Jetzt ist sie da: die Madonna auf der Mondsichel. Sie hängt wieder am Kirchenfenster. An dem Ort, wo sie vor elf Jahren der Kunstdieb Stéphane Breitwieser abschraubte und mitnahm. In der Uerkner Kirche rückte man gestern zusammen, damit alle einen Platz fanden. Denn viele wollten sie sehen, die Madonna, die so lange fort war.

Die gestohlene Madonna ist endlich zurückgekehrt

«Wir sind vom Kanton weihnachtlich beschenkt worden», sagte Pfarrer David Scherler. Er spricht dabei die Kosten für die Restauration des Glasgemäldes an – rund 6000 Franken hat sie gekostet. Denn die Madonna war nach der Verhaftung des Kunstdiebes von dessen Mutter zerstört worden. Dabei zerbrach sie – das Fragment mit dem Gesicht der Madonna und dem Jesuskind verschwand und musste neu gemalt werden.

Die Pausbacken des Jesuskindes

Der dreiste Diebstahl hat vier Uerkner Konfirmanden eine spannende Unterrichtszeit beschert: Fabienne Möri, Sabrina Benz, Angela Leuppi und Emanuel Fischer haben sich seit August mit dem Glasgemälde befasst und darüber einen 30-minütigen Film gedreht. Filmpremiere war gestern im Gottesdienst.

Der Film ist lustig – beispielsweise dann, wenn die Konfirmanden von den Uerkner wissen wollen, was sie über das Bild wissen. Schnell wird klar: Die reformierten Uerkner kennen sich nicht besonders gut aus mit der Madonna. Manche erkennen Maria nicht, denken das Glasgemälde zeige einen Mann.

Der Film ist auch lehrreich. Denn die Konfirmanden besuchten das Glasatelier in Luzern, in dem das Gemälde restauriert wurde. Die Glasmalerin erzählte ihnen, dass es nicht ganz einfach war, die Pausbacken des Jesuskindes nachzumalen. Sie verriet auch, dass es für sie etwas ganz Besonderes gewesen sei, dieses Glasgemälde zu restaurieren. Denn gemalt hat es 1520 der bekannte Glasmaler Hans Funk. Pfarrer Scherler erklärt im Film ausserdem, dass das mittelalterliche Bild der Madonna nach einem Vers aus der Offenbarung gemalt wurde.

«Wieder bei uns daheim»

Dann ist der Film zu Ende und die Konfirmanden enthüllten das Glasgemälde. «Die Madonna ist wieder bei uns daheim», sagte Pfarrer Scherler.

Verschwiegen wurde im Gottesdienst, dass die Situation vor 90 Jahren eine ganz andere war. Damals wären die Uerkner ihre Madonna gern losgeworden: Die Kirchgemeinde bettelte den Kanton an, die Scheibe an einen privaten Sammler für 25 000 Franken verkaufen zu dürfen. Aus dem Erlös sollten dringend notwendige Renovationsarbeiten am Gotteshaus bezahlt werden. Doch der Kanton blieb stur. Er untersagte den Uerknern den Verkauf dieses kulturhistorisch bedeutenden Glasgemäldes.

Aber das ist lange her. Gestern waren alle glücklich, dass die Madonna in der Kirche hängt.

Nicht vergessen wurde im Gottesdienst der Kunstdieb Stéphane Breitwieser. Er sitzt zurzeit in einem Gefängnis im Elsass. Denn Breitwieser, der stets aus Liebe zur Kunst stahl, konnte das Stehlen nicht lassen und wurde bereits zum zweiten Mal rückfällig. Die Konfirmanden beteten gestern für ihn, «dass er sein Leben in den Griff kriegt».

Und Pfarrer Scherler sagte, dass man dem Dieb längst vergeben habe.

Nicht anbeten, aber ehren

Pfarrer Scherler sprach in seiner kurzen Predigt auch über die Bedeutung von Maria als Mutter Gottes. Er sagte: «Wir Reformierten beten die Madonna zwar nicht an. Aber ehren können wir sie trotzdem.»

Scherler sieht überhaupt viel Gutes im Diebstahl: «Nur weil das Glasgemälde gestohlen wurde, haben wir darüber nachgedacht, was es zeigt. Wäre es nicht gestohlen worden, wäre es ein ganz normales Glasfenster, das in unserer Kirche hängt.»