«Samschtig am eis» heisst der Anlass. Drei bis vier Mal pro Jahr lädt die Schöftler Buchhandlung Aleph & Tau ins Vincafé im Untergeschoss ein. Ein Dutzend Frauen hat sich vorgestern eingefunden, um der Lesung der Autorin Doris Smonig-Klauser aus Reitnau zu lauschen. Die 40-jährige Lehrerin an der Schule Staffelbach und Mutter zweier Kinder legt nach ihrem ersten Buch «Bluttränen» nun drei schmalere Bände vor: eindrückliche Porträts von Menschen, denen das Leben nicht immer hold war.

Auftragsarbeiten

Was haben Murti, Rita und Rebekka gemeinsam? Sie fanden nach schwersten Krisen wieder Boden unter den Füssen. Und dies dank wundersamen Erfahrungen oder Erlebnissen, die sie zum Glauben brachten. Die Autorin war ehemals Redaktorin beim «Fenster zum Sonntag», eine Religionssendung, die auf SRF ausgestrahlt wird. Die drei Porträts schrieb sie im Auftrag der Evangelisationsplattform Netzwerk Schweiz. «Man hat die Personen ausgewählt, ich habe sie getroffen», sagt Doris Smonig-Klauser.

Die Autorin lässt in der Lesung das Publikum an allen drei Schicksalen parallel teilhaben, indem sie jeweils in der Kindheit anfängt und zur Gegenwart vorstösst. Die gut verständliche, anschauliche Sprache lässt konkrete Bilder entstehen, und man fühlt mit.

Da ist Murti, ein junger Kurde mit Jahrgang 1978. Als er elf war, musste seine Familie aus der Türkei fliehen, da der Vater der PKK angehört. Smonig erzählt einfühlsam die Flucht mit Hilfe von Schleppern. Die Familie wird im Entlebuch so heimisch, dass die Gemeinde in Bern interveniert: Die Familie wird nicht zurückgeschafft. Alles gut? Murti gerät an Alkohol, Drogen, begeht Fahrerflucht, was den Vater zur Aussage verleitet: «Wären wir doch nie in dieses gottverlassene Land gekommen!» Heute führt Murti in Regensdorf einen Kebab-Laden.

Die Geschichte von Rita, 1943 geboren, zeigt ein tristes Leben mit alkoholkranker Mutter, Verdingung mit Misshandlungen samt sexuellen Übergriffen, Selbstmordversuchen, schwerem Unfall, Kinderlähmung.

Rebekka schliesslich ist heute 29. Die Autorin lässt sie ihre wilde Jugend beschreiben: Mobbing, Kiffen, Alk, Punk-szene, Dealen. «Ich öffnete vielen Menschen den Weg zur Droge», sagt sie. Und das bereue sie heute. Dann die Beziehung zu einem doppelt so alten reichen Erben, der heroinsüchtig ist. Mit 20 heiratet sie einen Israeli, den sie betrügt. Sie wird Mutter einer Tochter.

Erweckungsgeschichten

Die drei bewegenden Lebensgeschichten wirken so unmittelbar und glaubwürdig, weil die Autorin die Protagonisten als Icherzähler reden lässt. Für den nicht-religiösen Leser bräuchte es die Geschichten der Gottfindung nicht, weder den Traum von Murti, der als Alevit von Jesus träumt, noch Rebekka, die plötzlich Mutters Geschenk, einen Kalender mit Bibelzitaten, entdeckt. Für die Autorin (und besonders für ihren Auftraggeber) ist das aber essenziell. «Man kann den Lebenssinn auch in der Arbeit, in der Familie oder in der Natur finden», sagt sie, doch spätestens beim Sterben werde die Frage nach Gott aktuell.