Kunstraub Uerkheim
Die verloren geglaubte Madonna kehrt endlich an ihren Platz zurück

Kunstdieb Stéphane Breitwieser stiehlt 2001 das kunsthistorisch bedeutende Glasgemälde der Madonna von Hans Funk aus der reformierten Kirche in Uerkheim – in einem Kanal im Elsass taucht es wieder auf. Nun fand es an seinen angestammten Platz zurück.

Aline Wüst
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Die Madonna von Hans Funk aus dem Jahre 1520 ist ein bedeutendes kirchenhistorisches Kunstwerk.

Die Madonna von Hans Funk aus dem Jahre 1520 ist ein bedeutendes kirchenhistorisches Kunstwerk.

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Das Jesuskind ist verschwunden. Es liegt zerbrochen auf dem Grund eines Kanals im Elsass. Genauso wie der Kopf der Madonna. Das ist der Tiefpunkt der Geschichte dieses Glasgemäldes – er liegt elf Jahre zurück.

Aber nun, während die Medien aufgeregt über einen der grössten Kunstfunde aller Zeiten berichten, steuert diese Geschichte einem unaufgeregten Happy End entgegen: Die Madonna, die einer der grössten Kunstdiebe stahl, kehrt zurück. Dahin, wo sie hingehört – nach Uerkheim, ans Kirchenfenster.

Er wusste genau Bescheid

Es ist Anfang September im Jahr 2001, als ein junger Franzose in Uerkheim haltmacht. Ausgerechnet in Uerkheim. Einem Dorf, das auch kaum ein Aargauer kennt. Doch der Elsässer geht zielstrebig die 52 Treppenstufen zur Kirche hinauf. Die Tür zur Kirche ist unüblicherweise verschlossen. Der Mann hat damit gerechnet.

Er kennt die Telefonnummer der Sigristin Liselotte Stadler und ruft sie an, erklärt, dass er ein Buch schreibe und deshalb die Glasgemälde fotografieren wolle. Die Sigristin macht sich sofort auf den Weg zur Kirche. Sie erinnert sich noch heute daran, wie ausgesprochen nett der junge Mann war. Als er ihr sagt, dass sein Besuch eine Weile dauern werde, geht sie nach Hause zurück.

Es ist nichts Besonderes, dass Fremde die kleine Kirche besuchen. Schliesslich hängen kulturhistorisch bedeutende Glasgemälde darin. Zwei davon hat Hans Funk, einer der renommiertesten Glasmaler der Schweiz, 1520 gemalt.

Der Fremde in der Kirche will die Glasgemälde weder bestaunen noch fotografieren. Er ist gekommen, um eines davon mitzunehmen. Der Mann heisst Stéphane Breitwieser und hat in den vergangenen zehn Jahren in ganz Europa über 300 Kunstwerke gestohlen.

In der Kirche von Uerkheim wurde die Glasmalerei der Madonna gestohlen.
4 Bilder
Der Franzose Stéphane Breitwieser hat Kunstwerke im Wert von 20 Millionen gestohlen.
Soldaten suchen 2002 im Rhein-Rhone-Kanal nach Kunstwerken, welche Breitwiesers Mutter in Panik entsorgte.
Die Madonna von Hans Funk aus dem Jahre 1520 ist ein bedeutendes kirchenhistorisches Kunstwerk.

In der Kirche von Uerkheim wurde die Glasmalerei der Madonna gestohlen.

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«Mein Herz schlägt wie wild»

Die Uerkner Kirche ist klein, auch ihr Eingang ist es. Breitwieser bückt sich, um sich den Kopf nicht zu stossen. Drinnen ist es still und kühl. Vorne im Chor sieht er sie, die fünf Glasgemälde. Das Wertvollste ist die Madonna. «Mein Herz schlägt wie wild, nicht nur wegen der Gefahr, sondern wegen des Werkes, das ich bald besitzen werde», beschreibt Breitwieser später den Moment vor einem Diebstahl.

Er nähert sich der Madonna, will sehen, wie das 45 Zentimeter hohe und 36 Zentimeter breite Gemälde am Fenster befestigt ist. Um die Schrauben zu lösen, braucht er einen Schraubenzieher. Er verlässt die Kirche und holt im Auto das benötigte Werkzeug. Wieder zurück im Gotteshaus steigt er auf die Armlehnen der hölzernen Chorbank, um an die Madonna heranzukommen.

Hätte in diesem Moment ein Uerkner unten auf der Hinterwilerstrasse seinen Blick zur Kirche gehoben, er hätte die Umrisse des Mannes gesehen, der die Madonna aus der Halterung schraubt. Doch niemand schaut hinauf und Breitwieser verschwindet mit dem Glasgemälde.

Kunsträuber aus Leidenschaft

Er will es nicht verkaufen. Wie all die anderen gestohlenen Kunstschätze wird auch die Uerkner Madonna sein Zimmer schmücken. Sie wird Teil seiner Sammlung werden. Von seinem Himmelbett aus wird er sie bestaunen und sich daran berauschen.

Am nächsten Sonntag bemerkt die Nachbarin von Liselotte Stadler während des Gottesdienstes den Diebstahl. Für die Sigristin ist sofort klar, wer das Gemälde gestohlen hat. Die Polizei wird alarmiert. Der Wert der Scheibe wird auf 10 000 Franken beziffert. Die Aargauer Denkmalpflege schätzt ihn weitaus höher ein. Lieselotte Stadler macht sich Vorwürfe.

