Muhen

«Diese Gebäude waren nicht nur aus Stein, Zement und Stahl, die waren mit Herzblut gebaut»

Das letzte Bild vor dem Abbruch.

Das letzte Bild vor dem Abbruch.

Das Schulhaus Süd samt Turnhalle wird abgerissen. Ein Bau, für den einst das ganze Dorf kämpfte.

Das Schulhaus Süd in Muhen ist nicht mehr. Verschwunden ist ein Ort der Erinnerungen; an Erfolge, an Zitterpartien, an Mutproben, an Schulschätze und Vereinsabende. Doch der Trakt samt Turnhalle ist für die Müheler mehr: Ein Bauwerk, um das die Gemeinde in den Kriegsjahren mühsam mit Kanton und Bund ringen musste und das den Rückhalt und Einsatz aller erforderte.

Einer der ersten Sekundarschüler im neuen Schulhaus war Kurt Rey, alt Gemeindeammann und Dorfhistoriker. Als 14-Jähriger staunte er im Sommer 1947 über die geräumigen Zimmer, in denen er und seine Mitschüler nun nicht mehr wie die Hühner auf der Stange sitzen mussten. 54 Kinder zählt man auf Reys Klassenfoto, die Fünft- und Sechstklässler in der gleichen Klasse. «Wir waren noch nicht einmal die grösste Klasse», sagt Rey, der in den letzten Tagen Zahlen und Fakten zum Schulhaus gesammelt hat.

Voll bis unters Dach

Bis 1947 steht in Muhen nur das Schulhaus aus dem Jahr 1898, voll bis unters Dach. 263 Kinder sind 1943 in den Büchern gelistet, verteilt auf acht Klassen und fünf Zimmer. Dazu kommen im Erdgeschoss die Gemeindeverwaltung, die Abwartswohnung und die Turnhalle, in der sich nicht nur Schüler verrenken, sondern auch Vereine musizieren und sich die Müheler zu Gemeindeversammlungen und Gottesdiensten versammeln – über den Köpfen derer, die gegen das Gesetz verstossen haben und zur Strafe im Keller schmoren. «Es war so eng im Haus; die Situation war unerträglich», so Rey.

Bei der Einweihungsfeier vor genau 70 Jahren war das ganze Dorf auf den Beinen – so gross war die Freude.

Bei der Einweihungsfeier vor genau 70 Jahren war das ganze Dorf auf den Beinen – so gross war die Freude.

Es musste etwas geschehen. Doch mit seinem Gesuch um einen Neubau beisst der Gemeinderat 1943 beim Kanton auf Granit: Das geplante Gebäude sei nicht ausbaufähig und ästhetisch unbefriedigend, ausserdem könnten die genauen Baukosten nicht ermittelt werden. Im März 1945 wagen die Müheler einen zweiten Versuch – und scheiterten erneut. Diesmal kommt der Bericht vom Eidgenössischen Volksdepartement: Der Bund brauche allen Zement und Stahl für den Bau von Bunkern, nicht für Schulhäuser. Auch ein Wiedererwägungsgesuch wird mit der gleichen Begründung abgeschmettert.

Mit dem Kriegsende im Mai 1945 kommt nicht nur Frieden, sondern auch Baumaterial. Und so errichten die Müheler ihr Schulhaus samt Turnhalle – für 270 000 Franken. Ein finanzieller Kraftakt, die jährlichen Steuereinnahmen belaufen sich auf nur 90 000 Franken. «Doch allen war klar, wie dringend nötig der Bau war, jeder Müheler stand hinter dem Projekt», so Rey.

Ein unvergessenes Dorffest

Als im Sommer 1947 Schulhaus und die «Neue Turnhalle» stehen, ist die Freude so gross, dass die Gemeinde zwei Tage lang feiert; mit Gottesdienst, Einweihungsakt und einem Umzug: Zu 52 Sujets aus der Dorfgeschichte ziehen die Teilnehmer durchs Dorf, verkleidet als Bäcker oder Hofdamen, als Auswanderer oder Römer. Das ganze Dorf sei auf den Beinen gewesen, erinnert sich Rey und lächelt. «Es war ein Fest, wie es Muhen bis dahin nicht gesehen hatte – und auch seither nie wieder.»

Tausende sind seither hier zur Schule gegangen, haben bei Auftritten von Joe Roland, Vico Torriani oder Lys Assia geschunkelt oder die Konzerte der Musikgesellschaft genossen. Jetzt macht das alles Platz für einen Neubau. «Das geht einem schon nah», sagt Rey, «nicht nur mir.» Das Schulhaus Süd und die «Neue Turnhalle» seien für Muhen etwas Besonderes gewesen. «Diese Gebäude waren nicht nur aus Stein, Zement und Stahl, die waren mit Herzblut gebaut.»

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