Kirchleerau
Der Frauenchor Kirchleerau löst sich wegen fehlendem Nachwuchs auf

Der Frauenchor Kirchleerau löst sich nach 99-jährigem Bestehen auf. Ihnen fehlt ganz einfach der Nachwuchs. Die Frauen rechnen diesen Fakt den vermehrten Ausgangsmöglichkeiten zu.

Aline Wüst
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Den «Titanic»-Titelsong singt der Frauenchor Kirchleerau/Muhen in seiner letzten Probe. Die Frauen tun es innbrünstig und wissend, dass auch ihr Chor untergeht. Schuld ist kein Eisberg, sondern schlicht fehlender Nachwuchs.

Erschüttern wird ihr Ende die Welt nicht. Traurig ist es schon. Vor allem für diese Frauen, die der Chor bereits ein Leben lang begleitete. Frauen, die mit dem Chor vom Mädchen zur Dame geworden sind. Eine davon ist Trudi Hunziker, 70 Jahre alt, seit 54 Jahren dabei. Nun ist Schluss. Nächsten Montag wird nicht mehr geprobt. Nie mehr. «Das tut weh», sagt sie. Aber sie könne es akzeptieren. Schliesslich habe der Chor ohne Nachwuchs keine Zukunft. Hunziker hat innerhalb des Frauenchors viele Arbeiten übernommen.

Sie ist bescheiden, ihre Freundinnen müssen erzählen, dass sie legendäre Reisen organisierte: Raclette essen auf der Bettmeralp, wandeln auf dem Klangweg im Toggenburg oder Beisammensein in einem Tessiner Grotto. Die Frauen lachen bei diesen Erinnerungen, Elsi Hunziker sogar sosehr, dass sie fast nicht mehr sprechen kann. Die 68-Jährige stiess vor 47 Jahren dazu. Damals suchte der Chor eine Dirigentin und fragte die Lehrerin, ob sie das machen könnte. Die entgegnete: «Dirigieren kann ich nicht, aber ich singe für mein Leben gern.» Und sang fortan mit. «Das Ende des Chors belastet mich», sagt sie.

Ähnlich geht es Dora Bär (70). Nach ihrer schönsten Erinnerung gefragt, kullert ihr eine Träne über die Wange. Bär kommt aus Unterentfelden, hat sich den Chor in Kirchleerau ganz bewusst ausgesucht. Der Zusammenhalt, der sei hier ganz besonders. Im Frauenchor hat sie auch eine gute Freundin gefunden. Jeden Samstag haben die beiden zusammen Kaffee getrunken in Aarau. Aus Aarau ist auch Christine Egger (66), seit 16 Jahren mit dabei. Auch sie bedauert, dass jetzt Schluss ist. Aber wenn niemand mehr den Vorstand mache, dann gebe es keine Zukunft mehr. Ihr gefiel vor allem die Vielfalt der Lieder. «In einen reinen Gospelchor möchte ich nicht singen», hält sie fest.

Es bleibt ein Loch

In 40 Jahren fast überhaupt nie gefehlt bei den Proben hat Hanni Baumann (88). «Es wird mir schon fehlen», sagt die Kirchleerberin. Aber wenn keine neuen Leute kommen, dann sei das halt so. Warum fast keine jungen Frauen singen wollen, weiss sie: «Früher ist noch nicht so viel Allerlei los gewesen.» Der Frauenchor war damals eine Möglichkeit, irgendwo hin in den Ausgang zu gehen. Und nun mit 88 Jahren ist es ähnlich. In Zukunft sei sie am Montag statt am Singen allein zu Hause. Dabei wäre Singen so gut fürs Gemüt, da sind sich die Frauen einig.

Doch die Sache ist besiegelt. «Ich weiss nicht, wer merkt, dass es uns nicht mehr gibt», sagt Bär in die Runde. Die 16 Frauen bestimmt, schon am nächsten Montag, ihrem Probetag. Elsi Hunziker sagt schlicht: «Am Montag ist jetzt ein Loch.»

Abschlusskonzert Sonntag 1. Juli, 19 Uhr in der Kirche Kirchleerau.