Unterwegs mit der Pöstlerin
Die vielen Hochulis in Reitnau führen die Pöstler oft aufs Glatteis

Trotz klirrender Kälte und Schneegestöber geht eine junge Frau mit ihrem knallgelben Roller unbeirrt ihren Weg: Bettina Blatter, 28 Jahre, Pöstlerin von Reitnau. Die az hat sie begleitet – und einiges über die Reitnauer erfahren.

Pascal Meier (Text und Fotos)
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Gestatten: Bettina Blatter, 28, Pöstlerin von Reitnau
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Ab 6 Uhr verteilt Bettina Blatter die Briefpost auf die Haushaltungen
Ab 6 Uhr verteilt Bettina Blatter die Briefpost auf die Haushaltungen
Die Posttour Reitnau trägt die Nummer 132
Von der Zustellstelle Schöftland aus werden 13 Gemeinden im Suhren- und Ruedertal bedient
Bettina Blatter liefert auch Päckli bis 30 Kilo aus
Der gelbe Roller wird beladen
Unterwegs in Reitnau
Die Postfächer sind bei der Postfiliale im Gemeindehaus untergebracht
Unterwegs in Reitnau
Vorsicht vor Glatteis!
Mit Pöstlerin Bettina Blatter auf Tour in Reitnau
Bettina Blatter ist sich die Fahrt auf Schnee gewohnt
Nach 13 Uhr ist die Tour zu Ende

Gestatten: Bettina Blatter, 28, Pöstlerin von Reitnau

Pascal Meier

Die Reitnauer lieben Päckli und das nicht nur zu Weihnachten. «Wir liefern erstaunlich viele ins Dorf hinauf», sagt Bettina Blatter. Die 28-Jährige schreitet um 7.10 Uhr durch die Post-Zustellstelle in Schöftland und steuert auf einen Berg Päckli zu. Flink greift sie einzelne Pakete heraus und verstaut diese auf ihrem postgelben Roller.

Dass die Reitnauer den Päckli sehr zugetan sind, bekommt Bettina Blatter morgens als erste zu spüren. Sie ist die Pöstlerin im Dorf, offiziell Zustellerin genannt oder Logistikerin EFZ. Zwar wird ein Teil der Päckli für Reitnau mit dem Lieferwagen von Schöftland zur Postfiliale im Gemeindehaus gefahren und dort für die zweite und dritte Tour von Blatter deponiert. Dennoch stapeln sich unzählige Schachteln auf ihrem Roller. Die schwerste wiegt 30 Kilo.

Warum die Post mehr Päckli nach Reitnau liefert als in andere Gemeinden, kann sich Bettina Blatter nicht erklären. Vielleicht ist es die Abgeschiedenheit des kleinen Dorfes am südlichen Zipfel des Aargauer Suhrentals oder die spärlichen Einkaufsmöglichkeiten? Diverse Pakete von Online-Händlern wie Zalando, LeShop und Digitec lassen dies vermuten.

Dreh- und Angelpunkt Schöftland

Die Päckli landen in grauen Kisten am Lenker von Bettina Blatters Roller, auf dessen Rücksitz und im Anhänger. Dort stapelt sich bereits die Briefpost. Blatter hat diese zuvor in der Reihenfolge ihrer Tour sortiert. «Einfächern» nennt man das bei der Post, und diese Arbeit beginnt in Schöftland um 6 Uhr. Die adressierte Briefpost wird auf Fächli verteilt, die für Haushalte und Liegenschaften stehen, und mit andere Sendungen wie Zeitungen ergänzt. Die Coop-Zeitung etwa wird neu in der Reihenfolge der Briefkästen adressiert, was die Sortierung erleichtert.

Eine Vereinfachung ist die sogenannte Gangfolgesortierung: Neun von zehn Briefen werden in den grossen Brief- und Logistikzentren automatisch für die Verteiltour vorsortiert.

Die Sortieranlagen stossen jedoch an Grenzen: «Briefe ohne korrekte Adresse, und dazu gehört die Hausnummer, können nicht maschinell vorsortiert werden», sagt Peter Krapf, Teamleiter der Zustellstelle Schöftland. Die Drehscheibe ist mit 10'000 bedienten Haushaltungen die grösste in der Zustellregion Aarau. Von hier aus schwärmen morgens die postgelben Roller und Lastwagen in 13 Gemeinden des Suhren- und Ruedertals aus.

