Unterkulm
Der Abschied fällt nicht nur ihm schwer

Die Zügelkisten sind gepackt, Martin Tanner geht. 23 Jahre lang war er Diakon und Pfarreileiter der Katholischen Kirchgemeinde in Unterkulm.

Janine Gloor
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Martin Tanner geht nach Sissach.Archiv/PSI

Martin Tanner geht nach Sissach.Archiv/PSI

Peter Siegrist

Im Pfarrsaal herrscht ein Kommen und Gehen, immer wieder ist die Türglocke zu hören. Martin Tanner, Birkenstock-Sandalen, gestreiftes Hemd, Luzerner Dialekt, nimmt auf einem Hocker Platz.

Als Pfarreileiter war er in Unterkulm für alles zuständig. «Von der Wiege bis zur Bahre», erklärt er. Er machte Predigten, Taufen, Abdankungen. Auch Hausbesuche gehörten zu den Aufgaben des Seelsorgers. «Früher war es ein schlechtes Zeichen, wenn der Pfarrer im Haus war. Die Leute verbanden den Besuch mit dem Sterben.» Die Gemeinde stellte jedoch bald fest, dass Tanner nicht nur schlechte Nachrichten überbrachte. «Der direkte Kontakt zu den Leuten schuf eine grosse Nähe.» Der Abschied fällt nicht allen leicht. «Wenn mir Leute gesagt haben, dass ich jetzt nicht ihre Beerdigung machen kann, ist es auf beiden Seiten zu feuchten Augen gekommen», sagt Tanner. «Aber man muss auch lieb Gewonnenes gehen lassen können.» Schliesslich sei nichts selbstverständlich. Zusammen mit seiner Frau Martina Tanner wird er eine dreimonatige Auszeit nehmen, bevor er seine neue Stelle in Sissach antritt.

Kein Neuanfang ohne Trennung

Abschied nehmen muss Tanner auch beim Zügeln. «In 23 Jahren hat sich viel angesammelt.» Eigentlich hatte er sich vorgenommen, nie ein Buch ins Regal zu stellen, das er nicht gelesen hat. Nicht immer hat er sich daran gehalten. Nun wird jedes Buch geprüft, bevor es in die Zügelkiste kommt. Auch schon gelesene Werke sind auf dem Prüfstand. Die Trennung als Bedingung für einen Neuanfang. «Le Petit Prince» von Antoine de Saint-Exupéry hat jedoch nichts zu befürchten.

Irgendwo im Haus ruft eine Kuckucksuhr. Martin Tanner besitzt zehn davon. «Ich bin leidenschaftlicher Uhrensammler.» Er war beruflich nicht immer für die Kirche tätig. Eigentlich hat er Bäcker-Konditor gelehrt. «Ich hatte mal einen anständigen Beruf», sagt er und lacht. Doch schon mit sechs Jahren habe er ein Gefühl für Gott entwickelt. Eine Laufbahn als Pfarrer kam nicht infrage. «Ich brauche das Familien- und Gemeinschaftsleben.» Tanner trat in den Franziskanerorden ein und studierte auf der Insel Werd und in Tirol Theologie. Auch während dieser Zeit war der Wunsch nach einer Familie stärker als derjenige nach Brüderlichkeit. Nach seiner Rückkehr in die Schweiz war er zunächst in Wettingen als Pastoralassistent tätig. 1993 kam er nach Unterkulm, drei Jahre später empfing er die Diakonatsweihe.

Den Umgang mit den Gemeindemitgliedern musste Tanner sich aneignen. «Ich war nicht immer so leutefreundlich.» Heute ist davon nichts mehr zu spüren. Älter sei er geworden. Und reifer. Martin Tanner schätzt alle Begegnungen. «Jede Person ist etwas Einmaliges und ein Abbild Gottes.» Auch die etwas sturen. «Doch auch die haben zu meinem Weg beigetragen und mich zu dem gemacht, der ich heute bin.» Mit den Sturen zu ringen, nütze nichts, das habe schon Jesus gewusst.

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