Maturarbeit

Der etwas verspätete Landesstreik im Wynental

Vorbote des Streiks: Inserat im «Freien Aargauer» vom 16. März 1918.

Vorbote des Streiks: Inserat im «Freien Aargauer» vom 16. März 1918.

Nicht nur in den Städten, sondern auch im ländlich geprägten Wynental wurde 1918 gestreikt – allerdings mit etwas Verspätung.

Der Landesstreik von 1918 verlief im Aargau, im Gegensatz zu den tumult-artigen Szenen in Zürich oder Bern, eher ruhig. Vor allem das für die Regierung wichtige Eisenbahnnetz wurde im Aargau von Streiks verschont. Zumindest fast. Linus Suter und Raffaele Perniola zeigen in ihrer Maturarbeit an der Alten Kanti Aarau, dass es im Wynental in der Nacht vom 13. zum 14. November 1918 zu einem «beschränkten Bahnstreik» kam.

Dieser Streik scheint ein spontaner Ausbruch einer wahrscheinlich radikalisierten Arbeiterschaft gewesen zu sein. In einem Telegramm des Regierungsrats an den Bundesrat ist von zwanzig Mann die Rede, die in der Nacht für eine kurze Zeit den Bahn- betrieb lahmlegten. Warum gerade die Wynentalbahn bestreikt wurde, lässt sich nicht abschliessend beantworten.

Später Streikabbruch

Der Landesstreik wurde vom Oltener Aktionskomitee am 12. November 1918 ausgerufen. Im Wynental begann der Streik, je nach Quelle, jedoch erst am 13. November. Nicht nur über den Streikbeginn, auch über die Intensität des Streiks gingen die Meinungen der zeitgenössischen Berichterstatter auseinander. Der «Freie Aargauer» berichtete, dass in Menziken und Reinach die Arbeit vollständig ruhe, während das «Wynentaler Blatt» und das «Aargauer Tagblatt» berichteten, dass einige kleinere Betriebe die Arbeit weiterführten.

Der Streik wurde vom Oltener Aktionskomitee offiziell am 14. November um Mitternacht abgebrochen. Wegen erschwerter Kommunikationsmöglichkeiten erfuhren die Wynentaler Streikführer davon nicht direkt vom Aktionskomitee, sondern durch eine Bekanntgabe des Bezirksamts. Dies wurde allerdings zuerst als Propaganda der Machthabenden abgetan, der Streik wurde deshalb fast den ganzen nächsten Tag weitergeführt. Erst gegen Abend des 15. Novembers gestanden die Wynentaler Streikführer ihren Fehler dann ein und erklärten den Streik für beendet. Da der 16. November 1918 ein Samstag war, wurde die Arbeit in der Region allerdings zumeist erst am 18. November wieder aufgenommen.

Ähnliche Situationen gab es im ganzen Aargau. Das «Aargauer Tagblatt» schrieb am 19. November 1918, dass an vielen Orten nicht «pünktlich wie bei einer Inszenierung» zu streiken aufgehört worden sei. Man habe die Streikwoche «fertigmachen wollen, weil man ja nun einmal dabei war».

Gross thematisiert wurden die Gontenschwiler Streikbrecher, die am ersten Streiktag wie gewöhnlich zur Arbeit erscheinen wollten. In einem Telegramm des Bezirksamts Kulm an den Regierungsrat vom 13. November 1918 ist zu lesen, dass die Streikbrecher von eigens zu diesem Zwecke aus Menziken angereisten Streikenden von ihrem Vorhaben abgehalten wurden. Da dies illegal war, so das Bezirksamt, seien die «fehlbaren Elemente» von der Polizei verzeigt worden. Grundsätzlich verlief der Streik im Wynental weitgehend friedlich, beide Seiten gingen mit der Krisensituation relativ besonnen um. Daher wurden, im Gegensatz zu anderen Regionen, im Wynental auch nie Truppen angefordert. Dies, obwohl der Aargauer Regierungsrat den Gemeinden Reinach und Menziken explizit ein solches Angebot gemacht hatte.

«Abscheulicher Terror»

Wurde der Streik von der Bevölkerung mitgetragen? In einem Schreiben des Regierungsrats an den Bundesrat wird berichtet, dass der Grossteil der Bevölkerung den Streik als «abscheulichen Terror» betrachte. Der Regierungsrat verlangte, «energische Massnahmen» zur Bekämpfung des Streiks im Kanton einzuleiten.

Laut den beiden Autoren der Maturarbeit war diese Meldung sehr einseitig geprägt. Allerdings kann davon ausgegangen werden, dass zumindest die Methode des Streiks von der Bevölkerung abgelehnt wurde. Im Wynental wurde der Streik – wie auch in anderen Gebieten der Schweiz – von einer Mehrheit der Bevölkerung wohl abgelehnt. Es ist aber ein Unterschied zu beobachten: Während schweizweit nicht nur der Streik, sondern auch die Forderungen der Arbeiterschaft aufs Schärfste verurteilt wurden, gab es im Wynental ein vergleichsweise grosses Verständnis dafür. Dies könnte daran gelegen haben, dass die Wynentaler die Missstände häufig vor der eigenen Haustüre beobachten und so die Forderungen des Proletariats – zumindest teilweise – nachvollziehen konnten.

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Autor

Patrick Harcuba

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