Leimbach
Der letzte Milchbauer verkauft seine Kühe: «Es hat keinen Wert mehr»

Der Leimbacher Bauer Hans Hunziker hat seine Milchkühe verkauft. Es lohne sich nicht mehr. Mit den Kühen verschwindet auch letzte Milchannahmestelle im Oberwynental.

Katja Schlegel
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Hans Hunziker bei seinen zwölf verbliebenen Milchkühen. Morgen wird der Stall leer sein.

Hans Hunziker bei seinen zwölf verbliebenen Milchkühen. Morgen wird der Stall leer sein.

Katja Schlegel

Gemütlich kauend liegen die Kühe im Stall, lassen sich die Fliegen um die Ohren schwirren. Zwölf Milchkühe sind es. Bald gibt es eine Ladung Heu, noch einmal werden sie gemolken. Zum letzten Mal von Bauer Hans Hunziker. Morgen Freitag wird der Stall leer sein. So wie der Stall gegenüber. Seit Anfang Jahr gingen jede Woche zwei, drei Tiere weg. Und morgen Freitag werden die zwölf Verbliebenen auf den Anhänger geladen. «Bei diesem Milchpreis hat es keinen Wert mehr», sagt Hunziker und winkt ab.

Damit verliert Leimbach den letzten Milchbauer mitten im Dorf, einzig am Seeberg oben weiden noch Milchkühe. Das bedeutet auch das Ende der letzten Milchannahmestelle im Oberwynental. Morgen wird zum letzten Mal ein Tanklastwagen vorfahren, der die gesammelte Milch einsaugt und nach Suhr zu Emmi fährt. Und es wird das letzte Mal sein, dass Hans Hunziker die Quittung für die kassierte Milch auf den Nagel spiesst und den Tank schrubbt.

Gegründet von zehn Milchbauern

Vor 80 Jahren, am 31. März 1937, wurde die Milchgenossenschaft Leimbach gegründet. «Damals mit zehn Mitgliedern», sagt Hunziker und lacht, man stelle sich das vor, zehn Milchbauern allein in Leimbach. Damals wurde die Milch bei der Bäckerei Buck angeliefert, bevor sie in die Käserei nach Zetzwil geliefert wurde. 1960 beschlossen die inzwischen acht Genossenschaftsmitglieder, die Milchannahmestelle zu bauen; im ersten Geschoss wurde ein grosser Tank in den Raum gestellt, im Keller wurden 92 Gefrierfächer eingebaut, in denen die Leimbacher seither für einen kleinen Batzen Miete ihre Bohnen, ihr Fleisch oder ihre Konfitüre lagern können. Dazu verkaufte die Milchgenossenschaft im oberen Raum Offenmilch, Käse, Butter und Joghurt.

Ein Job, den Hans Hunziker 1983 übernahm, vier Jahre nach der Übernahme des Hofes. Zum Verkauf der Produkte kamen das Annehmen der Milch und die Reinigung des Tanks. «Eine Arbeit, die sich irgendwann nicht mehr lohnte», sagt Hunziker. 2004 wurde der Verkauf eingestellt und die Milchbauern bekamen ihre eigenen Schlüssel und lieferten die Milch fortan an, wann es ihnen passte. Damals waren es noch fünf Mitglieder. Die Genossenschaft wurde in einen Verein umgewandelt, der Kosten wegen.

Heute sind es noch zwei Milchlieferanten, Hunziker aus Leimbach, einer aus Gontenschwil. Die angelieferte Milch, ein paar hundert Liter, decken nur knapp den Boden des Tanks. Alle anderen Milchbauern der Region haben längst so viele Tiere, dass sie ihre Milch in eigenen Tanks auf dem Hof lagern. Oder sie bringen sie nach Zetzwil auf den Annahmeplatz, wo zu bestimmten Zeiten ein Tanklastwagen wartet, denn wer zu wenig Milch liefert, da fährt der Lastwagen am Hof vorbei.

Ein langer Abschied

Jetzt ist also Schluss mit der Milchannahmestelle und den Milchkühen. Hunziker macht das aber nicht allzu traurig. Nicht mehr. «Ich werde dieses Jahr pensioniert, es ist Zeit, aufzuhören», sagt er, auch der Gesundheit wegen. An den Gedanken, dass sich der Stall morgen leert, daran habe er sich über Monate gewöhnen können. «Es ist deshalb erträglich, ich habe Abschied genommen.» Und eigentlich sei er auch nicht böse, dass er künftig nicht mehr jeden Tag morgens um 6 Uhr zum Melken in den Stall müsse. «Die Arbeit lohnt sich sowieso nicht mehr.»

Der vorgeschriebene Richtpreis pro Liter Milch liege zwar bei 65 Rappen. Nach Abzug von diversen Abgaben an Organisationen würden aber nur noch knapp 50 Rappen ausbezahlt. «Früher hat man von der Milchwirtschaft noch leben können», erzählt er, aber heute – er winkt ab.

Ganz ohne Tiere können die Hunzikers dann aber doch nicht sein. Das Jungvieh will Hans Hunziker behalten. Und den Stall, in dem heute noch die Milchkühe liegen, will er in einen Stall für Mutterkühe umbauen. Dann sind da noch ein paar Schafe, und natürlich die Katzen. Vier sieben Wochen alte Büsi turnen durch die Küche, zwei wenige Stunden alte liegen noch schlafend im Körbchen. «Da ist immer etwas los», sagt Hunziker und schaut die Rasselbande versonnen an.

Wie lange es den Leimbacher Milchverein noch geben wird, weiss Hunziker nicht. «Sicher so lange, wie wir die Gefrierfächer noch vermieten», sagt er. Das dürfte noch ein paar Jahre dauern. Noch immer sind drei Viertel der Fächer belegt, eben hat er die leeren per Inserat zur Vermietung ausgeschrieben. «Die Gefrierfächer, das halten wir noch am Leben», sagt Hunziker. Als Relikt aus Zeiten, als nicht jeder eine Gefriertruhe im Keller stehen hatte.