Gontenschwil
Der Amtsschimmel bedroht den «Steinig»-Hof: «Jetzt kommen die und machen alles zunichte»

Margrit Stebler, die Hofbesitzerin des «Steinig»-Hof ob Gontenschwil, ist kurz davor, ihre Existenzgrundlage zu verlieren. Laut den Behörden sind die Voraussetzungen für ihre Pferdepension und den Ausbau des Hofes nicht gegeben.

Nadja Rohner
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Amtsschimmel bedroht Idyll
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Hofbesitzern Margrit Stebler kann die Entscheidung der Behörden nicht verstehen: «Jetzt kommen die und machen alles zunichte.»
Für diesen Auslaufplatz hätte die Hofbesitzerin eine Baubewilligung gebraucht.
Hier dürfte Stebler maximal vier Pferde halten.
Hier hatte Margrit Stebler etwas Kies aufgeschüttet, damit sie die Siloballen nicht auf der Wiese lagern muss, wo sie von Mäusen angefressen werden. Auch das hätte ein Baugesuch gebraucht.
Der Hof ist schon seit Jahrzehnten im Besitz von Steblers Familie.

Amtsschimmel bedroht Idyll

Nadja Rohner

Sina steht auf ihrer Weide neben dem «Steinig»-Hof ob Gontenschwil, nahe an der Grenze zu Schmiedrued. Sie lässt sich die Sonne auf das braune Fell scheinen und rupft gemächlich am frischen Gras.

Vor fast 29 Jahren wurde die Vollblutstute hier auf dem «Steinig»-Hof geboren. Damals betrieb die Bauernfamilie neben der Pferdehaltung noch Ackerbau und Viehwirtschaft, davon ist heute nur noch die Pferdehaltung (Reit- und Pensionsstall Phönix) geblieben.

Vollblut Sina vom Reitstall Phönix.

Vollblut Sina vom Reitstall Phönix.

reitstall-phoenix.ch

Aber nicht mehr lange, wenn es nach den Behörden geht. Setzen sie sich durch, verliert Sinas Besitzerin ihre Existenzgrundlage.

«Maximal vier Grosspferde»

Dies ist eine Geschichte, bei der wahrscheinlich juristisch alles korrekt abgelaufen ist – die aber Fragen der Verhältnismässigkeit aufwirft. Doch der Reihe nach. Sina, die alte Vollblutstute, gehört Margrit Stebler (59). Sie ist mit zwei Brüdern auf dem «Steinig»-Hof aufgewachsen, kümmerte sich stets um die Pferde, die schon ihre Eltern hielten. Dann heiratete sie den Bauern vom Nachbarhof, zog zu ihm. Die beiden Bauernhöfe bewirtschafteten sie gemeinsam.

Nach 23 Jahren ging die Ehe in die Brüche. Stebler stand vor dem Nichts. Sie verlegte ihren Wohnsitz zurück ins Elternhaus, das mittlerweile ihr allein gehörte, liess die Gebäude umbauen und sanieren. Der Hof liegt in der Landwirtschaftszone, weshalb es für die Baubewilligung das Einverständnis des Kantonalen Departements Bau, Verkehr und Umwelt brauchte. Es erteilte 2013 zwar die Genehmigung, vermerkte aber, dass «das Halten von maximal vier Grosspferden bewilligungsfähig» sei.

Ein unheilvoller Satz, den Stebler damals wohl zu wenig ernst nahm. Denn seit Jahren leben über ein Dutzend Pferde und Ponys auf dem Hof. Stebler verdient ihren Lebensunterhalt einerseits mit der Vermietung der Einliegerwohnungen im Bauernhaus – «Man könnte meinen, ich verdiene damit viel Geld, aber auf dem Haus lasten enorme Schulden, weil ich meine Brüder ausbezahlen musste».

Andererseits nimmt sie Pensionspferde auf (derzeit vier) und erteilt auf ihren eigenen neun Tieren Reitunterricht, etwa für kleine Kinder oder für Klienten der nahegelegenen Klinik Hasel. Ausserdem bewirtschaftet Stebler 35 Obst- und Nussbäume, macht beim kantonalen Diversitäts-Projekt «Labiola» mit und bekommt Direktzahlungen für Wiesen, Bäume – und die Pferde.

Kanton intervenierte

Alles hätte gut gehen können. Aber dann reichte Stebler 2015 ein weiteres Baugesuch ein: Sie wollte einen befestigten Auslaufplatz einrichten. Da fanden die Behörden heraus, dass Stebler Anlagen errichtet hatte, für die sie ebenfalls eine Bewilligung gebraucht hätte: ein kleiner Holzschnitzelplatz auf der Wiese, zwei gekieste Abstellplätze für Autos und Siloballen. «Ich kam nicht auf die Idee, dass ich dafür eine Baubewilligung bräuchte», sagt sie.

Ein Fehler. Sie musste für die Bauten ein nachträgliches Gesuch einreichen. Und: Nun merkte der Kanton, dass Stebler mehr Pferde hält, als sie angeblich dürfte. Das Verdikt: Sie muss die unbewilligten Bauten rückbauen – und die überzähligen Pferde loswerden.

Dagegen wehrte sich Stebler bis vor Bundesgericht. Vergeblich, wie das kürzlich publizierte Urteil aus Lausanne zeigt. Die «Wiederherstellung des rechtmässigen Zustands» sei «verhältnismässig» und liege «im öffentlichen Interesse».

Bauernbetrieb oder nicht?

