Stiftung Schürmatt

Die «Schatzkiste» bringt Menschen mit Beeinträchtigung zusammen – so auch Luana und Toni

Luana Müller und Toni Zihlmann haben sich gefunden.

Luana Müller und Toni Zihlmann haben sich gefunden.

Die Stiftung Schürmatt in Zetzwil setzt mit der «Schatzkiste Argovia» einen Teil der UN-Behindertenrechtskonvention um – mit Erfolg.

«Ich habe starkes Herzklopfen gehabt», sagt Luana Müller, 29, aus dem Niederamt. Sie spricht von ihrem ersten Treffen mit Toni Zihlmann, 25, aus dem Wynental. Die beiden Menschen mit leichter kognitiver Beeinträchtigung haben einander über die «Schatzkiste Argovia», eine Partnervermittlungsplattform für Menschen mit Behinderungen, kennen gelernt. Er wollte nicht mehr allein sein; ein Wunsch, der auch sie motivierte, sich da zu melden.

Freiwillige helfen bei Vermittlungsgesprächen

Jeden Montag von 16 bis 19 Uhr ist bei der Stiftung Schürmatt in Zetzwil Schatzkisten-Zeit. Freiwillige Mitarbeiterinnen wie Silvia Beck, 47, aus Gretzenbach SO, führen Aufnahme- und Vermittlungsgespräche. «Mich persönlich bringt diese Arbeit ebenfalls weiter. Spannend und überraschend sind diese Menschen, wie auch deren Talente, die sich oftmals hinter den Beeinträchtigungen verstecken», sagt sie. Die einen quasselten dauernd, während andere kaum ein Wort herausbrächten. Und sie freut sich, wenn sie mithelfen kann, dass es klappt mit dem Verlieben.

«Es brauchte schon etwas Mut, sich anzumelden», sagt Toni. Sein Coach, mit dem er sich einmal wöchentlich austauscht, hat den Landschaftsgärtner und Hauswart ermuntert. «Ich habe lange studiert, doch am Ende sagte ich mir, probiers doch, kannst ja nur gewinnen», erzählt er und lacht Luana an. Eine Kollegin ihrer Schwester hat jene auf das Angebot hingewiesen. «Ich habs locker genommen», sagt Luana. Das Herzklopfen kam später.

Schürmatt initiierte die Schatzkiste Argovia

An einem Erstgespräch wird ein Foto gemacht. Eine Datenbank will etwas über Interessen, Wünsche, Grenzen wissen, neben Alter und Wohnort. «So erhalten wir wichtige Anhaltspunkte für die Vermittlung», sagt Anke Müller, Leiterin des Geschäftsbereichs Arbeit und Wohnen in der Stiftung Schürmatt. Sie hat die Schatzkiste Argovia aufgebaut. Wird eine möglicherweise passende Partnerperson gefunden, erhalten beide einen Brief mit Informationen samt Foto, und es kommt möglicherweise zu einem Kennenlerngespräch. Da kommt es aus: Passts oder passts nicht? Wenns passt, werden bereits Abmachungen getroffen, Telefonnummern und Email-Adressen ausgetauscht.

«Ich fand ihn hübsch»: Es funkte beim ersten Treffen

Bei Luana und Toni hats gleich beim ersten Treffen am 1. April gefunkt. «Ich fand ihn hübsch», sagt Luana. Und Toni empfand desgleichen. «Ich habe grosse Augen gemacht, als mir die WG-Kollegen den Brief brachten, der zum Kennenlernen einlud», sagt er. Es passte, kein Aprilscherz. Die beiden machten ab. Toni: «Eins ziehen, ins Kino, in die Pilze gehen, gegenseitige Besuche.» Man kam einander näher. Wunsch nach eigener Familie? «Wir gehen es langsam an, wollen zuerst Zeit für uns haben», sagt Toni und greift nach Luanas Hand.

«Wir sehen einander regelmässig», sagt Toni, «drei, vier Mal pro Woche.» Sie telefonieren, schreiben einander mit dem Handy. Und er hat ein Auto.

Zehn Paare konnten bereits vermittelt werden

Die Schatzkiste – es gibt sie schon länger in Deutschland, aber auch in Zürich und neustens in Rorschach SG – setzt einen Teil des Aktionsplans zur Umsetzung der von der Schweiz ratifizierten UN-Behindertenrechtskonvention um: Recht auf selbstbestimmte Sexualität und Partnerschaft. Seit Juni 2018 sind 101 Personen in die Datenbank der Schatzkiste Argovia aufgenommen worden. «10 Paare wurden vermittelt», sagt Anke Müller. Sie bedauert den grossen Männerüberhang: 80 Prozent Männer stehen 20 Prozent Frauen gegenüber. Die Schatzkiste Argovia ist eine Dienstleistung der Stiftung Schürmatt. Ausser einer einmaligen Registrierungsgebühr von 10 Franken fallen keine Kosten an. Im Team sind Freiwillige, ein Klient sowie Mitarbeitende der Stiftung Schürmatt.

Familie wird für die Eltern der beiden grösser

Luana und Toni sind immer noch in der Datenbank. Ihr aktueller Status: vermittelt. «Wenns nicht klappt, kann man sich wieder auf die Liste der zu Vermittelnden setzen oder löschen lassen», sagt Anke Müller. Eine gemeinsame Wohnung, das wäre schon ein Wunsch von Luana und Toni. Aber zuerst sollen es gemeinsame Ferien sein. «Am Meer», meint Luana, die in einer Kinderkrippe arbeitet. «Toni ist neu Teil unserer Familie; wir waren auch schon zusammen in den Ferien», sagt Luanas Vater, der glücklich ist über die Partnerwahl seiner Tochter. «Eine Supersache, die Schatzkiste», sagt er. «Auch mein Mami hat Luana sofort ins Herz geschlossen», sagt Toni.

«Die Sexualität steht nicht im Vordergrund»

Nach der Vermittlung ist die Schatzkiste aus der Verantwortung. Mindestens 18 Jahre alt, also erwachsen muss sein, wer in die Datenbank kommen will. «Der Älteste ist 76», sagt Anke Müller. Der Grad der Behinderung bestimmt die Intensität der Beziehung. «Viele wollen kuscheln, vielleicht küssen», sagt sie. Die Sexualität stehe nie im Vordergrund. Andere suchten jemanden für die gemeinsame Freizeitgestaltung, die Ausübung eines gemeinsamen Hobbys, also einen guten Freund oder eine gute Kollegin. So ist denn alles möglich: Frau sucht Mann, Mann sucht Frau, Mann sucht Mann, Frau sucht Frau. Und die Schatzkiste Argovia? Sie sucht Freiwillige, die, wie Silvia Beck, an einem Montag zwischen 16 und 19 Uhr Gespräche führen, Informationen aufnehmen und sich über Paare wie Luana und Toni freuen.

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