«Du alter Sack», sagt die 10-jährige Leonie zum dreimal älteren Pferd. Sie meint es nicht bös. Liebevoll tätschelt sie das kurz geschorene Fell des alten Pferdes. Der Gaul heisst Odin, mit vollem Namen sogar Odin von Hosenruck und gehört Leonies Vater, Marcel Schnetzler.

Für Schnetzler ist Odin ein Lebenspartner und kein alter Sack. Mit ihm verbinden den 51-jährigen Geschichten und durch ihn ist er auch mit seinem allerersten Pferd verbunden. Denn Odin ist dessen Fohlen, geboren auf einer Weide im Thurgau. Ein Pferd, das es eigentlich gar nicht geben dürfte.

Ein Sprung, ein Hengst

Die Liebe zu den Pferden begann früh. Schon als kleiner Junge kletterte Schnetzler verbotenerweise auf dem Schulweg über den Zaun und schwang sich auf den Rücken eines Pferdes. Mit 17 kaufte er sein erstes eigenes Tier – eine Isländer-Stute. Er habe sich gewundert, warum ihm der Züchter diese schöne Stute verkauft habe, erzählt Schnetzler. Erfahren hat er es drei Jahre später, als er sie decken wollte.

Er fragte den Züchter an, ob er seine Stute zum Isländer-Hengst bringen dürfe. Der meinte er könne schon aber das funktioniere sowieso nicht. Schnetzler liess sich nicht beirren. Ritt mit seinem Pferd zum Hengst. «Ein Sprung und die Stute war schwanger», erinnert sich Schnetzler. Nach 9 Monaten war Odin da – der kleine schwarze Hengst. Und der Züchter war wahnsinnig eifersüchtig.

Aber Odin war da, und Odin blieb. Bis heute. Ein bisschen weiss ist er heute um die Nüstern, das schon. Der Chef über die 19 Pferde auf dem Schmiedrueder Ausbildungszentrum ist er aber immer noch. Und wenn ihm ein Pferd diesen Platz strittig machen will, dann quietscht Odin – das ist seine Art von Drohen. «Das tönt lustig», sagt Leonie. Marcel Schnetzler betont aber, dass Odin immer ein guter Chef war. Er habe die anderen Pferde nie geplagt. Das beweist seine beste Freundin, das Shetlandpony Alina von Sonnenschein, die ihm nie von der Seite weicht.

Odin – das Zauberpferd

Auch von Marcel Schnetzler Seite ist Odin nie gewichen. «Er ist mein Lebenspartner», sagt Schnetzler. Odin habe ihn in guten wie in schlechten Zeiten begleitet. Odin, wie auch die anderen Pferde, gehören bei Schnetzlers zur Familie. Auch, weil die Pferde Mitarbeiter seien, die helfen, das Geld zu verdienen. Und Odin gibt auch als altes Pferd noch den Ton an im Gruppenauslauf, wo das jüngste Tier acht Monate alt ist. Für manche Kinder ist Odin gar ein Zauberpferd, erzählt Schnetzler. Denn auf Odin können die Kinder turnen so viel sie wollen, er macht alles mit.

Aber auch ein Zauberpferd lebt nicht ewig. Das wurde Marcel Schnetzer vergangenen Herbst schmerzlich bewusst. Damals war sein Tod schon einmal sehr nah. Das Pferd hatte eine Kolik und alle dachten, dass dies das Ende wäre. Tag und Nacht waren abwechselnd Schnetzler oder der Tierarzt beim kranken Tier. «Auch die Reitschüler und Freunde des Reiterhofs bangten um Odins Leben.» Doch Odin – der Kämpfer – erholte sich.

Für die gemeinsame Zeit will sich Schnetzler bei Odin am selber organisierten «Tag des alten Pferdes» bedanken. Und er hofft, dass mit ihm am Sonntag auch andere ihre alten Pferde ehren werden.

Und wenn die gemeinsame Zeit irgendwann abgelaufen ist, dann ist Schnetzler sicher, dass der Verlust genauso wehtun wird, wie der eines Menschen.

Tag zu Ehren des alten Pferdes Sonntag 6. Mai. Ausbildungszentrum Schmiedrued. Mehr Infos: www.daspferd.ch