Das Problem: Die Behörden anerkennen Steblers Hof nicht als Landwirtschaftsbetrieb, sie übe keine landwirtschaftliche Tätigkeit aus. Das wäre aber die Grundvoraussetzung dafür, dass Stebler in der Landwirtschaftszone mehrere Pferde halten und Pensionspferde aufnehmen darf.

Reine Reitställe gehören nämlich normalerweise in die Bauzone oder in eine Spezialzone. Die Behörden taxieren Steblers Pferdehaltung als «hobbymässig». Und dafür gelten strengere Vorschriften; insbesondere, was den Ausbau angeht.

Und natürlich die Anzahl zulässiger Pferde: Man darf hobbymässig nur so viele Tiere halten, wie man selber betreuen kann. Die Behörden gehen von vier Pferden aus. Stebler schüttelt darob den Kopf – sie betreue die 13 Tiere alle eigenhändig.

Vor Gericht hatte Stebler noch versucht, sich auf die Besitzstandsgarantie zu berufen. Immerhin habe bereits ihr Vater Pferde auf dem Hof gehabt. Und auch während ihrer Ehe, als sie und ihr Ex-Mann beide Höfe bewirtschafteten, seien immer Pferde auf dem «Steinig»-Hof gestanden, wo sie auch Reitunterricht erteilt habe. Die Behörden liessen das aber nicht gelten – sie befanden erneut, anders als damals ihr Vater habe Margrit Stebler eben doch keinen landwirtschaftlichen Betrieb.

Das Bundesgerichtsurteil hat Stebler hart getroffen. «Es ist traurig», sagt sie. Mit dem derzeitigen Betrieb werde sie zwar nicht reich, aber sie käme durch. «Und jetzt kommen die und machen alles zunichte. Ich arbeite seit meiner Jugend mit Pferden: Mein erstes Fohlen kaufte ich mir als 14-Jährige mit dem Erlös meiner Kaninchenzucht.

Ich habe alle meine Aus- und Weiterbildungen auf diesem Gebiet absolviert. Wie soll ich nun mit bald 60 Jahren einen anderen Job suchen?» Wenn sie nur noch vier Pferde halten darf, muss Stebler mindestens fünf ihrer neun eigenen Tiere weggeben. Da sie alle zwar fit, aber relativ alt sind, wird sich kaum ein Käufer finden. Sie müssten eingeschläfert werden. «Sie in einem anderen Stall unterzubringen, könnte ich mir gar nicht leisten.»

Hilfe von Gemeindeammann

Die Gemeinde Gontenschwil habe getan, was sie konnte, so Stebler. Ammann Renate Gautschy sagt denn auch gegenüber der AZ: «Der Gemeinderat hat sich gewünscht, dass Frau Stebler bis zu ihrer Pensionierung und weit darüber hinaus für ihre Einkünfte sorgen kann. Dies im Zusammenhang mit der Freude, mit welcher sie ihre Tiere betreut und pflegt.»

Gautschy hat Stebler sogar einen Baurechtsanwalt vermittelt: Lukas Pfisterer, ihren Kollegen in der FDP-Grossratsfraktion. «Ich habe mir aber leider aus Kostengründen erst beim Bundesgerichtsverfahren einen Anwalt geleistet», sagt Margrit Stebler. «Das war wohl ein Fehler.»

Ganz hat die Pferdeliebhaberin die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Sie hat ein neues Baugesuch eingereicht, mit dem sie den Status quo legalisieren will. Der Gemeinderat hat es bereits abgelehnt, weil sich an der Ausgangslage nichts Grundlegendes geändert hat. Stebler hat den Beschluss weitergezogen. Demnächst wird sich der Regierungsrat mit der Causa «Steinig»-Hof befassen.

Fall Wannental: Unbewilligte 2-Mio.-Villa vor dem Abriss gerettet

Gontenschwil war schon einmal Schauplatz eines Bau-Skandals sondergleichen. 1980 wollte ein Ehepaar im «Wannental» eine Villa mit Pferdeställen bauen, ebenfalls in der Landwirtschaftszone.

Der Gemeinderat unterliess es aufgrund von Meinungsverschiedenheiten mit «Aarau», dem Kanton das Baugesuch zu unterbreiten, und genehmigte die 2-Millionen-Villa eigenmächtig. Zwar ging beim Kanton schon während der Bauerei der Hinweis ein, dass da in Gontenschwil etwas nicht mit rechten Dingen zu- und hergehe.

Der Hinweis wurde aber ignoriert. Erst eine Interpellation im Grossen Rat liess die Kantonsbehörden reagieren. Sie teilten der «aus allen Wolken fallenden» Bauherrschaft mit, dass die frisch bezogene Villa wieder abgerissen werden müsse.

Während Gemeinderat und Gemeindeschreiber wegen ungetreuer Amtsführung verurteilt wurden, kämpfte das Ehepaar jahrelang bis vor Bundesgericht um seine Villa. Vergeblich. Sie war in dieser Form in der Landwirtschaftszone nicht tolerierbar. Auch eine Umzonung wurde abgelehnt.

Schliesslich kauften der Aarauer Fredy Bühler und der Zurzacher Hugo Ammann die Liegenschaft, wo sie eine Tierklinik einrichten wollten. Das verhinderte der Naturschutzbund. Später erwarb der damalige Holziker Ammann und SVP-Grossrat Ernst Lämmli die Villa mit der Absicht, ein Behindertenwohnheim einzurichten. Er fand in der Zürcher Stiftung Altried eine Partnerin, der er die Liegenschaft Anfang der 1990er-Jahre weiterverkaufte. Bewilligt wurde die Umnutzung, weil die Stiftung auch Kleintiere halten sowie Obst und Gemüse anbauen wollte. (NRO)