OL

Die Kartenaufnehmer kennen den Stierenberg wie ihre Westentasche

Die beiden Kartenaufnehmer Beni Deppeler (links) und Osi Merz bei der Feldarbeit im Stierenbergwald.

Die beiden Kartenaufnehmer Beni Deppeler (links) und Osi Merz bei der Feldarbeit im Stierenbergwald.

An der Schweizer Meisterschaft im Staffel-OL in Gontenschwil vom 30. Juni treten die Sportler die Posten mit der neuen von Beni Deppeler und Osi Merz gezeichneten Karte an.

Karte und Kompass gehören zum Orientierungslauf wie das runde Leder zum Fussball. Weil OL-Wettkämpfe mit Vorliebe in Wäldern ausgetragen werden, sind die Läuferinnen und Läufer auf genaue Karten angewiesen.

Mit einer Wanderkarte kämen sie da nicht weit. Für die Schweizer Meisterschaften haben Beni Deppeler, Osi Merz und Hubert Klauser die bestehende OL-Karte Stierenberg nachgeführt und aktualisiert.

«Die bestehende Karte aus dem Jahr 2000 ist von der Natur überholt worden», sagt Beni Deppeler und zeigt auf eine offene Schlagfläche. «Diese Schneise hat der Sturm Lothar 1999 in den Wald gerissen.» Aber heute sei diese Lichtung wieder bewachsen. So geschieht es an vielen Orten. Für einmal haben sich die Karten und Pläne der Menschen nach der Natur zu richten.

Das Erstellen oder nur schon das Nachführen einer so detailreichen Karte, wie OL-Karten im Massstab 1:10 000 es sind, ist ein mehrstufiger Prozess. Deppeler und Merz sind selber OL-Läufer und wissen um die verlangte Genauigkeit bei den Laufkarten.

Noch mehr in die Tiefe

Während auf Landeskarten 1:25 000 bereits Wege, Pfade, Häuser, Wälder und weitere Details verzeichnet sind, gehen die Kartografen bei der Geländeaufnahme für OL-Karten noch viel mehr in die Tiefe.

Als Grundlage für diese Arbeit dienen den beiden Kartenaufnehmern das Strassennetz, eine Luftaufnahme und eine bestehende Karte. «Weil wir auf der Luftaufnahme den Boden nicht erkennen können, greifen wir heute auf Laserscanningdaten zurück, die uns ein dreidimensionales Oberflächenmodell zeigen», erklärt Merz.

Diese digitalen Karten werden auf dem Computer in ein OL-CAD-Programm eingelesen. Selbstverständlich müssen die beiden Kartenaufnehmer nicht mit einem Heli über den Stierenberg fliegen, die digitalen Daten sind bei der Landestopografie und einer spezialisierten Firma zu kaufen.

Bis zu diesem Stand können die Arbeiten zu Hause im Trockenen erledigt werden. Nur fehlen jetzt noch die für die Läufer entscheidenden Details.

Deppeler und Merzarbeiten fortan im Freien, Feldarbeit sagen sie dem. Ausgerüstet mit der unvollständigen Karte, vergrössert auf 1:5000, einem Kompass und einem Laser-Distanzmesser durchstreifen sie systematisch den Wald.

Mit verschiedenen Farben zeichnen sie Dickichte, grosse Steine, Steinhaufen, Löcher, kleine Gräben, Dorngestrüppe ein. So werden etwa eine Feuerstelle oder eine Quellfassung genau ausgemessen und präzis auf der Karte eingezeichnet.

100 Stunden im Wald

Mit der neuen Stierenbergkarte begannen Deppeler und Merz im Januar 2012. «Die beste Zeit ist der März, wenn die jungen Grünflächen bereits zu erkennen sind, aber noch nicht alles zugewachsen ist».

Beim Arbeiten im Freien müssen Kartografen laufend entscheiden, was sie noch einzeichnen, was nicht mehr. «Letztlich soll die Karte nicht überladen sein», sagt Merz, «sonst dient sie dem Läufer nicht mehr.»

Mindestens 100 Stundenwar jeder der Kartenzeichner mit Block und Stiften im Stierenbergwald unterwegs. Im Anschluss sassen sie gegen 100 Stunden zu Hause am PC. Die Handzeichnungen werden eingelesen und auf dem Bildschirm mit den richtigen Farben nachgezeichnet.

Erst jetzt entsteht die detailreiche OL-Karte mit Höhenkurven, Steinhaufen und Löchern. Mit den Jagdaufsehern haben die beiden die Wildschutzgebiete abgesprochen, diese werden auf der Karte verzeichnet und sind für die Läufer tabu. Die fertigen Karten werden gedruckt, und jetzt können die Bahnleger die Posten einzeichnen.

Deppeler liebt den Wald und den Laufsport und ist so zum OL gekommen. Bei Osi Merz war es anders. Vor rund 15 Jahren begleitete er seinen Sohn an OL-Jugendwettkämpfe. «Statt dort jeweils zu warten, begann ich selber zu laufen», erzählt Merz.

Heute muss er seinen Sohn Matthias, den mehrfachen Welt-, Europa- und Schweizer Meister nicht mehr an die Wettkämpfe begleiten. «Aber das OL-Fieber hat die ganze Familie gepackt», sagt er, «meine Frau, die Brüder von Matthias und ich sind alle mit Karte und Kompass unterwegs.» Manchmal sogar mit einer selbst gezeichneten Karte.

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