Oberkulm

Das «Rössli» ist nicht auf Trab zu bringen: Was Israel mit der geschlossenen Taverne zu tun hat

Wer durchs Wynental fährt, sieht das heute geschlossene «Rössli». Im Garten dahinter wollen die Besitzerinnen einen Block bauen.

Wer durchs Wynental fährt, sieht das heute geschlossene «Rössli». Im Garten dahinter wollen die Besitzerinnen einen Block bauen.

Die ehemalige Taverne ist erneut geschlossen. Israelische Investorinnen planen ein Mehrfamilienhaus.

Die Fassade bröckelt, dem dicken Koch am Gartenzaun mit der Menütafel fehlt eine Hand. Das «Rössli» Oberkulm hat schon bessere Tage gesehen. Am Geländer hängt ein Schild: «Restaurant zu vermieten». Seit Pächter Alfred Habermacher vor rund einem Monat verstorben ist, steht das Lokal leer – einmal mehr. Alfred Habermacher hatte das «Rössli» gerade mal ein gutes Jahr als Pizzeria geführt.

Die Liegenschaft gehört seit 2011 zwei Immobilien-Investorinnen mit Sitz in Jerusalem. Vertreten werden sie von einer Verwaltung in Zürich. Dort hofft man, wieder einen Pächter zu finden, der das «Rössli» als Restaurant weiterführt, wie es auf Anfrage heisst. Das dürfte nicht ganz einfach sein in Zeiten des allgegenwärtigen Beizensterbens. Ausserdem macht das Haus – zumindest von aussen – einen wenig einladenden Eindruck.

Dorfprominenz als Retter

In den letzten Jahrzehnten haben die Besitzer mehrfach gewechselt. Pächter kamen und gingen. Bereits Anfang der 80er-Jahre lief es mit dem «Rössli» nicht mehr so gut. Im Dorf sorgte man sich um seine Zukunft – so sehr, dass sich der Oberkulmer Bäckermeister, zu der Zeit SVP-Gemeindeammann und später Nationalrat, Christian Speck († 2005), und sein Freund, der Unterkulmer Bandfabrikant Hans-Ulrich Schneeberger († 2014), entschieden, den Gasthof zu kaufen. «Es war eine Herzensangelegenheit», erinnert sich Wittwe Charlotte Schneeberger. «Das ‹Rössli› hatte einen guten Ruf als Speiserestaurant, die beiden wollten es retten, den weiteren Betrieb als Restaurant sichern.» Christian Speck war mit seiner Bäckerei, seit 1970 im selbst erbauten Kulmerhof an der Neudorfstrasse und zuvor im Junkernhaus (seit 1835 im Besitz der Familie) vis-à-vis vom «Rössli» stets direkter Nachbar der ehemaligen Taverne.

Das «Rössli» war auch Schulhaus

Das «Rössli», einst Gemeindewirtshaus, hat eine bewegte Geschichte. Es war im Laufe der Zeit nicht nur «umgezogen», die Oberkulmer vertagten 1832 seinetwegen gar den dringend nötigen Schulhausneubau. Dafür wurden die Schüler ab 1834 im Saal des Gasthofs unterrichtet (vgl. separaten Text). Ab 1871 war die Gaststätte in Privatbesitz. Jahrzehnte war sie nicht nur wichtiger Treffpunkt für die Dorfbewohner, sondern auch Absteigequartier der Talschaftsprominenz.

Zwar hatte das «Rössli» während der Ära Speck/Schneeberger mit seiner gutbürgerlichen Küche weiterhin «ein gutes Renommee», wie Charlotte Schneeberger sagt. Die beiden hätten aber zunehmend festgestellt, «dass es nicht einfach ist, wenn man nicht vom Fach ist». Anfang der 90er-Jahre entschied man sich für den Verkauf. Es folgte eine unbeständige Zeit fürs «Rössli». Bald schon wurde das Restaurant zum Pub, in den Saal im Obergeschoss kam ein Billard-Center. Diverse bauliche Veränderungen wurden vorgenommen: In der ehemaligen Scheune entstanden Wohnungen, im Gewölbekeller zuerst eine Kegelbahn, später eine Bar.

Die Rössli-Shisha-Bar in den Kellerräumen ist noch in Betrieb, die Gaststube darüber leer. Die Wohnungen in der ehemaligen Scheune sind nach wie vor vermietet. Jetzt planen die israelischen Investorinnen nebenan ein Mehrfamilienhaus mit zehn Wohnungen. Das Baugesuch lag Anfang Jahr öffentlich auf, die Prüfung durch den Gemeinderat ist noch nicht abgeschlossen, weil gemäss Verwaltung noch Dokumente ausstehend sind. Ob die beiden Frauen das «Rössli» längerfristig als Gasthof erhalten wollen, ist nicht bekannt. Ihre Vertretung in der Schweiz nahm dazu keine Stellung.

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