Reinach

Die Moscheebauten sind «made in Switzerland»: Wissenschaftler widerspricht Kritik von Islam-Kennerin

Eine Visualisierung des geplanten Zentrums «Tulipan» in Reinach.

Eine Visualisierung des geplanten Zentrums «Tulipan» in Reinach.

Reinacher Tulipan-Projekt: Der Luzerner Islamwissenschaftler Andreas Tunger-Zanetti entgegnet auf die Kritik von Saïda Keller-Messahli, sie lasse belastbare Belege vermissen.

Unter dem Titel «Kommt das Geld für die grösste Aargauer Moschee aus Kuwait?» stellte die Islamkennerin Saïda Keller-Messahli in der AZ vom letzten Mittwoch kritische Fragen zur Finanzierung des grössten Aargauer Moschee-Neubaus in Reinach. Nachfolgend lesen Sie eine Entgegnung ab von Andreas Tunger-Zanetti. Der Islamwissenschaftler ist Koordinator des Zentrums Religionsforschung an der Universität Luzern und erforscht seit 2007 Bauprojekte zugewanderter Religionsgemeinschaften sowie den Islam in der Schweiz. Andreas Tunger-Zanetti schreibt:

«Seit Jahren vertritt Saïda Keller-Messahli die These, Geld für den Bau neuer Moscheen in der Schweiz komme aus undurchsichtigen Quellen am Golf. So auch am 3. Juni in der AZ in Bezug auf das Bauprojekt Tulipan des albanischen Vereins in Reinach. Keller-Messahli behauptetet, für die Bauprojekte in Wil, Netstal und Plan-les-Ouates seien ‹Millionen aus Kuwait› gekommen; die Behauptung der Funktionäre, ohne Geld aus dem Ausland gebaut zu haben, könne nicht stimmen.

Belastbare Belege ist Keller-Messahli der Öffentlichkeit bisher in allen Fällen schuldig geblieben. Stattdessen knüpft sie in ihrem Text zu Reinach vage eine Kette von Stichwörtern mit negativem Beiklang. Ihre Logik dahinter: Wo so viel Zweifelhaftes zusammen auftritt, muss irgendetwas faul sein.

Keine glaubhaften Belege, sondern nur Geraune

Was also hat das Pariser Kunstwerk von Jeff Koons mit dem Bauprojekt in Reinach zu tun? Es bietet den Anfang der Assoziationskette aus ‹Tulpen›, ‹Millionen›, ‹unbekannter Bieter›, ‹islamische Legende›, ‹Kämpfer› und ‹Osmanen›. Aber wozu? Um das Zweifelhafte auch in Reinach vermuten zu können. Denn an der Hauptstrasse 3, wo die albanische Gemeinschaft bisher betet, ist auch ein Moscheeverein aus dem Verband der türkischen Religionsbehörde Diyanet domiziliert, lässt uns Keller-Messahli wissen. Wenn sie glaubhaft belegen könnte, wie ausländische Millionen in Schweizer Moscheebauprojekte fliessen, würfe dies selbstverständlich Fragen nach den Interessen dahinter auf, selbst wenn alles legal abläuft. So aber ist es nur Geraune. Es gibt näherliegende Erklärungen für die Schweizer Moscheebauten der letzten Jahre.

Seit 2010 in der Schweiz zehn Neubauten realisiert

Seit 2010 haben zehn der rund 260 Moscheevereine, unter ihnen sechs albanische, einen Neubau realisiert oder sind gerade dabei (Volketswil, Egnach, Netstal, Wil, Grenchen, Frauenfeld, Winterthur, Schaffhausen, Sulgen und Reinach). Jährlich kommen ein bis zwei Projekte hinzu. Diese Häufung hat banale Gründe: Nachdem die muslimischen Gemeinschaften drei bis fünf Jahrzehnte bei hoher Miete in umfunktionierten Gewerberäumen gebetet haben, haben sie jetzt die Mittel, eigene Räume zu kaufen oder zu ­bauen.

Vielerorts rückt auch eine jüngere Generation, die hier zur Schule gegangen ist, in die Vereinsführung nach, mit frischen Kräften und Kenntnissen. Vor allem aber zählen gerade die albanischen Vereine unter ihren Mitgliedern zahlreiche Handwerker. Viele von diesen setzen beim Moscheebau an Wochenenden gratis ihre Arbeitskraft und ihr Geschick ein und vermitteln zu günstigen Konditionen Material und Maschinen. Ab und zu steuert gar ein nichtmuslimischer Arbeitgeber von Moscheemitgliedern solche Sachspenden bei. Marmorfliesen oder geschnitzte Holztüren kommen manchmal zu günstigen Preisen aus der alten Heimat.

Viele Ideen für Finanzierung aus eigenen Reihen

Bauprojekte wirken zudem mobilisierend für eine Gemeinschaft. Spendengalas ergeben gute Beträge, man gibt private Darlehen, kauft Erinnerungsstücke, die Liste der Ideen beim Fundraising ist endlos. Geldspenden kommen auch von befreundeten Moscheevereinen, vereinzelt wohl auch aus dem Ausland, etwa aus Deutschland oder Österreich, die Delegationen feiern dann an der Eröffnung mit. Dies alles ist völlig legal. Gerade die albanischen Gemeinschaften achten von sich aus darauf, dass ihr Projekt aus eigenen Ressourcen zu Stande kommt, und sind stolz darauf. In aller Regel erläutern sie auch gerne ihre Finanzierung. In Netstal etwa haben 2016 Tele Südostschweiz und später auch SRF online recherchiert. Weder in der Buchhaltung noch anderweitig liessen sich die von Keller-Messahli unterstellten Verbindungen finden.

Zu oft jedoch stehen Keller-Messahlis Mutmassungen in den Medien, ohne dass Journalisten bei ihr und bei den Bauherrschaften genau nachfragen. Das schafft eine Atmosphäre des Generalverdachts und ist aus einem weiteren Grund kontraproduktiv: Wer dauernd grundlos mit Blaulicht durchs Land fährt, wird auch dann nicht mehr ernst genommen, wenn es eines Tages tatsächlich etwas aufzudecken gäbe.»

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