Über Peter Siegrist kursiert auf der Redaktion folgendes Bonmot: Egal, mit wem er es im Wynental zu tun hat, die Person war ziemlich sicher zu ihm zur Schule gegangen. Denn Peter Siegrist hat keine klassische Journalistenlaufbahn hinter sich. Er war jahrzehntelang Bezirksschul-Lehrer – und wagte mit 50 Jahren einen beruflichen Neubeginn.

Siegrist absolvierte das Lehrerseminar in Aarau, begann dann als 20-jähriger Junglehrer mit 40 Drittklässlern in Buchs zu unterrichten, studierte nach ein paar Jahren Deutsch, Französisch und Geschichte in Zürich und Paris. 1980 kam er an die Bezirksschule Reinach: Vikar, Hauptlehrer, Rektor. Eine rasche, geradlinige Karriere.

Mit seiner Gattin Ruth baute er ein Haus in Reinach, in den kommenden Jahren kamen ihre vier Kinder zur Welt, Dorothea, David, Christine und Esther. Daneben engagierte sich Peter Siegrist an der Schule, kulturell– er baute das Jugendstreichorchester «Archi Giovani» auf – und im Militär: Er leistete 1200 Diensttage, führte während total zwölf Jahren zwei verschiedene Aargauer Infanterie-Kompanien, danach diente er im Stab des Mobilmachungsplatzes Aarau. Über diese Zeit sagt er: «In der Armee lernte ich führen und mich durchsetzen, um Ziele zu erreichen, auch unter erschwerten Bedingungen.»

Mit 50 Jahren noch Praktikant

Sich selber auferlegte er ebenfalls erschwerte Bedingungen. Problemlos hätte er bis zur Pensionierung seinen gewohnten Lebensweg weitergehen können. Doch mit 50 verspürte Peter Siegrist den Drang, beruflich nochmals etwas ganz anderes zu machen. Deshalb verbrachte er im Jahr 2000 drei Wochen seines Dienstalters-Urlaubs als vermutlich ältester je da gewesener Praktikant auf der Redaktion der Aargauer Zeitung – und kehrte mit einer 20-Prozent-Stelle zurück.

Aus diesem Pensum wurde immer mehr – bis Siegrist 2007 die Schule ganz verliess und Leiter des Ressorts Wynental-Suhrental wurde, das dann im Bereich «Aargau West» aufging. Gleich in seinem ersten Jahr gewann er den Medienpreis Aargau-Solothurn, und zwar mit einem Artikel mit Bild zum technischen Dienst im Spital Menziken, Titel: «Technisches Herz pocht im Keller». Eine spürbare Veränderung erfolgte 2010. Erstmals erhielt Reinach ein eigenes az-Büro – aus der Überlegung heraus, dass Regionalredaktoren möglichst eng mit ihrer Region verwurzelt und auch physisch möglichst oft vor Ort präsent sein sollen. Peter Siegrist baute dieses neue Ein-Mann-Büro auf – und betreute seither das Wynental von Reinach aus.

Dass jemand mit 50 Jahren ohne Not seinen Beruf wechselt, erstaunt auf den ersten Blick. Wer Peter Siegrist etwas näher kennt, staunt etwas weniger: Zeitungen interessierten ihn bereits als Schüler, als Student schrieb er gelegentlich für die damalige Wochenzeitung «Aargauer Kurier». Mit Fotografieren begann Siegrist bereits mit neun (!) Jahren, und so war es nur logisch, dass er in der Studentenverbindung auf das Cerevis v/o Knips getauft wurde.

