Wahlen 2019

Die Neu-Schöftlerin flirtet mit einem Nationalratssitz

Anja Gestmann an ihrer Nomination zur Nationalratskandidatin am SP-Parteitag in Zofingen im Januar.

Anja Gestmann an ihrer Nomination zur Nationalratskandidatin am SP-Parteitag in Zofingen im Januar.

Gemeinderätin Anja Gestmann hat am Vorabend der 1.-Mai-Feier einen grossen Auftritt im im Schöftler Waldhaus Moos.

Anja Gestmanns erste Wahlkampagne hatte nur sechs Wochen gedauert. An der Schöftler 1.-August-Feier 2013 wurde sie vonseiten der SP angefragt, ob sie sich nicht für den Gemeinderat kandidieren wolle. Seit 1998 war die gebürtige Nordrhein-Westfälerin in der Schweiz, seit 2011 eingebürgert. Sie zögerte erst und liess sich dann doch aufstellen. Sechs Wochen später stach sie zwei andere Kandidaten aus und wurde gewählt.

Gegenwärtig ist die 56-jährige promovierte Chemikerin wieder im Wahlkampf. Das Ziel: die grosse Kammer. Die SP hat sie auf den neunten Platz der Nationalratsliste für die Wahlen im Herbst gesetzt. Heute wird sie im Rahmen der Vorabendfeier des Bezirks Kulm zum 1. Mai im Schöftler Waldhaus Moos sprechen. Dabei muss ihre Ansprache neben denjenigen der beiden anderen Redner, Ständeratskandidat Cédric Wermuth und Grossrätin Viviane Hösli bestehen können.

Klare Ansichten zu Sachthemen hat Gestmann genug. Chancengleichheit in der Bildung, einkommensabhängige Krankenkassenprämien, Ausstieg aus der Atomenergie. Bei aktuell zwei Aargauer SP-lern im Nationalrat ist die Chance des Einzugs nach Bundesbern nicht sehr gross. Trotzdem: Anja Gestmann nimmt ihre Kampagne ernst. Ihrem Arbeitgeber, dem Chemie-Grossunternehmen Nouryon, hat sie bereits ihre Kündigung in Aussicht gestellt, sollte sie denn Nationalrätin werden. Momentan arbeitet sie zu 100 Prozent im Home-Office, «das könnte ich neben dem National- und Gemeinderatsmandat nicht gewissenhaft machen.»

Bereits bei ihrer Wahl in den Gemeinderat machte Anja Gestmann keine halben Sachen. Zwei Tage vor der Wahl im Herbst 2013 sollte sie ihren Arbeitsort von Sempach nach Schweden verlegen. «Wenn ich gewählt werde, dann bleibe ich in Schöftland», sagte sie den Chefs. Die Firma fand eine Lösung mit Home-Office.

Eingebürgerte bürgert ein

In die Schweiz kam Gestmann Ende der 90er-Jahre. Im Gepäck ihre 10-jährige Tochter und sozialdemokratisches Gedankengut. Ihr Mann, ebenfalls Chemiker, wurde in der Schweiz angestellt, als sie noch an der Doktorarbeit war. Also suchte sie ihre Stelle ebenfalls in der Schweiz. Nach Schöftland zog die Familie später, weil es verkehrstechnisch gut zwischen den beiden Arbeitsorten lag.

«Die Einbürgerung strebte ich gleich nach meinem Umzug in die Schweiz an», sagt sie. «Ich wollte im Land, wo ich wohne, auch mitbestimmen können, auch, um mich hier richtig zu integrieren.» Politisch war sie seit je auf der sozialdemokratischen Linie, war seit ihrer Jugend «eine stramme SPD-Sympathisantin». Die Mutter war Näherin, der Vater Schreiner, «als Arbeiterfamilie waren wir der Sozialdemokratie sehr nahe».

Politik auf Schweizerisch

Der Wunsch, selber politisch tätig zu werden, keimte in ihren Dreissigern auf, als sie schon in der Schweiz war, hier aber noch nicht wählen durfte. «Als ich zum Beispiel an meinem Arbeitsort im Kanton Luzern für meine Tochter Kinderzulagen beantragen wollte und man mir sagte, das könne nur der Vater als Familienoberhaupt. In solchen Momenten merkte ich, dass ich aktiv an Änderungsprozessen mitwirken wollte.»

Heute kann sie das. Im Gemeinderat ist sie für Bildung, Gesundheit und Alterswesen zuständig, daneben ist sie im Vorstand des Mütter- und Vätervereins und im Verwaltungsrat des Alterszentrums. Und sie, die Migrantin, führt Interviews mit Einbürgerungskandidaten und verleiht das Schöftler Bürgerrecht.

«Es hätte für mich keine bessere Integrationsschule gegeben als das Amt als Gemeinderätin – persönlich wie politisch», sagt sie. Um zu einem Konsens zu kommen, müsse man schon vor der entscheidenden Versammlung mit den verschiedenen Interessensgruppen reden. Nicht wie von Deutschland her gewohnt «einfach die Fakten auf den Tisch hauen». Hinsichtlich der 1.-Mai-Anliegen heisst das: «Die Arbeitgeber davon überzeugen, dass ihre Unternehmen langfristig bessergestellt sind, wenn sie nicht primär die Zufriedenheit der Aktionäre, sondern der Mitarbeitenden im Auge haben.»

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