Was die Verkäuferin noch mit professioneller Gleichgültigkeit ertragen hatte, war der alten Dame zu viel: Der Mann, der da mitten in der Unterwäscheabteilung stand, um die Brust einen BH gezurrt. «Die Dame machte auf dem Absatz kehrt und verliess die Abteilung fluchtartig», sagt Edmund Studiger und lacht.

Dabei hatte er doch gar keine bösen Absichten. Wobei – doch, ein bisschen böse war die Absicht schon. Studiger wollte als Hexe an die Fasnacht, und zwecks vollständiger Verwirrung der anderen Narren sollte diese Hexe Holz vor der Hütte haben.

Deshalb der BH. Deshalb der Gang nach Aarau, damals noch in die alte Globus-Filiale an der Bahnhofstrasse, direkt zum Wühltisch mit der reduzierten Damen-Unterwäsche. Deshalb die aufmerksame Beraterin, die ihm in stoischer Ruhe den Brustumfang mass, drei passende Modelle aussuchte und ihn damit zum Anprobieren in die Kabine schickte. Deshalb die entsetzte alte Dame. Und deshalb eine ganz besondere Sammelleidenschaft.

Zwölf Unterröcke an einer Frau

Edmund Studiger (73) sammelt seit über 30 Jahren Unterwäsche. Seit besagtem Einkauf und der Zeitungsmeldung irgendwann im Jahr 1986, wonach sowohl das Auto als auch der BH in diesem Jahr 100-jährig wurden. Eine Meldung, die Studiger verwunderte, konnte er doch kaum glauben, dass es erst 100 Jahre sein sollten.

Und weil er immer nachforscht, sobald ihn etwas wundert, nahm er sich der Geschichte des BHs an. «Autoverrückte gibt es ja schon genug», sagt er. Und so zog er über Antikwarenmärkte und durch Brockenstuben und kaufte Unterwäsche.

Heute stehen im Estrich des Alt-Gemeindeammanns Kisten voller Unterhosen, BHs, Untertaillen, Bodys, Korsagen, Beinkleider, Korsetts, Hüftbänder, Reifröcke und Unterhemden. Nicht Hunderte. «Eher Tausende», sagt er.

Immer wieder stellt er die schönsten Stücke an Ausstellungen im In- und Ausland aus. Es ist die wohl konsistenteste Sammlung von Unterwäsche für Frauen und Männer seit der Erfindung um 1860. Wobei, Studiger korrigiert sogleich: «Selbstverständlich gab es auch schon vor 1860 eine Art Unterwäsche.»

Während die Männer schon früh Unterhosen mit Latz trugen, die der heutigen Unterhose ähneln, sah es bei den Frauen etwas anders aus. So habe die Französin jeweils drei Unterröcke getragen, die erzkatholische Spanierin sogar bis zu zwölf.

«Der Unterste war der wichtigste Rock, ohne ihn durfte eine Frau nicht aus dem Haus.» Gewaschen wurde er gemäss damaliger Sitte einmal im Jahr, bei der grossen Wäsche im Frühling, mit Buchenasche im grossen Zuber im Freien.

1899 reichte die Dresdnerin Christine Hardt das Patent für den allerersten Brusthalter ein. Unterhosen für Frauen kamen erst Ende des 19. Jahrhunderts in Frankreich auf, so Studiger. «Weil die Behörden die Freizügigkeit der Damen beim Bühnentanz, dem ‹Can-Can›, verboten.»

Also zogen die Frauen und Mädchen die Unterhosen ihrer Männer und Brüder an. Doch der Slip hatte einen schweren Stand. So etwas hätten nur Prostituierte nötig, hiess es. Und weil ein Damen-Slip etwas derart Unverschämtes war, nannte man es noch nicht einmal beim Namen: «Man nannte die Unterhose lange Zeit nur ‹die Unaussprechliche›», sagt Studiger.

Edmund Studiger führt in seiner Sammlung Stücke aus der Anfangszeit der Unterwäsche. Korsetts und Reifröcke, so eng, dass sie heute kaum eine Frau mehr tragen könnte. Auch damals dauerte es Jahre, bis einer Frau so etwas passte: «Über mehrere Jahre hinweg wurden die jungen Frauen eingeschnürt, immer noch ein bisschen enger, bis die Taille so schmal war», sagt Studiger.

Ein unerträgliches Leiden für das Schönheitsideal, gewickelt in dicke Stoffe, festgezurrt mit Schnallen und Knöpfen, gestreckt mit Gestänge; einzig ein Stück Seide und feine Nadel- oder Klöppelspitze trösteten über die Qual hinweg. «Solche Stücke konnten sich aber nur die Reichen leisten», sagt Studiger. Die einfachen Frauen nähten sich ihre Wäsche meist aus grobem Leinen, höchstens aus Baumwolle.

«Halt etwas verklemmt»

Das alles sind unbestrittenermassen spannende Geschichten – und doch mutet es etwas komisch an, wie Edmund Studiger da sitzt, erzählt und sich durch die Unterwäsche wühlt. «Am Anfang habe ich auch über mich selbst gestaunt», sagt er. Aber heute sehe er das gelassen.

«Mir geht es darum, ein Stück Modegeschichte zu dokumentieren und in seiner ganzen Vielfalt aufzuzeigen», sagt er. «Deshalb habe ich auch keine Hemmungen, über mein Hobby zu reden.» Auch seine Frau habe keine Probleme mit der Unterwäsche: «Als gelernte Klöppellehrerin hat sie sogar eine helle Freude an der uralten Spitze.»

Und was sagen die Leute im Dorf zum Hobby ihres ehemaligen Gemeinderats und späteren Ammanns? Natürlich seien immer wieder Sprüche geklopft worden. Und bei seiner ersten Ausstellung mit ein paar anderen Ausstellern seien gewisse Leute mit gesenktem Kopf und hochgeschlagenem Mantelkragen an seinem Stand vorbeigeschlichen.

«Die Schweizer sind halt etwas verklemmt», sagt Studiger. «Aber ich habe nie direkt gesagt bekommen, ich sei ein Grüsel.» Sowieso versteht er die Hemmungen nicht. «Wir tragen ja alle Unterwäsche, warum also die Aufregung?»