Freude an neuer Technologie

Die Fotografie gehört bis heute zu Peter Siegrists grossen Leidenschaften, und wenn einem im Regionalbund Aarau ein ganz aussergewöhnliches Bild ins Auge sticht, dann stehen die Chancen gut, dass es von Peter Siegrist stammt. 2013 stellte er in Reinach seine Griechenland-Fotos aus, für 2015 ist in der Galerie von Anna Verena Hoffmann in Gontenschwil eine weitere Siegrist’sche Fotoausstellung geplant. Längst ist aus einem Hobby eine professionelle Berufung geworden, von der der az-Regionalteil Wynental-Suhrental optisch enorm profitierte. Peter Siegrist ist auch der grösste Video-Fan unter den älteren Redaktoren: Mit viel Einsatz und Motivation hat er den Wandel ins multimediale Zeitalter besser gemeistert als mancher jüngere Kollege und Digital Native.

Siegrist stand sogar schon als Paparazzo im Einsatz – wenn auch etwas weniger erfolgreich: Er hatte sich mit seiner Kamera in Gränichen hinter einem Vorhang versteckt, um heimlich hohe nordkoreanische Diplomaten zu fotografieren, die den Kunstmaler Peter Hirt besuchten – fotografieren strengstens verboten. Die Limousinen fuhren vor, die Diplomaten stiegen aus, doch ein eigens engagierter ehemaliger Dorfpolizist verhedderte sich und lotste die Diplomaten auf die falsche Seite des Gebäudes. Und so ging Siegrist leer aus.

Hingegen steht er jeweils beim Freischarenmanöver in Lenzburg hochoffiziell mitten im Geschehen. Da wird der Reinacher wieder zum Ur-Lenzburger. Dann glaubt man sogar etwas Wehmut herauszuspüren, dass er nie ins Ressort Lenzburg gewechselt hat. Obwohl er seit langem in Reinach wohnt und arbeitet und perfekt verwurzelt ist, hat er zum Teil ein zwiespältiges Verhältnis. «Das Tal hat mich wieder», sagte er einmal, als er aus den Ferien zurückkam. Das denke er jeweils, wenn er mit dem Auto heimfahre.

Die az hatte mit Peter Siegrist in den vergangenen 14 Jahren einen lebenserfahrenen und gleichzeitig hungrigen Regionaljournalisten – eine seltene Kombination. Da er spät und mit voller Absicht in diesen Beruf eingestiegen ist, gab es beim ihm nie Motivationsprobleme oder Ermüdungserscheinungen. Auch heute sagt er: «Ich habe den Entscheid, die sichere und gut bezahlte Stelle als Bez-Lehrer aufzugeben und in ein Medienunternehmen zu wechseln, nie bereut. Als Journalist und Fotograf konnte ich mich entfalten, das hat mir gefallen.»

Er förderte den Nachwuchs

Immerhin ein bisschen konnte Siegrist auch bei der az Lehrer bleiben. Fünf Jahre lang leitete er das Projekt «Zeitung in der Schule», dann konzipierte er das az-Mediencamp für Jungjournalisten und führte es vier Mal während der Sommerferien durch; dafür brach er sogar seinen eisernen Vorsatz, den er sich am Ende seiner Lehrerzeit gefasst hatte: Nie wieder ein Schullager! Im az-Mediencamp jedoch blühte er auf, seine pädagogischen, organisatorischen und journalistischen Fähigkeiten machten ihn zum idealen Mann, um den journalistischen Nachwuchs zu formen.

Am Freitag war der letzte Arbeitstag von Peter Siegrist bei der az. Er wollte von sich aus ein Jahr früher in Pension gehen. Denn für ihn bricht ein weiterer beruflicher Lebensabschnitt an: Er gründet eine Einzelfirma für Bild und Text (in dieser Reihenfolge) und wird weiterhin freischaffend tätig sein. Unter anderem wird er ein Buchprojekt für den AT Verlag realisieren – ein Wanderbuch, das sich stark an die legendären az-Leserwanderungen anlehnt.

Die Chefredaktion und alle Arbeitskolleginnen und -kollegen danken Peter Siegrist herzlich für die gemeinsame Zeit und seinen Einsatz für die az. Wir wünschen ihm alles Gute für die Zukunft!