Einen Schuss Amaretto in die Mandelmischung – und Ramona Bolliger (21) wäre disqualifiziert. An den Berufsweltmeisterschaften in Abu Dhabi sind der Gebrauch von Schweinefleisch und Alkohol strengstens verboten. «Schade für den Geschmack», sagt die Bäcker-Konditorin und zieht mit einem scharfen Messer feinste Verzierungen in den Teig, ohne sich durch das Gespräch aus der Ruhe bringen zu lassen. Die Handgriffe erfolgen, als wären sie programmiert.

Heute trainiert Bolliger die Königsdisziplin der WM: das Schaustück. Ein solches Kunstwerk aus verschiedenen Teigen sieht zwar schön aus, doch essen kann es keiner. Damit es überhaupt hält, wird der Teig steinhart gebacken. «Verwendung findet es höchstens als Ausstellungsstück», erklärt Bolliger. Fünfmal hat sie das neue WM-Schaustück bereits geprobt und weiterentwickelt, mindestens zehn weitere Probe-Exemplare sind noch geplant.

Auch die anderen WM-Disziplinen Brot, Kleinbrote, Süssteiggebäcke, mehrfach gefaltete Hefeteige und Snacks werden seit der Nomination fleissig geübt. Anders als beim Schaustück werden alle anderen Kreationen verspeist. «Meine Familie wird in letzter Zeit regelrecht gemästet», sagt Bolliger und lacht. Als mittlere von drei Töchtern wohnt sie noch zu Hause in Gontenschwil.

Unverhofft an die WM

Der WM-Traum war für die Bäckerin, die ihre Lehre bei der Bäckerei Sollberger im Heimatdorf absolviert hat, eigentlich schon abgehakt. Nach Platz 4 bei der Schweizer Meisterschaft 2014 war die Enttäuschung gross. An die WM 2015 in São Paulo durfte nur die Siegerin. Weil die Top 3 im Jahr darauf aber alle die Teilnahme an der EM 2016 absagten, rückte die überraschte Bolliger nach und gewann prompt die Silbermedaille. Der unverhoffte Lohn ist die WM-Teilnahme in Abu Dhabi im Oktober dieses Jahres. Diese «einmalige Chance» will sich Bolliger nicht entgehen lassen. Dafür schuftet sie gerne.

«Ich bin nach der Bekanntgabe vor gut einem Jahr vor lauter Freude durch das ganze Haus getanzt», sagt Bolliger. Um top vorbereitet an die WM zu gehen, arbeitet und trainiert Bolliger nun an der Richemont Fachschule in Luzern. Hier kann die WM-Teilnehmerin direkt mit Urs Röthlin zusammenarbeiten. Röthlin ist Abteilungsleiter der Richemont Bäckerei, gleichzeitig Chefexperte an der WM und schon seit der EM-Vorbereitung Bolligers Coach. «Ramona ist selbstständig, fleissig und kreativ und kann trotz ihres jungen Alters gut vor Leuten arbeiten», sagt Röthlin.

Liebesglück in der Berufs-Nati

In Abu Dhabi wird Bolliger nicht nur von ihrer kompletten Familie unterstützt. Auch ihr Freund Sven Bürki ist dabei. Ob er jedoch als Zuschauer an Bolligers Wettkämpfen sein wird, ist unklar. Denn auch der Möbelschreiner ist einer von 38 Schweizer WM-Teilnehmern. «Wir haben uns aber nicht erst in der Berufs-Nati, sondern schon vor anderthalb Jahren beim Skifahren in Österreich kennen gelernt. Dass wir jetzt beide dabei sind, ist eher ein sehr erfreulicher Zufall», sagt Bolliger. Trotz der intensiven WM-Vorbereitung finden der Schreiner aus dem Thurgau und die Bäckerin noch ausreichend Zeit füreinander.

Nach der WM die Welt entdecken

Bis Bolliger ihren Traumberuf endlich fand, verging einige Zeit. «Überall, wo ich geschnuppert habe, verlor ich schon nach einem Tag die Lust. Auf die Bäckerei hat mich dann meine Mutter gebracht. Das gefiel mir sofort, trotz Aufstehen um 2.30 Uhr», sagt Bolliger und fügt hinzu: «Das mit dem Schlafen habe ich während der Lehre nie wirklich im Griff gehabt. Ein Problem war das aber nie. Ich habe einfach spontan geschlafen, wenn ich müde war.» Seit sie in Luzern arbeitet, darf Bolliger zumindest ein wenig länger ausschlafen. Dienstantritt ist drei bis vier Stunden später als während der Lehre.

Obwohl Bolliger gerne an Wettkämpfe geht, ist nach der WM erst mal Schluss. Dann stehen andere Dinge wie der Auszug aus dem Elternheim oder Reisen im Fokus. «Skandinavien, Amerika oder Australien faszinieren mich. Ausserdem will ich Spanisch lernen», sagt Bolliger. Vielleicht entdeckt sie ja als Weltmeisterin die Welt.