Erfunden hat die Brieftaubenfotografie 1903 der deutsche Hofapotheker Julius Neubronner. Er setzte Brieftauben ein, um Rezepte und Medikamente bis zu einem Gewicht von 75 Gramm rasch verschicken zu können. Dann konstruierte er eine leichte Miniaturkamera, die mithilfe eines Geschirrs auf die Brust der Tauben geschnallt wurde. Was anfänglich eher als Jux gedacht war, funktionierte recht gut. Die Tauben brachten Luftaufnahmen von ihren Flügen zurück.

Neubronner pröbelte weiter, erhielt 1907 das Patent für seine Erfindung, die er an der internationalen Luftschifffahrtausstellung in Frankfurt präsentierte. Da meldete das preussische Kriegsministerium sein Interesse an. Doch die Luftaufklärung durch die Brieftaubenfotografie funktionierte nicht so, wie sich das die Preussen vorgestellt hatten. Erstens wusste man nie genau, was für Aufnahmen die Tauben zurückbringen würden. Zudem dauerte es viel zu lange, bis die Brieftauben nach der Versetzung des Taubenschlages umgelernt hatten.

Trotz des Misserfolgs in militärischen Belangen ist die Brieftaubenfotografie nie ganz ausgemustert worden. Vor dem 2. Weltkrieg trainierte das deutsche Militär mit fotografierenden Brieftauben, die Franzosen rühmten sich, sie könnten die jetzt filmenden Tauben mittels trainierter Hunde hinter die feindlichen Linien bringen und dort starten lassen. Und auch in den USA soll man mit dem Einsatz von Brieftauben für die militärische Aufklärung experimentiert haben.

Im Aargau kaum beachtet

Als Adrian Michel aus Schmiedrued-Walde 1931 zum militärischen Hilfsdienst bei den Brieftauben einrückte, wusste er nichts von alledem. Er stiess dann aber auf Neubronners Kamera und erkannte das Verbesserungspotenzial und erfand eine neue Kamera. Er optimierte die Mechanik und reduzierte das Gewicht. Wahrscheinlich baute der aus einer Uhrenmacherdynastie stammende Michel die erste Kamera mit Federwerk. Die Schweizer Armee war anfänglich an Michels neuer Kamera, die 1937 patentiert wurde, stark interessiert. Michel erhoffte sich, die Kamera in seiner Fabrik in Schiltwald in grosser Stückzahl produzieren zu können. Doch das Militär zog sich zurück. Der Auftrag blieb aus. Desillusioniert wandte Michel sich anderen Projekten zu.

Das Schweizer Kameramuseum besitzt rund 1000 Aufnahmen, die Michel während der Entwicklung seiner Kamera für Testzwecke gemacht hat. 2007 widmete das Museum in Vevey Adrian Christian Michel aus Schmiedrued-Walde die Ausstellung «Des pigeons photographes?». Im Aargau wurde sie kaum beachtet.