Schlossrued
Der letzte Dorflehrer geht in Pension

Peter Weber war 43 Jahre Primarlehrer – in dieser Zeit hat sich viel verändert.

Janine Gloor
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In der Klassenchronik hat Peter Weber ein Bild und die Namen aller Schüler, die er in 43 Jahren unterrichtet hat. Janine Gloor

In der Klassenchronik hat Peter Weber ein Bild und die Namen aller Schüler, die er in 43 Jahren unterrichtet hat. Janine Gloor

Janine Gloor

Nach der Lehrerausbildung hätte Peter K. Weber am liebsten im Schulhaus Schiltwald in Schmiedrued unterrichtet. Es war das Jahr 1973, Schriftsteller Hermann Burger war im Ruedertal ein oft gesehener Gast, drei Jahre später wird sein Roman «Schilten» erscheinen. Doch im «Schiltwald» war keine Stelle frei, dafür in der anderen Talgemeinde. «Damals herrschte ein extremer Lehrermangel», erinnert sich Weber. Das neue Schuljahr begann jeweils im Frühling, Peter Weber trat am 30. April 1973 in die Schule Schlossrued ein. Und blieb 43 Jahre. «Wenn mir das jemand gesagt hätte, hätte ich gelacht», sagt Weber. Und lacht jetzt. «Die Zeit ging unglaublich schnell vorbei.» Ende 1973, nur Monate nach seinem Stellenantritt, traten Schulpflege und Rektorin zurück, der junge Lehrer musste das Rektorat übernehmen. «Ond denn beni hange blebe.»

In der Klassenchronik klebt ein Bild von Weber und seiner ersten Klasse. Der Lehrer trägt einen Vollbart, die dunklen Haare fallen ihm in die Stirn. Frisurtechnisch ist er der Gleiche geblieben, der Bart ist nicht mehr ganz unifarben. 1973 noch in Hemd und Hose, heute in T-Shirt und Dreivierteljeans. Auch sonst ist vieles nicht mehr wie früher. Weber wohnt in Schlossrued, ist verheiratet und hat vier Kinder. «Ein richtiger Dorflehrer», sagt er. Das habe Vor- und Nachteile. Häufig werde man nicht als Privatperson, sondern immer als Lehrer wahrgenommen. Doch Weber kann damit umgehen, er leitete 20 Jahre den Männerchor und ist bei der Schlossrueder Bikergruppe dabei.

Eltern sind heute ängstlicher

Der Umgang mit den Eltern hat sich stark verändert. Beim Übertritt der Schüler an die Oberstufe braucht ein Lehrer heute ähnlich starke Nerven wie ein Fussballspieler beim Penaltyschiessen. «Früher hat man den Schülern ein Zetteli mit dem Entscheid nach Hause gegeben. Heute führen wir zwei, drei, manchmal sogar vier Gespräche.» Das sei nicht grundsätzlich schlecht, der Lehrer solle nicht auf einem Podest stehen. «Gegenüber früher sind die Ängste der Eltern heute viel grösser, viele sind übervorsichtig. Die Kinder haben zu wenig Auslauf, ihr Alltag ist durchstrukturiert.»

Mit Kindern zu arbeiten, hat Weber immer Spass gemacht. Doch er brauchte noch mehr. Weber blieb etwa zwanzig Jahre im Rektorat der Schule, baute die Musikschule auf, führte Skilager ein und schloss die Schule ans Internet an. Er war im Vorstand und als Präsident des Primarlehrervereins tätig und wurde in den Erziehungsrat gewählt, wo er zwölf Jahre den Grossrat bei Entscheidungen beriet. Eine willkommene Abwechslung zum Alltag in der Primarschule: «Es ist spannend, mit Erwachsenen zu diskutieren.» Seine Berufswahl hat er nie bereut. Der Mix mache den Beruf aus: «Im Schulzimmer muss man im Sekundentakt Entscheidungen treffen. Aber dann gibt es auch Momente, in denen man einfach stinklangsam ein Blatt laminiert.» Die Gefahr für ein Burnout habe bei ihm dank emotionaler Gelassenheit und einem Stück Glück nie bestanden.

Nach 43 Jahren tritt Peter K. Weber – das K steht für seinen zweiten Vornamen Konrad – in den vorzeitigen Ruhestand über. «Ein bisschen Wehmut ist schon dabei. Doch ich wollte immer aufhören, solange ich noch gern arbeite.» Er freut sich auf mehr Zeit für Klavier und Klarinette und das Grosskind. Als IT-Verantwortlicher bleibt er der Schule in einem kleinen Pensum noch erhalten. Alles verplanen möchte er noch nicht. Ein konkretes Vorhaben für die nahe Zukunft hat er jedoch schon. Er will loswandern. Wie früher auf den Schulreisen, wo 5 bis 6 Stunden marschieren normal waren. Weber zieht es in den Norden. Wie weit und wie lange weiss er noch nicht. Aber sicher ohne das Gequengel von müden Schülern.