Reinach
«Das Tal hat immer wieder einen Weg gefunden, sich neu zu definieren»

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Wynentals als Arbeitswelt waren das Thema eines Salongesprächs im Reinacher Theater am Bahnhof zwischen Peter Fischer von der Fischer Reinach AG, Auto Klaus Merz und Moderator Maurice Velati.

Markus Christen
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Drei gebürtige Wynentaler im Gespräch: Peter Fischer von der Fischer Reinach AG (li.) und Autor Klaus Merz (re.) diskutierten im TaB mit Moderator Maurice Velati, Leiter des Regionaljournals AG/SO, über Chancen und Risiken im Tal.

Drei gebürtige Wynentaler im Gespräch: Peter Fischer von der Fischer Reinach AG (li.) und Autor Klaus Merz (re.) diskutierten im TaB mit Moderator Maurice Velati, Leiter des Regionaljournals AG/SO, über Chancen und Risiken im Tal.

Markus Christen

Wie sieht sie aus, die Zukunft des Wynentals? Zumindest in einer Hinsicht wagt Peter Fischer, Delegierter des Verwaltungsrats der Fischer Reinach AG, eine eindeutige Prognose: «Das Zeitalter des Industrieausbaus ist im Wynental vorbei. Grosse Industriefirmen werden sich nicht mehr ansiedeln. Dafür wird das Wynental andere Standortvorteile geltend machen können. Die Menschen schätzen beispielsweise die hiesige Ruhe und Naturnähe.»

Zusammen mit dem in Menziken aufgewachsenen Schriftsteller Klaus Merz machte sich Peter Fischer am Donnerstagabend Gedanken zur Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Wynentals als Arbeitswelt und Industriestandort. Das Salongespräch im Atelierkino des Theaters am Bahnhof (TaB) mit dem Titel «Kopf und Kragen – Leben und Arbeiten im Wynental» wurde geführt durch den in Gontenschwil aufgewachsenen Maurice Velati, Leiter des Regionaljournals AG/SO bei Radio SRF.

Strukturschwache Region

Die 175-jährige und in sechster Generation als Familienbetrieb geführte Fischer Reinach AG stand dabei pars pro toto ein für die allgemeine Industriegeschichte der Region. 175 Jahre, führte Peter Fischer aus, das entspreche vier industriellen Revolutionen, von der Handarbeit über das Fliessband und den Computer zur Digitalisierung und Robotik. «Um so lange im Geschäft zu bleiben, muss sich ein Unternehmen stetig wandeln», so Fischer. Vielleicht hätten sich einige ehemalige Industriebetriebe der Region zu stark auf ein Kerngeschäft konzentriert und es versäumt, sich zu erneuern.

Das Wynental auf jeden Fall, so zeichnete Maurice Velati ein Entwicklungsbild, habe sich über die vergangenen Jahrzehnte gewandelt von einem Industriezentrum zu einer industriell eher strukturschwachen Region. «Aber», ergänzte dazu Peter Fischer, «das Tal hat immer wieder einen Weg gefunden, sich anzupassen und sich neu zu definieren.»

Wie gehts dem kleinen Mann?

Der Dichter Klaus Merz führte derweil in lebhaften Erinnerungsbildern aus, wie er in den 1950er- und 60er-Jahren in einer Bäckersfamilie aufwuchs. Umgeben von Aluminium-, Metall- und Zigarrenindustrie habe man als Bäckerei schon zu den «Kleinen» gehört. «Aber neidisch war man nicht auf die Grossindustrie. Wir haben ja von und mit diesen Leuten gelebt.»

Das Salongespräch am Donnerstagabend diente auch der Vorbereitung auf das Theaterstück «Kleiner Mann, was nun?», welches das hauseigene TaB-Ensemble ab dem 2. März zur Aufführung bringt. Der gleichnamige Roman von Hans Fallada, auf dem das Bühnenstück beruht, thematisiert die Abhängigkeit des sogenannten einfachen Arbeiters von den ökonomischen Zwängen des Grosskapitals am Ende der 20er-Jahre des letzten Jahrhunderts.

Entsprechend wollte Maurice Velati wissen, wie es denn um diesen einfachen Arbeiter heute bestellt sei. Die vergangenen hundert Jahre, so kann man die Einschätzungen von Peter Fischer und Klaus Merz zusammenfassen, haben für die Arbeitnehmer viele Errungenschaften gebracht. In der Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie, in der auch die Fischer Reinach AG tätig ist, ist seit 80 Jahren ein Gesamtarbeitsvertrag in Kraft. Arbeitnehmer und Arbeitgeber begegnen sich heute vermehrt auf Augenhöhe.

«Wird eine Unternehmung heute extrem hierarchisch geführt, dann behindert das die Entwicklung», sagte Peter Fischer. «Gebildete und gut ausgebildete Arbeiter haben in einer Unternehmung auch eine Stimme», führte Klaus Merz weiter aus. Das heisse aber nicht, dass es heute keine Missstände mehr gäbe. Es gelte diese zu erkennen und über Verbesserungen nachzudenken. «Deshalb ist Bildung so wichtig.»