Analyse
Die Geschichte der Familie Keller ist zu Recht öffentlich

Die Steuerzahler haben ein Anrecht darauf, zu erfahren, wie schwierig Sozialhilfe zu handhaben ist, wenn einer, dem geholfen wird, nicht mitmacht, schreibt az-Redaktor Peter Siegrist in seiner Analyse zum Sozialfall der Familie Keller.

Peter Siegrist
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Familie Keller bei Grossrat Schmid (Archiv)

Familie Keller bei Grossrat Schmid (Archiv)

Tele M1

Seit dem letzten August berichteten wir in mehreren Artikeln über die Familie Keller aus Reinach. Das Ehepaar Keller lebte mit seinen zwei kleinen Kindern über ein Jahr in einer Fabrikhalle und häufte in dieser Zeit einen grossen Berg an Waren und Schrottautos an. Herr und Frau Keller gehen keiner geregelten Arbeit nach. Sie beziehen ihr Geld von der Sozialhilfe.

Ist das Grund genug, um in der Zeitung erwähnt zu werden? Gehört so ein Schicksal in die Medien? Wir sagen klar Ja. Nicht, weil wir uns im Regionalteil unseres Blattes auf Boulevardgeschichten fokussieren wollen, sondern, weil unsere Leser Steuerzahler sind. Wir meinen, dass sie Anrecht haben, zu erfahren, wie schwierig Sozialhilfe zu handhaben ist, wenn einer, dem geholfen wird, nicht mitmacht. So wie wir bei jedem Graben, den die Gemeinde öffnet, bei jedem mit öffentlichen Geldern gebauten Schopf in der Zeitung die Kosten offenlegen, wollen wir auch hier Transparenz schaffen, denn materielle Hilfe finanziert sich mit Steuergeldern.

Hinweis aus der Bevölkerung machte den Fall öffentlich

Ein Hinweis aus der Bevölkerung hat das Schicksal der Familie öffentlich gemacht. Wir titelten damals «Familie im Voco-Areal gestrandet». Bei einem Augenschein trafen wir Eltern mit zwei kleinen Kindern und Haustieren, die in einer Fabrikhalle untergekommen waren: das Mobiliar superprovisorisch, Gestelle und Tablare, alles offen, die Wohnsituation schmuddelig. Dazu gehörte viel gesammeltes Material. Maschinen, Fahrräder, Autos, Küchengeräte türmte Keller über Quadratmeter hinweg auf und sagte selber, er wisse nicht, wie es weitergehen solle.

Damals zeigte sich, Herr Keller hat zwei Gesichter. Seine Aussagen waren häufig widersprüchlich. Vor Journalisten gab er sich mitleiderheischend. Er verdrückte manche Träne, erzählte von seinem Schicksal, wies darauf hin, wie schlecht er von der ganzen Welt behandelt werde. Und arbeiten? Das sei nicht möglich wegen seiner Krankheiten. Deshalb bemühe er sich als Selbstständiger etwas zu verdienen, indem er Geräte und Fahrzeuge repariere. Kaum war der erste Artikel erschienen, berichteten Leser und Nachbarn über Erlebnisse mit der Familie Keller. Das Bild von der schicksalsgebeutelten Familie wurde um die Frage ergänzt, warum ihr Haus bereits in Unterkulm zwangsgeräumt wurde?

Ein zweites Gesicht

Wir stellten fest, dieser Mann hat neben seinem sanften ein zweites, anderes Gesicht. Er ist schwierig im Umgang mit andern Menschen. Leute aus Unterkulm und Reinach bestätigten, dass Keller sie beschimpft und in Kulm mit einem Luftgewehr auf ihre Häuser geschossen habe. Auch die zuständige Reinacher Gemeinderätin und Behördemitglieder mussten Kellers Tiraden über sich ergehen lassen, als sie ihm die Notunterkunft übergeben wollten. Kellers Unzufriedenheit mit unserer Zeitung gipfelte darin, dass er einer Journalistin gegenüber sagte, er sei ein guter Scharfschütze.

das ist die tragik in diesem Fall: Kellers sind mit ihren zwei kleinen Kindern sozial gestrandet und brauchen trotz ihres oft frechen Auftretens Hilfe. Diese erhalten sie auch von der Gemeinde, die, schon lange bevor die Geschichte publik wurde, mit der Familie Kontakt hatte, weil sie sich um das Wohl der beiden Kinder sorgte. Aber Hilfe muss letztlich auch ankommen und angenommen werden.

Die Familie hielt sich nicht an Verträge

Wo diese familie in den letzten Jahren wohnte, kam es immer zu einer Zwangsräumung, weil sie sich nicht an den Mietvertrag hielt und die Mieten schuldig blieb. Ein Vermieter in Unterkulm blieb gar auf einem Sachschaden in seinem Haus von 60000 Franken sitzen, und die Kosten der letzten Zwangsräumung in Reinach muss ebenfalls der Voco-Areal-Besitzer übernehmen. Als Keller die Notunterkunft der Gemeinde vor Weihnachten ablehnte, eskalierte die Situation. Der Solidaritätsgedanke «der Hilfe in der Not» wurde damals arg überstrapaziert.

Wenn die Bevölkerung auf diese Situation mit Unverständnis reagiert, ist das verständlich. Nur zeigt sich jetzt, es greift definitiv zu kurz, den Fall auf Sozialschmarotzer zu reduzieren. Die Behörde hat es zwar mit einem Fall von Querulantentum zu tun, oder vielmehr mit einem Menschen, der in seiner Welt gefangen ist und sich nichts sagen lässt. Ihn da herauszuholen, ist nicht einfach.

Behörden sind auf Kooperation angewiesen

Die Behördenmitglieder sind generell auf die Kooperation ihrer Bürger angewiesen. Sie können zwar materielle Hilfe auszahlen und mit Beitragskürzungen, wenn nötig, Einfluss nehmen. Sie können verlangen, dass Keller in einem Beschäftigungsprogramm mitarbeitet und nicht nur Hilfe erhält, sondern auch etwas tut. Die Familie erhält von den Reinacher Behörden ideelle und finanzielle Unterstützung.

Für ihre beiden Kinder wurde diese Woche eine Beistandschaft eingerichtet. Damit sich die Situation jedoch ändert, braucht es die Einsicht zur Kooperation von Kellers und den Willen zur Veränderung.