Pfarrermangel
Der reformierten Landeskirche gehen die Pfarrer aus

Der Reformierten Landeskirche drohen leere Kanzeln. Es mangelt an Pfarrernachwuchs. Besonders akut ist die Lage im Wynental: Die Reinacher suchen seit einem Jahr vergeblich einen Pfarrer.

Aline Wüst
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Ursina Bezzola ist Pfarrerin in der reformierten Kirchgemeinde Reinach-Leimbach

Ursina Bezzola ist Pfarrerin in der reformierten Kirchgemeinde Reinach-Leimbach

Peter Siegrist

Imposant ist sie, die Reinacher Kirche. Das bereits 1529 gebaute Gotteshaus gilt als eine der ersten reformierte Kirchen im früheren bernischen Hoheitsgebiet. Dumm ist nur, dass in der Kirche ein Pfarrer fehlt. Dabei wünscht sich die Reinacher Pfarrerin Ursina Bezzola seit mehr als einem Jahr einen Kollegen. Doch alle Versuche, die zweite Reinacher Pfarrstelle zu besetzen, sind bisher gescheitert.

Alleine ist die Pfarrerin mit diesem Problem nicht. Im Wynental ist der Pfarrmangel momentan akut. Neben Reinach ist auch in den Kirchgemeinden Menziken-Burg, Gontenschwil-Zetzwil und Kulm noch je ein Platz auf der Kanzel frei – und das schon seit längerem. Deren Besetzung ist allerdings ein frommer Wunsch. Denn der Reformierten Kirche Aargau mangelt es an Nachwuchs. Letztes Jahr liessen sich fünf Pfarrer pensionieren und zwei Pfarrer wurden ordiniert. Dieses Jahr dürfte die Zahl gleich tief sein. Mit den Studienabgängern können also nicht einmal die offenen Stellen im Wynental abgedeckt werden.

Warum es so schwierig ist, einen Pfarrer zu finden, darüber zerbricht man sich in den drei Kirchgemeinden den Kopf. Derweilen übernehmen Stellvertreter die Tätigkeit der fehlenden Pfarrer. An ihnen mangelt es nicht. Aber diese Stellvertreter können nur das Grundangebot abdecken.

Erstaunt über die Häufung von unbesetzten Stellen im Wynental ist auch Frank Worbs, Informationsbeauftragter der Reformierten Landeskirche Aargau. Er weiss, dass neben den insgesamt drei Stellen im Wynental im ganzen restlichen Aargau nur noch fünf Kirchgemeinden auf der Suche nach Geistlichen sind. Ein Grund: «Die Kantone Zürich und Bern sind bei den Pfarrern finanziell attraktiver als der Aargau», sagt Worbs. Und das Wynental sei zusätzlich noch etwas abgelegen. Worbs kennt die Gegend. Er war selber zwölf Jahre Pfarrer in Teufenthal. «Die Leute sind eher zurückhaltend», sagt er, «aber die Dörfer bieten auch ein aktives Dorfleben.»

3033 Seelen gehören zur Kirchgemeinde von Pfarrerin Ursina Bezzola. Seit mehr als 13 Jahren ist sie in Reinach und dort glücklich. «Mein Beruf ist unglaublich vielfältig», sagt sie. Über die Gründe, warum sich partout kein Kollege für sie finden lässt, kann sie nur mutmassen. Es könne daran liegen, dass die Region unattraktiv sei, weil sie politisch eher rechts ausgerichtet sei. «Vielleicht schreckt das die Pfarrer ab.» Ursachen sieht die Pfarrerin aber auch beim fehlenden Nachwuchs. Dabei könnten das lange Studium und die fehlende Verbundenheit mit der Kirche einen Einfluss haben. Verzweifelt sei sie deswegen nicht, aber es tue ihr leid für die Kirche. Ursina Bezzola stellt sich auch die Frage, wie es mit der Reformierten Landeskirche weitergeht, wenn ihr zunehmend die Pfarrer fehlen. «Vielleicht brauchen wir neue Formen von Kirchgemeinden, um den Pfarrmangel aufzufangen.»

Dieser Pfarrermangel wird sich in den kommenden Jahren noch verschärfen. Um dem entgegenzuwirken, wurde dieses Jahr eigens eine Stelle geschaffen. Mit gezielten Werbemassnahmen sollen so junge Leute für ein Theologiestudium und den Beruf des Pfarrers begeistert werden. Neu ist auch die Möglichkeit einer Pfarrer-Schnupperlehre. Sträflich vernachlässigt wurde laut Frank Worbs die Werbung um den Nachwuchs auch von den Geistlichen selbst. «Die Pfarrerinnen und Pfarrer dürfen und sollen ihren Beruf beim Kontakt mit jungen Menschen zum Thema machen», sagt er.

Zwar gibt es bei den Reformierten kein Zölibat – Ansprüche haben aber auch sie. So muss der Reinacher Wunschpfarrer in der Kirchgemeinde wohnen, also in Reinach oder Leimbach. Das verlangt die Aargauer Kirchenordnung. Ausserdem soll er Schweizer sein und am liebsten männlich. Ob das bei dem Pfarrermangel ein Stolperstein ist, das überlegt sich auch die Kirchenpflegepräsidentin Hannelore Zingg. «Ich bin nicht sicher, ob wir an all unseren Wünschen festhalten können.» Frank Worbs von der Aargauer Landeskirche sagt, dass eine Kirchgemeinde in schwierigen Situationen auch ein Coaching anfordern könne. «Vielleicht kann so eine Lösung gefunden werden», sagt er.

In Reinach und den anderen Kirchgemeinden gibt man die Hoffnung nicht auf. Und Pfarrerin Ursina Bezzola ist überzeugt: Überflüssig werde die Kirche nie, denn «die Suche nach Gott wird auch in Zukunft für alle Menschen eine hohe Bedeutung haben».