Verschiedene Platten aus Holz, Kunststoff und Metall sind an die Wand gelehnt. Auf einem Tischchen liegen eine elektrische Feile und eine Schraubenzange. Feiner Holzstaub bedeckt die Werkzeuge. Auf dem Balkon des Optikergeschäfts Obrist in Reinach sieht es aus, als hätte ein Handwerker seine Werkstätte eingerichtet — wären da nicht der silberne Koffer und die dreiflügeligen Bumerangs, die in knalligen Farben auf dem Tischchen aufleuchten. Sie gehören Stephan Spirgi, dem Geschäftsführer sowie Welt- und Europameister im Bumerang-Sport.

«Beim Werfen entscheidend ist das Profil, nicht die Form», sagt Spirgi und nimmt einen Bumerang in die Hand. Er zeigt auf die abgeschliffene Oberfläche und sagt: «Erst das Profil erlaubt es dem Bumerang, wieder zum Werfer zurückzukehren.» Dass der Bumerang schnell und präzise an den Abwurfort zurückkehrt, hat Spirgi in diesem Jahr mehrmals bewiesen. Im vergangenen Monat sicherte sich der Teufenthaler in den Disziplinen Schnelles Fangen und Trickfang den Schweizer-Meister-Titel; im April gewann er an der Weltmeisterschaft in Australien den Team-Cup.

Die Sportgeräte, die er jeweils an den Wettkämpfen einsetzt, stellt er selbst her. Hier, auf dem Balkon seines Geschäfts, hat sich der Bumerangwerfer eine kleine Werkstatt eingerichtet. Rund 500 Stück hat Stephan Spirgi in seiner 18-jährigen Karriere gebaut. Seine besten Bumerangs bewahrt er im silbernen Koffer auf. Gelbe, blaue, schwarze, grüne und mehrfarbige Bumerangs sind darin fein säuberlich aneinandergereiht. Mit zwei oder drei Flügeln, aus Kunststoff, Glas- oder Kohlefaser — gut 80 Bumerangs, die je nach Wettkampfdisziplin und Windverhältnisse zum Einsatz kommen. 

(Quelle: Youtube.ch)

Schweizermeister Stephan Spirgi zeigt, wie man einen Bumerang richtig wirft

«Zu meiner Zeit waren sie noch aus Holz», sagt der Familienvater und erinnert sich, als er mit 15 Jahren im Werkunterricht erstmals einen Bumerang gebaut hat. «Mit dem Lehrer sind wir dann auf den Sportplatz gegangen und haben ihn ausprobiert», sagt er. Seither war er öfters auf dem Grün anzutreffen. Doch Stephan Spirgis Leidenschaft für den Bumerang ist erst vier Jahre später während eines Strassenlaufs entflammt: «Um die Zeit bis zum Start zu überbrücken, hat ein Kollege von mir angefangen, einen Bumerang zu werfen.» Von der Sportart angetan, hat er sich kurz nach dem Rennen ein Handbuch gekauft und begonnen, aus Holz Bumerangs zu bauen.

«Das ist der Tortuga-Bay», sagt Spirgi und nimmt aus dem Koffer eine Handvoll schwarzer Wurfgeräte hervor. Der Bumerang in Form eines Fragezeichens hat er im vergangenen Winter entwickelt. Im Wettkampf eingesetzt, hat er ihn aber noch nicht. Erst, wenn der Bumerang, der rund 50 Meter weit fliegt, die idealen Flugeigenschaften erfüllt. «Höhe, Weite und Schnelligkeit kann ich beeinflussen, indem ich die Oberfläche mit der Feile bearbeite», sagt der Optiker.

Um die Bumerangs auszutesten und sich auf die Turniere vorzubereiten, braucht der 37-Jährige bloss die Strasse vor dem Geschäft zu überqueren. Zwei Minuten Fussweg und schon steht er auf dem Reinacher Sportplatz Neumatt. Spirgi steckt die Windfahne in den Rasen. Um sich aufzuwärmen, nimmt er ein Frottee-Tuch in die Hand und simuliert die Wurfbewegungen. Dann holt er einen 46 Gramm leichten «Dreiflügler» hervor und wirft ihn in die Luft. Weniger als fünf Sekunden später landet der Bumerang sicher in seinen Händen. «Dass das Gerät zum Werfer zurückkommt, das fasziniert mich», sagt er.

Auch gefalle ihm, dass der Sport keinen Lärm verursacht und für die Zuschauer spannend ist. Das zeigt sich, als Spirgi einen Langzeitflug-Bumerang wirft. Das Kohlefaser-Wurfgerät schellt in rund 60 bis 70 Meter Höhe, stabilisiert sich und dreht sich immer wieder um sich selber. Gut eine Minute zirkelt der Bumerang in der Luft, ehe er wieder bei Spirgi landet.

In der Langzeitdisziplin gehört er zu den 20 besten Werfern Europas. Seine Paradedisziplin ist jedoch das Schnelle Fangen, bei dem das Gerät fünfmal hintereinander in kürzest möglichen Zeit geworfen und gefangen werden muss — 2013 holte er bei den Europameisterschaften in Dänemark Gold. «Im nächsten Jahr möchte ich meinen Titel verteidigen», sagt Stephan Spirgi und verstaut seine Bumerangs sicher in den silbernen Koffer.