Zwei Monate nach dem Diebstahl in Uerkheim begeht Breitwieser einen Fehler. Er stiehlt im Richard-Wagner- Museum in Luzern, kehrt an den Tatort zurück und wird verhaftet. Es dauert eine Weile, bis der Polizei klar ist, wer ihr da ins Netz gegangen ist.

Kunstdieb aus Leidenschaft

Stéphane Breitwieser wurde 1971 in Mulhouse geboren. Er ist ein Einzelkind – ein glückliches, wenn auch etwas zu ernstes. Als er 19 Jahre alt ist, trennen sich seine Eltern. Der Vater zieht aus, Breitwiesers Welt bricht zusammen. Er findet den Rank nicht, lebt von Arbeitslosengeld, jobbt. Die Mutter umsorgt ihn, steckt ihm immer wieder Geld zu.

Damit kauft er sich ein Auto und reist mit seiner Freundin in ganz Europa umher. Er liebt die Kunst des 16. und 17. Jahrhunderts und sehnt sich nach einer eigenen Kunstsammlung. Sein Vorgehen ist dreist: Er kauft sich in den Museen jeweils ein Ticket, schaut sich um, steckt unter den Mantel, was ihm gefällt.

Im Château de Gruyères wirft er einen dreieinhalb Meter langen und ebenso breiten Wandteppich aus dem 17. Jahrhundert kurzerhand aus dem Fenster und holt ihn später. Von 1991 bis 2001 raubt er so Kunstschätze im Wert von über 20 Millionen Franken. Darunter Meisterwerke von Lucas Cranach, Pieter Brueghel und Albrecht Dürer. Leiten lässt er sich von seinem Geschmack. «Ich hätte auch einen Monet oder Degas stehlen können. Aber ich mag die Bilder dieser Maler nicht so sehr», sagt er später in einem Interview.

Nach Breitwiesers Verhaftung in Luzern kehrt seine Freundin Catherine, die ihn oft begleitet, sofort ins Elsass zurück und informiert Breitwiesers Mutter. Was dann geschieht, ist ein Akt von Mutterliebe und Dummheit: Breitwiesers Mutter gerät in Panik. Sie vernichtet die gesamten Kunstschätze ihres Sohns. Einen Teil wirft sie in den Müll. Den anderen in den Rhein-Rhône-Kanal.

Eine Woche später spaziert ein Rentner dem Ufer dieses Kanals entlang und fischt ein Horn, einen Dolch und Pokale aus dem Wasser. Er meldet seinen Fund der Polizei. Sofort wird der Kanal von Soldaten abgesucht: Sie bergen 110 Kunstgegenstände. Und die Uerkner, die staunen nicht schlecht, als auch ihre Madonna aus dem Kanal gefischt wird. Leider ist das Gemälde zerbrochen.

Als die Polizisten Breitwieser Fotos von den teilweise zerstörten Kunstobjekten zeigen, bricht er zusammen. Zurück in seiner Zelle, versucht er, sich das Leben zu nehmen.

Wichtigsten Fragmente sind zerstört

2003 wird ihm in der Schweiz und in Frankreich der Prozess gemacht. Aus Uerkheim reist niemand an – man habe der Polizei gesagt, was zu sagen sei. Breitwieser wird zu einer Freiheitsstrafe von insgesamt sieben Jahren verurteilt.

In Uerkheim versucht man nun, die Glasscheibe zurückzubekommen, will wissen, ob sie noch zu retten ist. Briefe wechseln die Grenze. Der damalige Aargauer Denkmalpfleger Jürg Andrea Bossardt erkundigt sich immer wieder nach dem Glasgemälde. Dann endlich gibt es gute Nachrichten: Am 25. März 2010 setzt sich Bossardt ins Auto Richtung Colmar. Alles klappt reibungslos.

Am gleichen Tag kehrt die zerbrochene Madonna zurück in die Schweiz. Obwohl mit Gesicht und Jesuskind die wichtigsten Fragmente des Gemäldes fehlen, setzt sich die Denkmalpflege für eine Restauration ein. 2013 ist es so weit, der Kanton spricht die benötigten 6500 Franken.

100 Stunden Arbeit

In Luzern arbeitet die Glasmalerin Sandra Wanner während 100 Stunden daran, das Glasgemälde wiederherzustellen. Sie verklebt die Bruchstellen mit Epoxidharz und malt das Gesicht von Madonna und Jesuskind neu. Das Schwierigste sei es gewesen den Gesichtsausdruck der Madonna wieder hinzubekommen, sagt sie.

Noch befindet sich das Glasgemälde in Luzern. Doch die Tage bis zur Rückkehr sind gezählt: Am 3. Advent feiern die Uerkner die Rückkehr ihrer Madonna mit einem feierlichen Gottesdienst.

Stéphane Breitwieser ist wieder im Gefängnis. Nachdem er 2005 seine Strafe verbüsste hatte, in einem Buch seine abenteuerlichen Beutezüge beschrieb und aller Welt versicherte, er werde nie mehr stehlen, fand die Polizei bei einer Hausdurchsuchung 2006 erneut gestohlene Kunstgegenstände. Es folgte eine einjährige Haftstrafe. Auch 2011 fand die Polizei wieder Diebesgut bei Breitwieser. Diesen Juni wurde der heute 42-jährige Breitwieser zum dritten Mal verurteilt. Noch bis Februar 2015 sitzt er im Gefängnis Oermingen im Elsass.