Wynental
Die jüngste Aargauer Staatsanwältin bringt auch schwierige Fälle vor Gericht

In einem vertrackten Fall von häuslicher Gewalt hat Runa Meier (31) vom Gericht Recht bekommen, obwohl das Opfer seine frühere Aussage zurückgezogen hat. Die jüngste Aargauer Staatsanwältin im Interview.

Aline Wüst
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Die junge Staatsanwältin Runa Meier fotografiert vor dem Bezirksgericht Unterkulm.

Die junge Staatsanwältin Runa Meier fotografiert vor dem Bezirksgericht Unterkulm.

Annika Bütschi

Der Fall war spektakulär. Ein Wynentaler schlägt seine Frau. Er bedroht sie mit dem Tod. Er vergewaltigt sie - die Frau flüchtet. Stundenlang wird sie von der Staatsanwältin Runa Meier einvernommen. Später widerruft die Frau alles. Sagt, dass sie gelogen hat. Meier klagt trotzdem an. An der Verhandlung im Bezirksgericht Kulm hält sie ein eindrückliches Plädoyer und erklärt eindringlich, was das Problem bei häuslicher Gewalt im Migrationsmilieu ist. Das Gericht gibt der jungen Staatsanwältin Recht. Der Ehemann wird verurteilt.

