Seitenwagenrennen
De Plampi und de Pilot: Dieses Paar aus Unterkulm lebt für die Geschwindigkeit

Kurt und Susanne Schüttel aus Unterkulm fahren erfolgreich Seitenwagen – und wurden damit schon viermal Schweizer Meister. Für ihre Verdienste wurde das Paar nun von der Gemeinde geehrt.

Peter Weingartner
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So zeigt sich das Ehepaar Schüttel jeweils an den Seitenwagenrennen.

So zeigt sich das Ehepaar Schüttel jeweils an den Seitenwagenrennen.

ZVG

Einige Pokale stehen im Wohnzimmer, wo auch ein kleiner Töff mit Seitenwagen seinen Platz hat. Wer aus dem Fenster schaut, sieht direkt auf die Wyna, die an den Rändern gefroren ist. Senta, die junge Berner Sennenhündin, hat unter dem Tisch Platz genommen, als Kurt Schüttel von seiner «Töff-Angefressenheit» erzählt: «Als Bub hatte ich ein Töffli, ein Sachs Caravelle. Das haben wir frisiert und sind damit an Wochenenden zu den Motocross- Rennen nach Menziken oder Wohlen gefahren.» Bald schon sei ihm klar geworden: Seitenwagen sind das Grösste.

Sie sind Seriensieger

«Haller – Haller, die 1973 Europameister wurden, waren mein Vorbild», sagt der 60-jährige Kurt Schüttel. Zusammen mit seiner Frau Susanne hat er die letzten Jahre die Veteranenklasse der Berg- und Rundstreckenrennen dominiert. In der Kategorie Seitenwagen. Schweizer Meister 2012, 2013, 2014, 2016.

Für den letzten Titel wurden die beiden am Neujahrstag von der Wohngemeinde geehrt. Was war 2015 los? «2015 haben wir ausgelassen», sagt Susanne Schüttel und lacht. Im Ernst: «Wir hatten mehrere Motorschäden, die Benzinpumpe hat versagt, einen Zylinder hats gelupft.» Das erklärt Kurt, der Pilot und Mechaniker, der Tüftler und Reparateur.

Während 27 Jahren hat sich Kurt Schüttel als Pilot bei Motocross-Seitenwagenrennen durchschütteln lassen, damals noch ohne seine Frau als «Plampi». Plampi? So nennt man den Beifahrer. «Ich plampe gerne», sagt Susanne. 2017 ist ihr 15. gemeinsames Jahr auf dem Töff. Warum Seitenwagen? Er sei ein Teammensch, sagt Kurt, habe gerne Leute um sich.

Nötig sei blindes Vertrauen: «Bei Geschwindigkeiten von bis zu 180 km/h muss man sich aufeinander verlassen können.» Die Gewichtsverlagerung in den Kurven, das ist Susannes Job. «Jeder muss seine Arbeit machen», sagt die zierliche Frau.

Susanne und Kurt Schüttel in der Werkstatt vor ihrem Seitenwagen.

Susanne und Kurt Schüttel in der Werkstatt vor ihrem Seitenwagen.

Peter Weingartner

Fotos zeigen: Da ist kaum Raum zwischen Susannes Knie und Boden. Reden könne man während des Rennens nicht miteinander, höchstens vielleicht mit der Hand kurz deuten. Nach der Trainingsfahrt werden die heiklen Stellen besprochen. Klar ist: Man muss ans Limit gehen, will man vorne mitreden. Oft gehts um Tausendstelsekunden. Streit? «Wenns beim Hobby Lämpen gäbe, müssten wir aufhören», sagen beide.

Familiensache

Susanne ist bei den Bergrennen mit Einzelstart Kurts Plamper. «Massenstarts bei den Rundstreckenrennen hab ich nicht so gerne», sagt sie. Dann springt Sohn Michael (30) ein. 14 Läufe pro Jahr an 11 verschiedenen Orten zählen zur Schweizer Meisterschaft.

Am Freitagabend chartern sie ihren Car, und auf gehts nach Hockenheim, Marchaux, Metz oder Colmarberg. Wo die Rennen halt stattfinden. «Wir haben den Bus umgebaut: unten der Töff, und oben können wir wohnen», sagt Kurt Schüttel. Betten, Küche, WC, Tische. Alles selber und mithilfe von Kollegen gemacht.

Schüttels sind Mitglied beim Verein der Freunde historischer Renn-Motorräder. «Wir sind wie eine Familie; man hat ein gutes Wochenende miteinander und fährt am Sonntag zufrieden wieder nach Hause. Der Rang ist Nebensache», sagt Kurt. Für ihn, der beim Autobahnunterhaltsdienst als Gruppenleiter und «Mädchen für alles» arbeitet, ist der Motorsport ein wichtiges Hobby: abschalten, Freiheit geniessen.

Im Winter wird am Töff herumgeschraubt, aufgerüstet. Eben erhält die Yamaha Colania 350 ccm in der Werkstatt ein neues Vorderrad. Kurt selber hält sich mit Hanteln fit: Krafttraining. «Ohne zu chrampfen, geht es nicht», sagt er, der ja auch noch ein Armeemuseum betreibt.

Einmal an einem Töff-Rennen auf der Isle of Man teilnehmen, wäre Kurts Traum. Susanne winkt ab: zu gefährlich, zumal man da durch bewohnte Siedlungen fahre. Kurt bedauert, dass es in der Schweiz keine Rundstrecke gebe. «Warum nicht einen Militärflugplatz dafür freigeben? Es stört mich, dass die Jungen nichts mehr machen können», sagt er. Heute komme gleich die Polizei, weil Leute reklamierten. Nicht einmal Kuhglockengeläut werde ertragen.

Neben den Pokalen stehen im Wohnzimmer auch ein altes Pflugmodell und Pferde aus Holz. Pferdestärken sind Schüttels Leidenschaft. «So», sagt Kurt Schüttel, und Senta bellt und wedelt, denn sie weiss, jetzt gehts hinaus. Oder wenigstens in die Werkstatt.