Kirchleerau

Die erste Kirchleerber Frau Gemeindeammann verabschiedet sich nach 16 Jahren

Walburga Müller steht inmitten der Findlinge. Emanuel Freudiger

Walburga Müller steht inmitten der Findlinge. Emanuel Freudiger

Nach 16 Jahren im Gemeinderat, acht davon als Ammann, geht Walburga Müller in den Ruhestand. Sie hatte Geschichte geschrieben: Vor 16 Jahren wurde sie als erste Frau als Gemeinderätin gewählt.

Wie ein Wintermärchen zeigt sich zwei Wochen vor Weihnachten Kirchleerau. Die Bäume sind weiss vom Reif, die Sonne löst den tief hängenden Nebel langsam auf, blauer Himmel wird sichtbar.

Inmitten dieser Szenerie steht Walburga Müller, auf der Kirchleerber Endmoräne, zwischen Findlingen. Hier geht die erste Kirchleerber Frau Gemeindeammann gerne spazieren, hier findet sie ihre Ruhe, hier denkt die 65-Jährige nach.

Vor 16 Jahren wurde sie als erste Frau, nachdem sie bereits vier Jahre in der Finanzkommission war, als Gemeinderätin gewählt.

Sie trat für keine Partei an, gehorchte keinem Parteiprogramm, pickte sich lieber raus, was zu ihr passte. Das ist auch heute noch so.

«Parteilos zu sein ist sehr gut, dann muss man nichts befolgen», sagt Walburga Müller.

Die Politik habe sie schon immer interessiert, denn bereits am Familientisch wurde viel politisiert. «Damals vertrat ich aber meist die gegenteilige Meinung meines Vaters», sagt sie und schmunzelt.

Ruhe und Gelassenheit

Acht Jahre war sie Gemeinderätin, vier davon amtete sie als Vizeammann. Nichts als logisch, dass sie danach die nächste Hürde in Angriff nahm: «Mich reizte die Herausforderung des Ammann-Amtes.»

Walburga Müller führte danach das Amt mit viel Gelassenheit. «Es ist wichtig, eine Information zuerst setzen zu lassen und die Gedanken reifen zu lassen, nicht ‹grad dri schiesse›», sagt sie.

Das habe sie bereits in ihren Kindheitsjahren gelernt. «Ich bin in einer Wirtefamilie aufgewachsen, da musste man auch schweigen», sagt sie.

Das Verhalten der Gäste hätte akzeptiert werden müssen. Auch in der Bank Leerau, wo sie seit 27 Jahren arbeitet, müsse man schweigen und dürfe man keine Kundeninformationen ausplaudern. Diese Strategie hat sie in den Gemeinderat mitgenommen. Sie gab Antwort, wenn sie gefragt wurde, ansonsten stand sie wenig im Rampenlicht.

Ausser im letzten Jahr, als die Bank Leerau, ihr jahrelanger Arbeitgeber, das 175-Jahr-Jubiläum feierte. Als sie als Frau Ammann in der Arena des Circus Monti die Grussworte überbringen durfte. «In dieser Arena herrschte eine solch schöne Atmosphäre», sagt sie. Ein Erlebnis, das sie nie vergessen werde.

Von Emmenbrücke nach Kirchleerb

Eigentlich war es reiner Zufall, dass Walburga Müller in den Aargau nach Kirchleerau kam. Ursprünglich kommt sie aus Lungern, aufgewachsen ist sie mit ihrem Zwillingsbruder und ihrem um zehn Jahre jüngeren Bruder in Emmenbrücke. Danach hat sie immer wieder den Wohnort gewechselt, bis ihre Eltern das Restaurant Bären in Kirchleerau übernahmen.

Ein Entscheid, der Walburga Müllers Leben ziemlich verändern sollte. Denn in Kirchleerau lernte sie ihren Mann kennen, in Kirchleerau fand sie eine Stelle bei der Bank, Kirchleerau wählte sie als Gemeinderätin und Ammann.

Kirchleerau liege eingebettet zwischen fein geschwungenen Hügeln, überschaubar. Und sei doch sehr nahe an der Autobahn. «Zudem haben wir hier frisches Quellwasser», sagt Müller.

Genau dieses machte der Gemeinde jedoch vor einem Jahr Probleme. Es war verunreinigt, Colibakterien wurden nachgewiesen. Mehrere Tage musste die Kirchleerber Bevölkerung das Wasser abkochen.

Die Ursache für die Verunreinigung wurde nie gefunden. «Heute kann das nicht mehr passieren, in unserem neuen Wasserreservoir sind Filter eingebaut, welche dies verhindern», sagt sie. Das Wasserreservoir wurde von vielen als ein Jahrhundertbauwerk für die Gemeinde bezeichnet.

Ein Jahrhundertbauwerk wäre auch die Umfahrungsstrasse, die Müller vorschlägt, um das Dorf vom Schwerverkehr zwischen Aarau und Sursee zu befreien.

«Diese Strasse kann auch unterirdisch sein», sagt sie und glaubt, dass die Strasse oberirdisch wegen der Landschaft von nationaler Bedeutung kaum realisierbar wäre. Eine Idee, die auch Nachfolger Hunziker weiterführen müsse.

Auf Erich Hunziker warten einige Aufgaben. «Ich werde versuchen, Walburga Müllers unglaubliche Ruhe, die sie jederzeit ausstrahlte, zu übernehmen.

In hitzigen Situationen hat dies oftmals deeskalierend gewirkt, allerdings konnte sie gefasste Beschlüsse auch konsequent vertreten», sagt er. Sie habe den Gemeinderat immer als Team gesehen und stets den Gedanken der Kollegialitätsbehörde gelebt. «In dieser Hinsicht ist sie für mich ein Vorbild», sagt Hunziker.

Mit denselben Eigenschaften beschreibt auch Hans Rudolf Müller Walburga Müller. Acht Jahre haben sie im Gemeinderat zusammengearbeitet, sechs davon war Hans Rudolf Müller Vizeammann.

Mit ihm hat Walburga Müller oft die schwierigen Angelegenheiten beredet. «Bei aller Sachlichkeit, welche die Geschäfte des Gemeinderates an sich verlangen, hat sie gezeigt, dass auch für die Menschlichkeit stets genug Platz ist», sagt Hans Rudolf Müller über Walburga Müller.

Sie könne jedoch in der Sache sehr hartnäckig sein, sei aber immer offen und fair.

Zu Fuss ins Tessin

Nach den Gemeinderatssitzungen ist das Team jeweils essen gegangen. «Kaum fiel die Tür ins Schloss, waren vorhergegangene Diskussionen vergessen», sagt Müller.

Bald wird auch hinter Walburga Müller die Tür zur Gemeindeverwaltung zum letzten Mal ins Schloss fallen und bei der Bank geht sie ebenfalls in Pension.

Auf die Freiheiten freut sie sich und darauf, wieder vermehrt Blockflöte im Ensemble zu spielen. Pläne hat sie noch keine, ausser, dass sie mit ihrem Mann den Fussweg von Kirchleerau nach Ascona in Angriff nehmen will.

Und dass sie im nächsten Jahr bei der Einweihung des Findlingsgartens auf der Endmoräne dabei sein wird – als normale Einwohnerin von Kirchleerau.

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