In der Fabrikhalle rattert es. Die Webstühle laufen auf Hochbetrieb. In einem Zwischengang zeigt Geschäftsführer Thomas Huber, wie die Webstühle funktionieren.

Wenn Huber redet, hört man wegen der lärmenden Webstühle nicht viel von seiner Stimme, 92 Dezibel laut ist es im Raum. Aber man sieht in Hubers Augen, dass ihm die Firma eine Herzensangelegenheit ist. Das Interview wird deshalb in einem ruhigeren Raum geführt.

Herr Huber, Sie sind Geschäftsführer einer weltweit tätigen Firma und holen jeden Morgen zu Fuss die Post, das ist ungewöhnlich?

Thomas Huber: Ich wohne vis-à-vis der Firma und habe einen Arbeitsweg von 20 Metern. Der Arbeitsweg ist wichtig, um Distanz zu bekommen zwischen Büro und zu Hause. Deswegen laufe ich gerne die 200 Meter bis zur Post, dann kann ich noch die frische Luft geniessen. Der Weg dürfte auch noch ein bisschen länger sein.

Sie haben die Nachfolge von Ihrem Vater angetreten, wurde Ihnen Ihr Job in die Wiege gelegt?

Nein. Ich habe in Aarau die naturwissenschaftliche Matur gemacht. Danach kamen für mich verschiedene Wege infrage. Das eine war Zahnmedizin, weil wir auch in der Familie einige Zahnärzte haben. Dann interessierte mich die Richtung Biologie/Zoologie. Drittens stand mir eine Vorbereitung für die Übernahme der Bandfabrik offen. Ich habe mich dann für den dritten Weg entschieden. Meine Eltern haben aber nie Druck auf mich ausgeübt.

Was bedeutet Ihnen Tradition?

Tradition ist ein Fundament. Eine Akkumulation von Erfahrungen der Vorfahren, aus der man etwas lernen kann.

Wie wichtig ist dieses Fundament für die Firma?

Das Fundament ist eine stabile Grundlage, auf der man aufbauen kann. Die Firma ist jetzt 150 Jahre alt. Ganze Heerscharen von Leuten haben hier gute Arbeit geleistet. Aus diesem Erfahrungsschatz lässt sich Neues entwickeln.

Wie hat sich die Technik im Laufe dieser 150 Jahre geändert?

Im Grunde hat sich nicht viel verändert, weben konnten bereits die Pfahlbauer. Aber es gab grosse Änderungen im Verfahren. Die alten, traditionellen Schiffchenwebstühle werden seit Jahren nicht mehr hergestellt. Es gab einen Entwicklungssprung zum Nadelweben. Wir haben jedoch die Schiffchenwebstühle noch für gewisse Spezialartikel im Einsatz. Weil es die Maschinen auf dem Markt nicht mehr gibt, haben wir sie selbst gebaut und weiterentwickelt.

Deshalb haben sie auch eine eigene Werkstatt?

Genau. Die Werkstatt ist für uns sehr wichtig. Es geht nicht nur ums Weben, danach passiert noch viel mehr. So mussten wir das Verfahren zum Beschichten von Bändern selber entwickeln und dann auch die Maschinen dazu. In der Werkstatt können Versuchsvorrichtungen und Testanlagen gebaut werden, hier können wir auch Änderungen an den Maschinen vornehmen und sie unseren Bedürfnissen anpassen.

Was haben Sie selbst entwickelt?

Beispielsweise produzieren wir Lamellenaufzugbänder, die weltweit patentiert sind. Dazu kommt das System «Hagofix». Das sind Artikel, welche die Sonnenschutzindustrie zum Kippen von Lamellen braucht. Dieses System beinhaltet eine Gelenkverbindung von den Lamellen zum Tragband. Das ist eine revolutionäre Technik, die wir selbst entwickelt haben und die patentiert ist.

Sind Sie stolz auf diese Erfindung?

Auf eine Art schon, auf eine andere Art ist es auch die Berechtigungsgrundlage für unsere Existenz hier. Die Eigenprodukte wie Storenbänder und die Bänder zum Kippen von Lamellen sind auf unserem Mist gewachsen. Zum Teil auch in Zusammenarbeit mit den Kunden. Die Eigenprodukte machen rund drei Viertel unseres Gesamtumsatzes aus, wir sind also abhängig von ihnen. Wenn wir einfach nach Kundenwunsch Bänder weben würden, wären wir schon lange nicht mehr hier. In Fernost gibt es Webereien, welche solche Gebrauchsbänder viel billiger produzieren können.

Ohne spezielle Eigenprodukte hätten Sie also keine Chance?

Ein Eigenprodukt ist immer gescheiter als ein Produkt, das jeder andere auch machen könnte. Wir bieten Problemlösungen an, die einzigartig sind, die aber ihren Preis haben. Das verbessert auch unsere Ertragslage und die Sicherheit der Arbeitsplätze.

Warum ist diese weltweit tätige Firma in Oberkulm stationiert?

(Lacht.) Das ist eine gute Frage. Wir hatten keine bessere Idee. Wir sind einfach hier aufgewachsen. 2002/2003 haben wir uns massiv vergrössert und einen modernen Betrieb gebaut. Das ist nur gegangen, weil wir Land ums Haus hatten und die Gemeindebehörde mitgemacht hat. Zusätzlich wohnen alle unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Nähe.

Wie kommen Sie im Wynental überhaupt zu Arbeitskräften?

Reinach und Menziken sind Hochburgen von Leuten, die aus der Aluminium- oder Drahtindustrie, aber auch aus der Tabakindustrie kamen und neue Stellen suchen mussten. Weil die Verkehrsanbindungen gut sind, ist das kein Hindernis. Das Problem ist eher, dass es schwierig ist, Kader und Spezialisten hierher zu locken. Diese ziehen öfters die grossen Zentren vor.

Warum arbeiten in der Bandfabrik so viele Frauen?

Bei uns arbeiten rund 50 Mitarbeiter. 80 Prozent der Belegschaft sind Frauen, sie haben einfach das Gefühl für Fäden. Fäden und Frauen passen zusammen wie Schraubenzieher und Männer. Das ist einfach unsere Erfahrung. Wenn man Männer an die Fäden lässt, kommt es nicht gut, sie haben häufig zwei linke Hände.

Nun schauen Sie auf 150 Jahre zurück, was bedeutet Ihnen das?

Für mich ist es eine Verpflichtung, das Ganze weiter am Leben zu halten. Die ganze Familie konnte über 150 Jahre lang von den Leistungen der Mitarbeiter profitieren. Ich will nicht, dass nach 160 Jahren ein Strich gezogen wird und die Firma Geschichte ist.

Gibt es Pläne für die Zukunft?

Ja, vor zwei Jahren haben wir die rechtliche Struktur der Firma geändert und die Neumatt Holding AG gegründet. Der Holding sind nun die zwei Firmen, die Romay AG in Oberkulm und die Bandfabrik Huber, angeschlossen. Dies ergibt eine übersichtliche Situation im Fall einer Nachfolgelösung. Ich habe keine Kinder, eine meiner Schwestern hat drei Kinder im Mittelschul-Alter. Die neue Struktur erlaubt es jetzt, dass auch ein externes Management eingesetzt werden könnte.

Für Ihre Nachfolge ist also alles eingeleitet. Beruhigt Sie das?

Ja, eindeutig.

Tag der offenen Tür: In der Huber & Co. AG Bandfabrik in Oberkulm sind morgen Samstag, 21. Juni, von 10 bis 15 Uhr die Türen für die Bevölkerung geöffnet.