Der neue Roller ist (zu) leise

Trotz der vielen Mitarbeiter ist es um 7 Uhr erstaunlich ruhig in der Schöftler Zustellstelle. Überall werden Briefe in Fächer gesteckt, Päckli durch die Halle getragen und Roller beladen. Diese surren fast lautlos vorbei, die Post setzt voll auf Elektroantrieb. Schlaftrunken zum Briefkasten schlurfen, wenn man beim Frühstück den Benzinmotor des Töfflis hört, ist vorbei.

Der lautlose Antrieb hat aber seine Tücken: «Fussgänger hören uns nicht», erzählt Bettina Blatter, als sie eine dicke Jacke über den Thermopulli zieht und sich für ihre Tour mit der Nummer 132 warm einpackt. Inzwischen hätte sich die Bevölkerung aber daran gewöhnt.

Nur noch wenig Kafi-Einladungen

Kurz nach 8 Uhr fährt Bettina Blatter mit Töff und Post über Staffelbach nach Reitnau. Das Dorf wirkt ausgestorben, ein älterer Mann mit Hut, Hund und Milchkännchen grüsst freundlich aus der Stille. Über dem Dorf liegt eine Schneedecke. Im Winter ist der Job des Briefträgers eine besondere Herausforderung: «Das schlimmste ist das Glatteis», sagt Blatter. Dieses lauere unsichtbar unter dem Schnee. Die neuen Dreirad-Roller seien zum Glück sicherer als jene mit zwei Rädern. «Es braucht viel mehr um zu stürzen.»

Bettina Blatter spricht aus Erfahrung. Ein grosses Problem seien Vorplätze, die nicht geräumt sind. Was viele Hausbesitzer nicht wissen: Stürzt der Pöstler, tragen sie die Verantwortung.

Statt Glatteis machen Bettina Blatter an diesem Morgen Schneeverwehungen zu schaffen. Und die Kälte: Eine steife Brise drückt die gefühlte Temperatur weit unter die gemessenen minus drei Grad. Für Bettina Blatter, die sich als Bauerntochter viel gewohnt ist, kein Problem. «Mit Thermowäsche und vielen Schichten geht es.»

Das obligate Kafi gibts fast nicht mehr

Viele Reitnauer haben trotzdem Mitleid mit Bettina Blatter. «Scho chalt hüt», sagt eine Frau, als sie den Briefkasten leert. «Secher ned eifach z’fahre», tönt es beim Nachbarhaus. Das hört Bettina Blatter mehrmals an diesem Morgen. Kontakte wie diese liebt die junge Frau an ihrem Job, genauso die Verantwortung und die Zeit an der frischen Luft.

Von vielen Einladungen zum Kafi, wie es früher üblich war, hört sie aber nur noch von älteren Kollegen. Diese Zeiten sind vorbei. «Ab und zu werde ich eingeladen und mache so meine offizielle Arbeitspause.» In Aarau, eine der Stationen in ihren zwölf Jahren bei der Schweizerischen Post, habe es weniger spontane Einladungen gegeben.

In Reitnau würden ältere Leute zudem ab und zu eine Tafel Schoggi schenken. Und Ende Jahr ein Nötli oder eine Flasche Wein. «Das nimmt aber immer mehr ab.»

Dies dürfte damit zusammenhängen, dass viele Einwohner ihren Briefträger nicht mehr kennen. Die Zeiten, als der Mann arbeitete und die Frau Haus und Familie hütete, sind vorbei und das Klingeln von Pöstlerin Blatter läutet oft ins Leere. Bei mehr als jedem zweiten Päckli oder eingeschriebenem Brief ist heute niemand zu Hause. Bettina Blatter füllt ständig Abholeinladungen aus. Ein Aufwand, der Zeit frisst.

Welcher Hochuli ist gemeint?

Auf der weiteren Tour durch Reitnau mit seinen 531 Haushaltungen zeigt sich dann, warum unvollständige Adressen ein Problem sind: Im Dorf gibt es so viele Hochulis und Häfligers, dass an manchen Strassen mehrere Reitnauer mit dem gleichen Vor- und Nachnamen wohnen.

Wenn dann noch als Adresse Flurnamen wie «Winkel» und «Unterdorf» verwendet werden, ist das Chaos perfekt. Doch Bettina Blatter ist meist sattelfest – sie, die in Reitnau geboren und aufgewachsen ist. «Wen ich noch nicht kenne, lerne ich jetzt kennen.»

Kurz nach 13 Uhr hat der letzte Brief sein Ziel erreicht. Blatter fährt zurück nach Schöftland. Der Arbeitstag ist noch nicht zu Ende: Die B-Post wurde inzwischen angeliefert und muss für die morgige Lieferung sortiert werden. Die Päckli folgen dann in den frühen Morgenstunden. Viele davon für die Reitnauer.