Wynental
Die verbannten Frauenhelden und Frauenschänder von der Burg

Heute darf kein Schweizer über die Grenze gestellt werden, selbst wenn er zum Gesetzesbrecher wird. Wer es besonders bunt trieb, wurde früher mit dem Tod bestraft – oder verbannt. Drei Beispiele aus Zetzwil, Dürrenäsch und von einem Burger Brüderpaar.

Peter Steiner*
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Der Blick ins Wynental. Von Schwarzenbach LU in Richtung Norden. Im Vordergrund Menziken und Reinach.

Der Blick ins Wynental. Von Schwarzenbach LU in Richtung Norden. Im Vordergrund Menziken und Reinach.

Früher war vieles anders. Nach der Todesstrafe war die Landesverweisung oder Verbannung eine der schlimmsten Strafen. Diese konnte auf einige Jahre, auf unbestimmte Zeit oder für ewig ausgesprochen werden. Sie betraf entweder nur den Kanton Bern – was die Regel war – oder die ganze Eidgenossenschaft.

Zu den frühesten bekannten verbannten Wynentalern gehörten die Brüder Burger, Söhne des Stammvaters Martin senior. Die beiden mussten sich schon in jungen Jahren vor dem Chorgericht verantworten. Als Ehemänner und Familienväter beherbergten sie «landstrychendes volck, huren und buben», besuchten die Wirtshäuser allzu häufig, liessen sich bei unerlaubten Spielen - Kegeln und Würfeln - ertappen, prügelten sich an einem Kirchweihfest in Pfeffikon mit Einheimischen. Martin misshandelte zudem seine Ehefrau. Vor allem aber strichen die beiden anderen Frauen und Mädchen nach, wurden vom Chorgericht aber erfolglos gewarnt und gebüsst.

Eingelocht und nichts gelernt

Ruedi wurde schliesslich auf der Lenzburg eingelocht. Kaum in Freiheit, verwickelte er sich 1610 in eine neue üble Affäre mit der Menzikerin Maria Merz. Diese lebte von ihrem Mann getrennt oder geschieden und vertrieb sich die Zeit mit anderen Männern. Sie war deswegen bereits einige Jahre aus dem Bernbiet ausgewiesen worden.

Gelernt hatte sie nichts, ja verging sich jetzt sogar an ihrem eigenen Knaben. Diesmal wurde sie nicht mehr verbannt, sondern wegen «kindtsverderbung, blutschand und hury» zum Tode verurteilt. Rudolf Burger wurde seinerseits hinter Schloss und Riegel gesetzt und musste, weil er mit Maria zu «schaffen» gehabt hatte, deren Gefangenschafts- und Hinrichtungskosten bezahlen. Zudem wurde er «biss uff schynbare besserung» des Landes verwiesen. 1614 war er wieder da.

Inzwischen spielte Martin Burger genauso den Frauenhelden, legte sich eine Geliebte in Rickenbach zu und schlug seiner Ehefrau drei Zähne aus. Schliesslich war das Mass voll. Um der Verhaftung zu entgehen, flohen die Brüder über die Grenze, vermutlich ins Luzernbiet. Martin kehrte bald zurück und stellte sich selber in Lenzburg. Für sein grosses Sündenregister wurde er zum Tode durch das Schwert verurteilt, dann aber zu einem Jahr Schallenwerk (Zuchthaus) in Bern begnadigt. Seine Rickenbacher «tirne» wurde ausgepeitscht und über die Grenze gestellt. Bruder Ruedi wagte sich nach fünf Monaten im «Ausland» ebenfalls wieder zurück, musste der Heimat aber auf landvögtlichen Befehl als Verbannter erneut den Rücken kehren.

Verprügelt und verbannt

Melcher Bertschi aus Dürrenäsch wurde im Winter 1696/97 vom Lenzburger Landvogt «dess Landts verwisen». Es geschah wegen seines «bösen verhalltens». Näheres über seine Missetaten ist nicht überliefert. Sie dürften ähnlicher Art gewesen sein wie die der Brüder Burger.

Schon im Mai 1697 kehrte Bertschi, von den bernischen Behörden unbemerkt, nach Dürrenäsch zurück. Dort verriet ihn offensichtlich niemand. Ein ganzes Vierteljahr lebte er unbehelligt im Dorf. Dann beging er die Unvorsichtigkeit, sich «wegen geschäfften» ausgerechnet auf das Schloss Lenzburg zu begeben. Der Landvogt setzte ihn kurzerhand gefangen und fragte ihn, weshalb er ohne Bewilligung das Land wieder betreten habe. Bertschi erklärte treuherzig, man habe ihm gesagt, sein Dorfgenosse Melcher Fuchs, der aus ähnlichen Gründen ausgewiesen worden war, sei begnadigt worden und habe zurückkehren dürfen. Die Gnädigen Herren in Bern hatten kein Erbarmen und erteilten den lakonischen Befehl: «Soll aussgeschmeitzt (mit Ruten geprügelt) und bannisirt werden».

Verbannung aufgehoben

In einem andern Fall setzten sich die Gemeindebehörden sogar für eine Rückkehr ein. Der Zetzwiler Bernhard Roth hatte seine Frau «geschlagen», dass sie «darüber hatte das leben einbüssen müssen». Roth hätte als Totschläger eigentlich das Leben verwirkt gehabt, wurde aber 1724 gnadenhalber nur «bannisiert». Vier Jahre musste er sich ausserhalb der bernischen Grenzen durchschlagen.

Dann aber rollten die Vorgesetzten zu Zetzwil den Fall neu auf und überzeugten den Landvogt, es sei gar nicht erwiesen, dass die Frau an den Folgen der Misshandlung gestorben sei. Sie hatte nämlich nach dem Vorfall noch 75 Tage gelebt, war als Näherin da und dort auf die Stör gegangen, ja hatte sogar an einer Hochzeit getanzt. Bernhards Kinder aber waren seit dem Tod der Mutter «gantz verlassen und in betrübtem zustand». Es handelte sich um zwei Töchterchen, die wohl bei Verwandten oder Nachbarn untergebracht waren. Was den Vater betraf, konnte die Zetzwiler Behörde «glaubwürdige attestata seines wohlverhaltens» am fremden Wohnort vorweisen, was doch «von seiner besserung zeuge». Sie baten den Landvogt daher, dass dem Delinquenten «das Land widerumb geöffnet werden möchte», auch weil die Kinder der Gemeinde weniger zur Last fielen, wenn der Vater sich um sie kümmern konnte. Das Gesuch wurde bewilligt.

Die wenigen Verbannungs-Beispiele lassen einige Schlüsse zu. Verbannt wurden sowohl Männer als auch Frauen. Ursache für die Strafe waren vor allem unsittliche Lebensführung, bei den Männern auch Neigung zur Gewalt. Die bernischen Behörden scheinen jeweils nach einigen Jahren bereit gewesen zu sein, die auf unbestimmte Zeit Vertriebenen wieder ins Land zu lassen, besonders wenn Beweise ihres guten Verhaltens vorlagen, aber auch wenn Verwandte oder Gemeindebehörden sich für sie verwendeten. In den Quellen fehlen leider Anhaltspunkte, wo sich die Verbannten aufhielten und wie sie sich in der Fremde durchs Leben schlugen.

Zu Peter Steiners 90. Geburtstag drucken wir verschiedene Monatsbeiträge (in gekürzter Fassung), die er für die Historische Vereinigung Wynental geschrieben hat. Erschienen sind diese u.a. in der HVW-Festschrift zu seinem Geburtstag.