Reinach
Die einstige «Bären»-Scheune wird ein Mehrfamilienhaus

1906 wurde an der Hauptstrasse 62 das Konfektionsgeschäft «Zur Stadt Paris» eröffnet. 39 Jahre früher war es noch ein Tanzsaal.

Rahel Plüss
Drucken
Teilen
1906 wurde an der Hauptstrasse 62 das Konfektionsgeschäft «Zur Stadt Paris» eröffnet.

1906 wurde an der Hauptstrasse 62 das Konfektionsgeschäft «Zur Stadt Paris» eröffnet.

Nachlass Franz Hunziker

Das Haus zwischen Löwen-Apotheke und Gasthof Bären ist verhüllt. In den Schaufenstern posieren schon länger keine Puppen mehr, die in finanzielle Schieflage geratene Modekette Blackout hatte ihre Reinacher Filiale bereits im Frühjahr geschlossen. Stattdessen eilen im ehemaligen Ladenlokal Handwerker hin und her. Ansonsten macht sich der Umbau des geschichtsträchtigen Gebäudes an der Hauptstrasse 62 vor allem akustisch bemerkbar. Die meisten Arbeiten werden hinter den zum Schutz der Passanten angebrachten Netzen erledigt.

Das Haus neben dem «Bären» hat eine bewegte Geschichte. Wohnhaus, das war es noch nie. Das soll sich nun ändern. Über dem totalsanierten Verkaufsladen werden auf drei Etagen insgesamt sechs moderne Wohnungen eingebaut, mit Badezimmern, grossen Fenstern, Balkon oder Dachterrasse, Lift und allem, was dazugehört. Kein einfaches und auch kein billiges Unterfangen – schliesslich wird aus einem Tanzsaal, der Jahrzehnte als Lagerraum für Möbel oder Kleider ein Schattendasein fristete, nicht so einfach ein moderner Wohnbau.

Erhalt des historischen Erbes

Zwei Millionen Franken investiert die Eigentümerin, die Agmento Immobilien AG, Oensingen SO, in den Umbau. Geschäftsführer Gerald Metzler ist überzeugt, dass Wohnraum, so zentral neben Einkaufsmöglichkeiten und Bahnhof gelegen und altersgerecht ausgebaut, auf dem Markt gefragt ist. Zudem sei ihm der Erhalt des historischen Erbes ein Anliegen.

So werden denn gewisse Mauern in den Wohnungen im Originalzustand belassen – als Erinnerung an eine längst vergangene Zeit, eine Epoche, als sich beispielsweise im Erdgeschoss das Konfektionsgeschäft «Zur Stadt Paris» befand, 1906 als Filiale einer Luzerner Firma eröffnet. Dort wurden neben Kleidern für die feine Herrschaft wohl auch Tuchwaren, Lingerie und Aussteuerartikel feilgeboten, wie in der Reinacher Dorfchronik von Peter Steiner zu lesen ist. Der Name wurde möglicherweise vom «Pariserplatz» abgeleitet, wie der nahe Lindenplatz zeitweise genannt wurde.

Da das Gebäude in den Dokumenten des 19. Jahrhunderts stets nur im Zusammenhang mit der «Bären»-Liegenschaft erwähnt worden sei, lasse sich sein Baujahr nur ungefähr bestimmen. Das ergeben Recherchen des Lokalhistorikers Steiner, die er auf Anfrage der az getätigt hat. Ursprünglich müsse dort eine einfache Scheune gestanden haben. Diese sei, vermutlich Anfang der 1850er-Jahre, zu einem dreistöckigen Gebäude mit Tanzsaal aufgestockt und durch eine Laube mit dem «Bären» verbunden worden. «Im Sommer 1853 erwähnte der Reinacher Gemeinderat nämlich in einem Schreiben die vielen Veränderungen am ‹Bären›», so Peter Steiner. «Da könnte auch der Ausbau der Scheune mitgemeint sein.» Erstmals ausdrücklich erwähnt, werde das Tanzsaal-Gebäude samt Zwischenbau in einem Dokument von 1867.

Vom Mode- zum Möbelhaus

Nach 1900 wurde im Erdgeschoss anstelle der Scheune das Konfektionsgeschäft «Zur Stadt Paris» eingerichtet. Irgendwann wechselte der Ladenbetreiber. Kleider wurden noch immer feilgeboten, allerdings unter dem weitaus profaneren Namen «Lanz-Hartmann».

Im Jahr 1945 kaufte der Reinacher Möbelhändler Eugen Hunziker das Gebäude neben dem «Bären». Damals habe sich hinter dem Laden noch ein Pferdestall befunden, erinnert sich Sohn Alfred Hunziker. Sein Vater habe die Liegenschaft in den folgenden Jahren sukzessive aus- und umgebaut, schliesslich erstreckte sich die Möbelausstellung über drei Etagen.

Man habe vor allem mit Möbeln gehandelt, aber nicht nur: Zusammen mit einem Sattler habe sein Vater eine Rosshaarmatratze entwickelt, so Alfred Hunziker. Er erinnere sich an ein Foto, das zeige, wie die beiden mit dem Ungetüm nach Zürich reisten, um ihr Patent anzumelden. 1964 übernahm Alfred Hunziker zusammen mit Bruder Erwin das Möbelgeschäft. 1982 zog der Familienbetrieb in einen Neubau an der Europastrasse. Das Gebäude neben dem «Bären» ging an die Warenhauskette Jelmoli.

Im Januar 1994 kaufte die jetzige Eigentümerin, die Agmento Immobilien AG, das Haus. Eine «Blackout»-Filiale zog ein. Kein Zufall: Agmento-Geschäftsführer Gerald Metzler hatte die Blackout AG 1990 nämlich gegründet. Obwohl er seine Modekette 2013 verkaufte, blieb die Filiale in Reinach bestehen – bis zu diesem Frühjahr. Was folgt? Metzler ist zurückhaltend. Es gebe bereits Interessenten für das 470 Quadratmeter grosse Verkaufslokal, fest stehe aber noch nichts. Der Standort sei für verschiedene Branchen attraktiv. Aber ja, es könne durchaus sein, dass wieder ein Geschäft aus dem Textilbereich einziehen werde.