Was frustriert Sie an Fällen von häuslicher Gewalt?
Runa Meier: In diesem Fall war es so, dass die Frau massive Gewalt durch ihren Ehemann erlebt hat und mit ihren Kindern und ihrem Hab und Gut bei mir im Büro stand und sagte: Helfen Sie mir. Ich setzte die Mechanismen in Gang, damit sie ins Frauenhaus gehen konnte. Kurze Zeit später erfahre ich, dass die Frau zu ihrem Ehemann zurückgekehrt ist. Ein solcher Ablauf ist kein Einzelfall. Das ist dann jeweils frustrierend und befremdend.
Wir reagieren Sie darauf?
Ich muss mir bewusst machen, was meine Aufgabe ist. Ich kann weder die Welt verändern noch die Familie therapieren. Ich muss untersuchen, was passiert ist. Und dann vor Gericht die nötigen Beweise erbringen und eine Sanktion dafür verlangen.
Liegt Ihnen die Bestrafung häuslicher Gewalt besonders am Herzen?
Ich kann nicht sagen, dass mir das ein spezielles Anliegen ist. Aber mir ist wichtig, dass man nicht aufgibt, wenn ein Opfer die Aussagen plötzlich zurückzieht, sondern den nötigen Biss hat und trotzdem anklagt. Es ist wichtig zu zeigen: Der Staat schaut nicht weg.
Die Frau sagte, dass sie bei den Einvernahmen log. Zweifelten Sie nie an ihrer Glaubwürdigkeit?
Nach dem Widerruf der Frau habe ich mir viele Überlegungen gemacht. Ich habe mir auch die Videoaufnahmen der Einvernahmen nochmals angeschaut und mir überlegt, ob die Frau glaubwürdig ist.
Und?
Ihre Aussagen waren glaubhaft. Darum war es meine absolute Pflicht, trotzdem anzuklagen.
Warum leugnete die Frau Ihre Aussagen plötzlich?
Es war vermutlich der Druck der Familie, Perspektivenlosigkeit und fehlende Eigenständigkeit in der ihr fremden Umgebung. Aus den Schilderungen der Frau wurde deutlich, dass sie in einer eigentlichen Mikrowelt lebt, keine Sozialkontakte ausserhalb der Familie und kein eigenständiges Umfeld hat. Sie hatte Angst, es alleine nicht zu schaffen.
Auch vor Gericht schützte sie ihren Ehemann. Trotzdem wurde dieser zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren verurteilt. Empfanden Sie eine Genugtuung?
Für mich war es motivierend, weil es ein klares Zeichen dafür war, dass sich der Aufwand und das Dranbleiben in diesem Fall gelohnt haben.
Empfinden Sie Wut gegenüber Männern, die ihre Ehefrauen vergewaltigen?
Es ist ganz wichtig in diesem Job, dass man sich weder gegen Opfer noch Täter emotional auflädt. Meine Aufgabe ist es, objektiv die relevanten Fakten zu sammeln. Urteilen muss letztlich das Gericht.
Kann man Gefühle abschalten?
Dass ich ein Verhalten verwerflicher finde als ein anderes, kann es geben. Trotzdem müssen diese Menschen das genau gleiche faire Verfahren bekommen wie alle anderen auch. Sich emotional abzugrenzen ist nicht immer einfach, weil ich beispielsweise in Einvernahme mit starken Emotionen konfrontiert werde.
Können Sie am Abend abschalten?
Das finde ich etwas vom Schwierigsten. Anders als ein Richter, der eine gewisse Distanz hat, bin ich sehr zeitnah am Geschehen. Es ist darum nicht immer einfach, abends runterzufahren und nicht weiterzudenken in den Fällen oder seine Entscheide infrage zu stellen. Die Gefahr der Selbstzerfleischung ist in meinem Job gross.
Wie gehen Sie damit um?
Wenn ich Pikett habe, muss ich manchmal um drei Uhr nachts eine Entscheidung treffen, die am nächsten Morgen nicht einfach wieder umgestossen werden kann. Wochen später denke ich vielleicht, ich hätte besser anders entschieden. Man darf sich aber von solchen Gedanken nicht kaputtmachen lassen.
Bleibt neben Ihrer Tätigkeit genug Raum für Ihr Privatleben?
Die Arbeitsbelastung ist hoch und man muss sich diesen Raum bewusst nehmen. Es ist mir sehr wichtig ein solides Umfeld zu haben und dies zu pflegen. Freunde, die wissen, was ich arbeite. Bei denen ich auch einfach mal anrufen und abladen kann, wenn ich zum Beispiel nach einem Todesfall ausgerückt bin.
Schränkt Sie Ihr Beruf im Privatleben ein?
Nicht unbedingt. Aber ich bin mir bewusst, dass ich in gewisser Weise den Staat repräsentiere. Ich bin darum mehr als andere unter Beobachtung.
Wie äussert sich das?
Ich habe zum Beispiel kein besonders ausgeprägtes Facebook-Profil.
Was haben die Staatsanwältinnen in TV-Serien mit der Wirklichkeit zu tun?
Ich habe keinen Fernseher (lacht). Der grösste Unterschied ist, dass in Filmen alles sehr schnell geht und am Schluss alles aufgeklärt ist. Die Spurenauswertung ist innerhalb von Stunden gemacht. In der Praxis wartet man lange darauf.
Und sonst?
Ich kann auch nicht zu den Leuten heimgehen, dort an der Haustüre klingeln, auf den Tisch klopfen und sagen: Gib doch zu, dass du es getan hast. Ich muss die Leute schriftlich vorladen für Befragungen und alle Beweise prozessual korrekt erheben.
Wann ist Ihr Beruf so wie im Film?
Ich bin auch bei Hausdurchsuchungen dabei. Wenn man um 6 Uhr morgens mit ein paar Polizisten eine Wohnung durchsucht, dann ist das schon ein bisschen wie im Film.
Müssen Sie bei Hausdurchsuchungen dabei sein?
Nicht zwingend, aber es ist für mich zentral, einen Fall nicht bloss aus den Akten zu kennen, sondern zu wissen, wovon gesprochen wird. Ich will wissen, wie es am Tatort aussieht. Auch weil ich die Verantwortung für die Untersuchung trage.
Warum wurden Sie Staatsanwältin?
Eine grössere Untersuchung zu führen, Einvernahmen zu machen ist sehr spannend und herausfordernd. Und ich erlebe in diesem Beruf viele Situationen, in die ein normaler Mensch nie reinsieht. Zudem gefällt mir das dogmatische Denken.
Hätten Sie auch gerne einmal einen Mordprozess?
Es würde seltsam klingen zu sagen, dass ich einen Mordfall will. Aber Fälle, die grosse Komplexität aufweisen, wünscht man sich schon. Niemand will einen Mord. Aber wenns passiert ist, wünscht sich wohl jeder Staatsanwalt, ihn aufklären zu können.
Sie haben den ganzen Tag mit Verbrechen zu tun. Können Sie noch an das Gute im Menschen glauben?
Ja. Ich richte den Fokus in meinem Job auf bestimmte Aspekte von menschlichem Handeln. Ich versuche nachzuvollziehen, warum sie so handeln.
Zu welchem Schluss kommen Sie?
Dass Menschen sehr brutal und respektlos handeln können. Da kann man nicht mehr sagen: Das gibt es nicht. Das heisst aber nicht, dass ich jedem, den ich auf der Strasse sehe, solche Taten zutraue.
Haben Sie Angst vor Beschuldigten?
Man muss dafür sensibilisiert und sich bewusst sein, dass diese Menschen teilweise nichts mehr zu verlieren haben. Wichtig ist, dass man Gefahren ernst nimmt. Angst darf man keine haben. Und es gibt ja auch schöne Momente.
Welche?
Wenn sich der Beschuldigte einsichtig zeigt. Das gibt es auch.
Könnten Sie sich vorstellen, Verteidigerin zu sein?
Ich kann die Rolle der Staatsanwältin besser mit mir vereinbaren und sie liegt mir mehr.
Haben Sie ein stärkeres Unrechtsbewusstsein als andere Menschen?
Ich scheue mich nicht, das Wort zu ergreifen, wenn ich ein Missverhältnis oder eine Ungerechtigkeit sehe. In der Schule habe ich sogar einmal einen Streik angezettelt, weil die Mädchen vier Stunden Handarbeit und die Jungs nur zwei Stunden Werken hatten.
Ihr Wunsch für die Zukunft?
Ich hoffe, dass ich nie den Biss verliere, den es braucht, um bei schwierigen Fällen dranzubleiben.

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