Wynental

Der SVP-Grossrat und die Leiden der Pendler

Grossrat Beat Leuenberger geniesst den vielen Platz im Bus auf Aargauer Boden – eng wirds erst nach der Kantonsgrenze. Aline Wüst

Grossrat Beat Leuenberger geniesst den vielen Platz im Bus auf Aargauer Boden – eng wirds erst nach der Kantonsgrenze. Aline Wüst

Der SVP-Grossrat Beat Leuenberger fährt selten mit dem öffentlichen Bus. Und dennoch hat er im Juni 2010 eine Interpellation zu einem Expressbus eingereicht. Die az hat Leuenberger auf einer Testfahrt von Schöftland nach Sursee und retour begleitet.

Der Kaffee muss sein. Beat Leuenberger, SVP-Grossrat, Unternehmer und Autofahrer, stürmt mit dem weissen Pappbecher in der einen und der Ledermappe in der anderen Hand aus dem Schöftler WSB-Stationshäuschen.

Der Expressbus nach Sursee steht bereit und Leuenberger befürchtet, er könnte ihn verpassen. Der Grossrat reist selten mit dem Bus – hie und da vielleicht, bei einem Ausflug des Männerturnvereins.

Leuenberger, der als Kind Hochseekapitän werden wollte, tuckert heute zwar nicht über die Weltmeere, dafür reist er zum ersten Mal mit dem Eilkurs von Schöftland nach Sursee. 17 Haltestellen trennen ihn von seinem Ziel. Das sind 13 weniger als auf dem normalen Kurs. Leuenberger selber hat diesen Expressbus initiiert, Er, Beat Leuenberger – der Autofahrer.

Auf Einladung der az Aargauer Zeitung testete er diesen Eilkurs, der von Schöftland direkt nach Triengen fährt. Ohne den zeitraubenden Umweg über Attelwil, Reitnau und Winikon. Pünktlich um 7.35 Uhr fährt der Bus in Schöftland los.

8 Minuten mehr Freizeit

Geboren wurde die Idee vom Expressbus vor zwei Jahren: Im Juni 2010 reichte Grossrat Leuenberger eine Interpellation ein. Leuenberger schrieb darin, dass in jüngster Vergangenheit Diskussionen um eine Expressbuslinie zwischen Schöftland und Sursee aufgekommen seien.

Denn dieser Bus, der die Dörfer des aargauischen Suhrental und den Luzerner Gemeinden im Surental mit Schöftland und Sursee verbindet, sei wichtig für die florierende Region. Darum wollte Leuenberger vom Regierungsrat wissen: «Ist das Projekt vom Expressbus dem Regierungsrat bekannt und wie ist der Stand der Planung?»

Die Antwort des Regierungsrats in Kurzform: Wenn die betroffenen Dörfer mitmachen, unterstützt der Regierungsrat die Idee mit einem Sonderbeitrag. Also weibelte Leuenberger und die Gemeinden zückten ihr Portemonnaie – und los ging die Fahrt. Zeiteinsparung: 8 Minuten. Nicht viel aber immerhin.

Das Suhrental ist nebelverhangen. Es wird hell und der Kaffeebecher ist fast leer. Der Bus auch. Nur eine Handvoll Pendler ist bisher eingestiegen. Übers ganze Jahr verteilt benutzen rund 650000 Personen den Bus zwischen Schöftland und Sursee.

Die Kantonsgrenze füllt den Bus

«Allein ist Bus fahren stinklangweilig», sagt Leuenberger. Zu zweit dafür umso kurzweiliger ergänzt er. Rasant lässt der Eilkurs die Aargauer Dörfer hinter sich – nur gerade zweimal stoppt er. Bereits nach sechs Minuten passiert er die Kantonsgrenze und ennet der Grenze kommt dann Leben ins Gefährt. Leute steigen ein, der Bus füllt sich. Bei jedem Stopp schwappt kalte Luft in den Bus. Und der Bus hält oft auf luzernischem Boden.

Leuenberger selber ist auf aargauischem Boden aufgewachsen, in Brittnau. Gereist ist er als Jugendlicher mit Töffli und Velo. Gependelt mit Bus und Bahn ist er vor allem während der 34 Wochen seines Militärdienstes.

Jetzt reist er im Auto, zum Beispiel in die Berge, wo er seinem Hobby frönt – dem Wandern und dem Segelflug. Leuenberger schwärmt von dem Gefühl, die Berge von oben zu sehen. Vor lauter erzählen, merkt er gar nicht, wie proppenvoll der Bus mittlerweile ist.

Neben ihm liegt seine Ledermappe auf einem leeren Sitz. Der leere Sitz ist ab Triengen zu einem kostbaren Gut geworden. Eine Frau, die im luzernischen Geuensee zusteigt, macht ihn darauf aufmerksam. Leuenberger entschuldigt sich und nimmt schnell seine Mappe vom Sitz. In den Gängen stehen Schüler und andere Pendler.

Leuenberger nutzt die Gunst der Stunde und fragt die Frau neben sich, wie sie den Schnellbus finde. Ihre Antwort: «Man nimmt, was man kriegt.» Richtig glücklich wirkt sie nicht und Leuenberger scheint ein bisschen ratlos. Oft müsse man im Bus stehen, fügt eine jüngere Frau gegenüber an. Die Leiden der Pendler erfährt der Autofahrer Leuenberger an diesem Morgen hautnah. Nach 33 Minuten und 17 Stopps erreicht der Bus Sursee.

Leuenberger nutzt den kurzen Aufenthalt, um mit dem Busfahrer über den Expressbus zu sprechen. Der ist nicht gerade begeistert davon. Von Schöftland her benutzen ihn wenige, sagt er. «Wenn schon, dann ein richtiger Eilkurs.» Einer, der wirklich wenige Stopps macht. Leuenberger hört ihm aufmerksam zu. «Interessant» findet er die unterschiedlichen Ansichten.

Auf dem Rückweg stoppt der Bus an jeder Haltestelle. Eine Frau hört Leuenberger über den Expressbus sprechen. Sie ist begeistert. Regelmässig reist sie von Sursee nach Holziken: Reisedauer zwei Stunden.

Leuenberger hat während der Testfahrt von den unterschiedlichen Bedürfnissen der Pendler gehört. Dass der Expressbus keine Begeisterungsstürme auslöst, nimmt er gelassen. Schliesslich verkehre er erst seit etwas mehr als einem Monat. «Es brauche noch Zeit», ist er überzeugt. Der Bus fährt in Schöftland ein. Leuenbergers Fazit: «Es ist schwierig, allen Leuten recht zu machen.»

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