Für jedermann greifbar steht es in einem Regal im Eingangsbereich der Aarauer Kantonsbibliothek: das Aargauer Wörterbuch in der Lautform der Leerauer Mundart, verfasst vom Kirchleerauer Jakob Hunziker 1877. Es ist nicht das erste Werk über die Schweizer Mundart, aber das erste aus dem Aargau und aus dem Suhrental sowieso.

Die aargauische Lehrerkonferenz beschloss 1866, einen Aargauer Beitrag zum Schweizerischen Idiotikon von 1806 zu leisten und beauftragte Kantonsschullehrer Jakob Hunziker damit. Er arbeitete zehn Jahre daran.

Aktueller denn je

In seinem Vorwort schreibt Hunziker: Leerau, geteilt in die zwei Dörfer Kirchleerau und Moosleerau, habe eine Gesamtbevölkerung von 1200 Seelen. Heute sind es kaum 300 mehr. Auch sonst ist, was Hunziker schon vor 130 Jahren schrieb, so aktuell wie damals: Die Verwässerung der Mundart. In der umständlichen Sprache von damals schrieb er: «Jede Lockerung jenes ursprünglichen Bundes (mit der Mundart, Anm. d. Red.) ist ein kaum wieder gutzumachender Einbruch in unser Gefühls-, Denk-, und Sprachvermögen.»

Ein solches Los habe jahrhundertelang der Schweiz gedroht und nun zeige sich der Schaden des Einflusses der Schriftsprache auf die Mundart, «jenem herben, salzigen Element, das keine gelehrte Abgestandenheit aufkommen lässt, das jede Härte sofort beseitigt oder im Getriebe des Verkehrs mundgerecht ausprägt.» Und er fand schon damals – das Auto war noch nicht erfunden, geschweige denn das Fernsehen –: «Freilich gilt es, sich zu beeilen. Der alles nivellierende Einfluss moderner Verkehrsmittel, moderner Schule, moderner sozial-politischer Umgestaltung dringt auch in diese Tiefen hinab, lässt die Mundarten verblassen und setzt sie auf die Aussterbeliste.»

Akribisch listet Hunziker in seinem Wörterbuch sogar einzelne Konsonanten-Kombinationen auf wie zu «mp»: plampe, plämpere, bumpel, trampe, lampe, lumpe, simpängel usw. Bei den Mundartwörtern stösst man zuweilen auf Erstaunliches. Unter «h» heisst es: huer (die Hure), huereglük (unverdientes Glück). Wer also findet, die Sprache der Jugend sei nicht mehr, was sie mal war...

Jeden Tag ein Vers

Oft bedient sich Jakob Hunziker Verse, um die Mundart zu veranschaulichen. Die az Aargauer Zeitung veröffentlicht ab heute Beispiele von A bis Z. Buchstaben wie d/t, b/p oder f/v sind unter einer Rubrik zusammengefasst.

Das 130-jährige Aargauer Wörterbuch ist übrigens vergriffen und kann in der Kantonsbibliothek lediglich vor Ort eingesehen, aber nicht ausgeliehen werden. Noch immer erhältlich ist jedoch «Schproochmümpfeli», ebenfalls ein Wörterbuch in Suhrentaler Mundart, des im Jahr 2000 verstorbenen Schöftler Lehrers Ernst Matter.