Eigentlich hatte Janine Rupp einen anderen Plan. Vor vielen Jahren wollte sie, aufgewachsen auf einem Bauernhof in Seon, Tierärztin werden. Doch es gab ein grosses Problem: Blut sieht sie nicht gerne. Sie entschied sich für einen Beruf ohne Blut, für eine Lehre auf der Gemeinde Rupperswil und wechselte danach auf die Gemeindeverwaltung Reitnau. Vor zwei Jahren stellte sie beim Reitnauer Gemeinderat den Antrag für die Gemeindeschreiber-Weiterbildung, weil sie sich dadurch erhoffte, den Reitnauer Gemeindeschreiber Heinz Wölfli besser vertreten zu können. Dass sie jetzt selber Gemeindeschreiberin in der Nachbargemeinde Attelwil ist, hätte sie sich damals noch nicht vorzustellen gewagt.

Zuers eine Nacht darüber schlafen

Doch die beiden Gemeinden Reitnau und Attelwil liebäugelten schon länger, die Verwaltungen zusammenzuführen und zudem hörte der Attelwiler Gemeindeschreiber nach über 30 Jahren auf. Janine Rupp bekam die Stelle als Attelwiler Gemeindeschreiberin angeboten. «Ich musste zuerst eine Nacht darüber schlafen», sagt sie heute. Denn das Amt als Attelwiler Gemeindeschreiberin und Leiterin Finanzen kamen zusätzlich zu ihrer Stelle als Leiterin Finanzen von Reitnau dazu. «Ich habe mir gut überlegt, ob ich diese Aufgabe in meinem 100-Prozent-Pensum noch integrieren kann», sagt Janine Rupp, die in Moosleerau wohnt.

«Man schaut noch füreinander»: Janine Rupp macht Werbung für ihre Gemeinde.

«Man schaut noch füreinander»: Janine Rupp macht Werbung für ihre Gemeinde.

«Ich kam zum Schluss, dass es nichts Besseres gibt, als das, was ich in der Schule gelernt habe, gleich anzuwenden.» Sie sagte zu. Glücklicherweise bekam sie eine Sachbearbeiterin zur Seite gestellt, die ihr vor allem im Bereich Finanzen unter die Arme greift.

Dass die 25-Jährige noch sehr jung ist für den Beruf als Gemeindeschreiberin und noch wenig Erfahrung mitbringt, das stört sie überhaupt nicht. «Wenn ich es nicht probiere, weiss ich auch nicht, ob ich es kann», sagt sie. Dadurch, dass die beiden Verwaltungen von Reitnau und Attelwil mittlerweile zusammengelegt wurden, steht ihr auch der Reitnauer Gemeindeschreiber Heinz Wölfli mit Rat zur Seite. Dass sie eine Kaderstelle besetzt, die auf den Verwaltungen meist in Männerhänden ist, freut sie. Kinder seien zwar noch kein Thema, trotzdem wisse sie schon jetzt, dass sie auch als Mutter in ihren Jobs bleiben möchte. «Dann aber sicher Teilzeit, wenn das irgendwie möglich ist», sagt sie.

Auch «böse Telefonate»

Seit drei Monaten arbeitet Janine Rupp auf der Gemeindeverwaltung Reitnau als Gemeindeschreiberin von Attelwil sowie Leiterin Finanzen von Attelwil und Reitnau. Auch «böse Telefonate», wie sie es nennt, hat sie schon bekommen. «Einmal sagte mir ein Einwohner, was mir eigentlich einfalle, einen Brief wegen einer unbezahlten Rechnung eingeschrieben zu senden», sagt sie. «Doch da stehe ich drüber. Wenn ich eine Rechnung nicht zahlen würde, würde ich auch eine Mahnung bekommen.»

«Es waren drei anstrengende Monate, weil ich noch nie mit dieser Materie gearbeitet habe», sagt sie. Trotzdem gefalle ihr die Arbeit als Gemeindeschreiberin, obwohl sie sich mehr als Zahlenmensch sieht, sich mehr zu den Finanzen hingezogen fühlt. Und manchmal nimmt sie die wenigen Meter zur Gemeindeverwaltung Attelwil – die momentan ungenutzt ist – unter die Füsse, weil sie im Archiv nach Akten suchen oder die Post holen muss.

Neben ihren drei Jobs ist Janine Rupp auch Aktuarin des Wasserverbands Attelwil-Reitnau und Aktuarin der Kreisschule Oberstufe Oberes Suhrental. Wochen voller Sitzungen – auch am Abend – sind keine Seltenheit. Daneben haben Hobbys kaum Platz, und wenn sie mal freie Zeit hat, geniesst sie es, in Ruhe ein Buch zu lesen oder sich im Fitness auszupowern. In Reitnau hat Janine Rupp gefunden, was sie gesucht hat. «Blut sehe ich hier nur noch, wenn die scharfe Kante eines Blattes mich schneidet, doch das ist kein Problem», sagt sie mit einem Augenzwinkern.