. Aber irgendein Teil des Herzens müsse schon für die Kirche schlagen.

Marianne Rösch glaubt nicht, dass die Kirchenpfleger fehlen, weil der Kirche die Schäfchen davonlaufen. Sondern, weil die Aufgaben immer anspruchsvoller werden. Ein Beispiel: Die Senioren seien heute clevere Leute. Sie wollen nicht nur gemeinsam Kuchen essen, sondern etwas Neues lernen und zusammen diskutieren. Das stelle dementsprechend höhere Anforderungen an die Mitarbeiterinnen, welche Seniorenanlässe organisieren.

Zuerst meist ein «Nein» als Antwort

Die Kirchenpflege leitet mit Pfarrer und Diakonen die Kirche. Die Kirchenpflege führt aus und kontrolliert. Nur was der Pfarrer am Sonntag predigt, darauf hat sie keinen Einfluss. «Es geht zum Beispiel darum, auszuwählen, welche Bezüge die Kissen der Kirchenbänke haben, aber auch, welche Weiterbildungen der Pfarrer besucht», erklärt Rösch.

Wie die raren Kirchenpfleger gefunden werden, dafür gibt es kein Rezept. Grundsätzlich haben Pfarrer und Kirchenpfleger immer die Augen offen nach potenziellen Mitgliedern. Gesucht werde oft nach Begabungen. Ein Buchhalter wäre zum Beispiel ein gern gesehenes Mitglied im Ressort Finanzen. Ein Wunschkandidat wird persönlich angesprochen. Die normale Reaktion sei ein Nein, sagt Marianne Rösch. Oft brauche es eine erneute Nachfrage und viel Zeit, bis jemand bereit sei.

«Kirchenpflege keine Wellness-Oase»

Ihre Kollegin Doris Peter ist neu Kirchenpflegepräsidentin der Kirchgemeinde Kulm. Sie hat bereits 25 Leute angeschrieben, die als Mitglieder des Gremiums infrage kämen. «Viele fühlen sich geehrt, dass man bei diesem Amt an sie denkt», sagt Peter. Die meisten hätten aber neben Familie und Sportaktivitäten keine Zeit für das Amt. Peter stellt auch immer gleich klar: «Die Kirchenpflege ist keine Wellness-Oase», es sei vor allem administrative Arbeit, von der man aber persönlich profitiere.

Vom persönlichen Gewinn ist auch Marianne Rösch überzeugt. Als sie erzählt, wie viele gute Freunde sie durch ihre Tätigkeit fand, ist sie sichtbar berührt. Nächstes Jahr legt sie ihr Amt nieder. Wer an ihre Stelle rutscht, steht noch in den Sternen.

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