Analyse
Die Kleinen sind zur Grösse verdammt

«In diesem Prozess ist schon Gewinner, wer den Status quo behalten kann.» So die Analyse von az-Redaktorin Melanie Eichenberger zur Abstimmung Kreisschule aargauSüd.

Melanie Eichenberger
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Emil Huber, Projektleiter Kreisschule und Gemeindeammann Unterkulm.

Emil Huber, Projektleiter Kreisschule und Gemeindeammann Unterkulm.

zvg

Im Wynental hat es zu viele Schulhäuser und zu wenige Kinder – trotz Bauboom. Die Schulstrukturen müssen zwangsläufig durchgeschüttelt und ein Stück weit redimensioniert werden. In diesem Prozess ist schon Gewinner, wer den Status quo behalten kann. So gesehen ist die Gewinnerin im Kreisschulprojekt aargauSüd die Gemeinde Reinach.

Aber auch Unterkulm (Bezirksschule gerettet) und Menziken (erhält Kompensation für den Wegfall der Mini-Bez) gehören dazu. Wenn die Kreisschule aargauSüd nicht zustande kommt, wäre die Gefahr gross, dass Reinach als einzige Gewinnerin aus einem Scherbenhaufen hervorginge. Der Kanton würde – schlicht aus Kostengründen – auf eine möglichst starke Zentralisierung pochen. Reinach könnte dann als einzige Gemeinde alleine genügend Schüler stellen und somit die kantonalen Vorgaben erfüllen. Nicht nur die Bez in Menziken, sondern auch diejenige in Kulm wäre Geschichte.

Im ganzen Entstehungsprozess der Kreisschule aargauSüd ist die Gemeinde Gontenschwil bis heute die einzige Verliererin. Sie kann den Status quo nicht halten. Die Gontenschwiler sind jedoch genau genommen die «Griechen des Wynentals»: Sie haben in schulischer Sicht bisher auf zu grossem Fuss gelebt. Noch kurz nach der Jahrtausendwende bewilligte der Souverän einen Kredit von fast 3 Millionen Franken für Schulbauvorhaben. 1,8 Millionen Franken alleine für die Sanierung und Aufstockung des Oberstufenschulhauses. Und nun soll dieses Schulhaus bald leer stehen, während in das Reinacher Centralschulhaus investiert wird – was zugegebenermassen schon lange überfällig ist. Und während Oberkulm sein Schulhaus auch noch mit drei Oberstufenklassen füllen darf.

Man kann es drehen und wenden, wie man will, am Schluss fehlen Gontenschwil die Schülerinnen und Schüler – nicht einige wenige, sondern eine ganze Kinderschar. Das wissen auch die Gontenschwiler. In einem Punkt muss man ihnen aber recht geben: Es ist bitter, dass sie als (einzige) Verlierer der dorfeigenen Schule finanziell noch höhere Lasten als vorher zu tragen haben. So erstaunt es nicht, dass die Ortsparteien EVP, FDP, SP und SVP sowie die Finanzkommission das Kreisschulprojekt «zurück an den Absender» schicken wollen und mittels Flyer zur Ablehnung der Kreisschule aargauSüd an der Gemeindeversammlung aufrufen.

Lohnt es sich für die Gontenschwiler, Nein zu sagen? Rational betrachtet: nein. Die Kreisschule aargauSüd wird nicht an der Ablehnung von Gontenschwil scheitern. Ihre Entstehung wird zwar komplizierter. Und man muss Lösungen suchen, wie die «Griechen des Wynentals» integriert werden können. Das wird kaum ohne Machtwort des Kantons gehen.

Elf Gemeindeversammlungen in Beinwil am See, Birrwil, Burg, Gontenschwil, Leimbach, Oberkulm, Teufenthal, Zetzwil und in den Standortgemeinden Menziken, Reinach und Unterkulm stimmen in den kommenden zwei Wochen über den Beitritt bzw. die Bildung der Kreisschule aargauSüd ab. Spätestens am Abend des 15. Juni weiss das Wynental, ob es ab 2020 ein Schulkonstrukt von rund 1000 Schülern und 150 Lehrkräften bekommt. Was letztendlich eine Fusion ist der beiden bestehenden Kreisschulen Homberg und Mittleres Wynental sowie der Schule Menziken. Voraussetzungen für die Fusion sind die Zustimmung der drei Standortgemeinden und das Ja der Mehrheit der übrigen acht Gemeinden.

Grund für die Umpflügung der Schullandschaft im Wynental ist die Annahme des kantonalen Gesetzes «Stärkung der Volksschule Aargau» im Jahr 2012. Die neuen Regelungen, die spätestens auf das Schuljahr 2022/23 umgesetzt sein müssen, kennen die Begriffe Schulstandorte und Schulanlage. Die Oberstufen haben mindestens sechs Bezirksschul- oder sechs Sek-/Real-Klassen zu führen. Für die meisten Gemeinden im Wynental ist es nicht möglich, die geforderten Klassen bzw. Schulgrössen zu garantieren. Deshalb ist eine regionale Zusammenarbeit in naher Zukunft unausweichlich.

Schon heute besuchen die Birrwiler Jugendlichen den Oberstufenunterricht im vergleichsweise weit entfernten Reinach. Das gehört für sie mittlerweile zur Normalität und hat sich bewährt. Es ist der Lauf der Zeit, dass kleinere Dörfer mit grösseren zusammenspannen müssen. Niemand hat einen Anspruch auf eine dorfeigene Schule.

Die Kreisschule aargauSüd ist ein grosses Konstrukt, das noch in den Kinderschuhen steckt, aber sicher zum Fliegen gebracht werden kann. Wer die Emotionen in der aktuellen Debatte nicht allzu hoch gewichtet, wird der Bildung der Kreisschule aargauSüd zustimmen.

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