Menziken
Der Doktor legt sein Stethoskop nach fast 30 Jahren auf die Seite

Hans Ulrich Brüngger, Facharzt für allgemeine innere Medizin, übergibt nach fast 30 Jahren seine Praxis an zwei jüngere Ärzte. Brüngger will vorerst einmal «herunterfahren» und dann zusammen mit seiner Frau ab und zu auf Reisen gehen.

Peter Siegrist
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Hans Ulrich Brüngger zieht den weissen Ärztekittel endgültig aus.

Hans Ulrich Brüngger zieht den weissen Ärztekittel endgültig aus.

Peter Siegrist

Der Hausarzt Hans Ulrich Brüngger steht in seiner Praxis in dem Raum, wo er seinen Patienten jeweils bis auf die Knochen geblickt hat. Im Röntgenraum. Seinen weissen Mantel legt er über die Röntgenröhre, und er weiss: für ihn ist jetzt hier und heute Schluss. Am nächsten Montag führen zwei jüngere Ärzte Brünggers Arbeit ohne Unterbruch fort. Brüngger ist froh, dass seine Patienten nicht ohne Doktor dastehen. Mit 64 Jahren übergibt der Hausarzt seine Praxis.

Fast dreissig Jahre lang praktizierte Hans Ulrich Brüngger als Arzt im oberen Wynental. So erstaunt es nicht weiter, wenn seine Patienten ab und zu sagen: «Unser Doktor ist eine Institution im Dorf, er wird uns fehlen.»

1983 hat Brüngger nach einer langen Aus- und Weiterbildungszeit an verschiedenen Spitälern den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt und im Wynental seine Praxis für allgemeine innere Medizin eröffnet. «Das war ein bewusster Entscheid», sagt Brüngger. «Ich wollte selbstständig sein und mir eine Existenz aufbauen und im Rahmen des Möglichen den Gestaltungsraum ausschöpfen.» Dieser Selbstständigkeit verlangte, dass sich der Arzt mit ökonomischen Fragen beschäftigte. «Zur Ausbildung gehörte das ja nicht, da waren wir jungen Ärzte selber gefordert.»

Humanistischer Hintergrund

Aufgewachsen ist Brüngger in Staufen, er hat die Bezirksschule in Lenzburg, die Kanti in Aarau besucht und anschliessend in Basel studiert. Brüngger hat den früher für angehende Mediziner üblichen Weg in der humanistischen Tradition beschritten und mit einer A-Matur (Latein und Griechisch) abgeschlossen.

Für Hans Ulrich Brüngger konkretisierten sich Medizin und Arztlaufbahn bereits während seiner Bezirksschulzeit. Dass er damals wegen einer Krankheit einen vertieften Einblick in die Medizin gewann, möge mitgespielt haben, sagt er heute. «Dazu kam, dass mir die Schule leicht fiel, dass ich mit grossem Interesse lernte, auch alte Sprachen.» Familiär vorbelastet sei er nicht gewesen. «Aber mein Berufswunsch war stark und echt.»

Die Weiche gestellt in Richtung Facharzt für allgemeine innere Medizin hat Brüngger erst am Ende seiner Weiterbildung. «Ich wollte die breite Ausbildung in meiner künftigen Tätigkeit nutzen.» War denn das Interdisziplinäre der Auslöser, um in Richtung Grundversorger zu gehen? «Ich habe gespürt, dass ich einen guten Zugang zu den Menschen finde», sagt Brüngger, «das hat mich dazu bewogen, Hausarzt zu werden. «Es ist keine Floskel, der Hausarzt lebt mit seinen Patienten», sagt Brüngger. Mit den Jahren überblicke man mehrere Generationen von Familien. «Als Arzt erhält man den Zugang zu seinen Patienten.»

Vertrauen und Dankbarkeit

Am Schluss seiner Tätigkeit spüre er besonders deutlich: «Gegenseitiges Vertrauen und Dankbarkeit». Als sich Brüngger vor dreissig Jahren für Menziken entschied, hat er gewusst, was ihn erwartete. «Ich wusste, dass ich allein entscheiden musste, hatte aber die Gewissheit, immer in einem Beziehungsnetz von Kollegen eingebunden zu sein.»

Brüngger bejaht die Frage, ob er wieder Hausarzt würde, ohne zu zögern. Er sei damals in der Region mit offenen Armen empfangen worden. «Als junger Arzt wurde ich als Kompetenzträger wahrgenommen, heute bin ich für die Patienten eine Vertrauensperson.»

Dass zu seiner Arbeit eine 70-Stunden-Woche gehöre, dies habe er akzeptiert. «Ich habe die Büroarbeit nicht als erdrückende Last empfunden», sagt Brüngger. Acht Stunden Sprechstunde und im Anschluss zwei bis vier Stunden Administratives, das habe einfach dazugehört.

Loslassen und ab in die Berge

Die Fortschritte der Medizin in den letzten drei Jahrzehnten seien auch für ihn als Mediziner beeindruckend. Einst lebensbedrohende Krankheiten seien heute besser zu behandeln, wie etwa ein Herzinfarkt. Auf der anderen Seite mache ihm die «epidemische Zunahme der Diabetes und des Übergewichtes Sorgen». Fehlernährung und Bewegungsmangel seien die Ursachen. «Nicht umsonst kennen die Amerikaner bereits den Diabetes-Massindex: Anzahl Autos pro Familie.»

Hans Ulrich Brüngger übergibt seine Praxis in jüngere Hände. «Ich tue dies mit grosser Dankbarkeit.» Dank seiner Gesundheit und psychischen Stabilität und dank der Unterstützung seiner Frau sei es ihm möglich gewesen, dieses gerüttelt Mass an Arbeit zu bewältigen.

Hans Ulrich Brüngger will vorerst einmal «herunterfahren». Er werde seine Erfahrungen noch in einer Praxisorganisation einbringen, sagt er. Im Sprechzimmer in Menziken aber wird er nicht mehr tätig sein, auch als Stellvertreter nicht. Ja, und dann rufen da noch die Berge und laden zu ausgedehnten Wanderungen ein. «Und ab und zu auf Reisen gehen, dies möchten meine Frau und ich auch gerne.»

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