Montagnachmittag an der Reinacher Hauptstrasse: Die Tür zum Bewerbungsatelier von «jobwärts» steht offen. Ursula Hilfiker (64) aus Birrwil kommt gerade von einem Jobinterview mit ihrem Klienten. «Es war anstrengend», sagt sie. Trotzdem strahlt die Mentorin und ist schon wieder bereit, für weitere Besucher des Ateliers. Was genau steckt aber hinter dem Begriff Mentor? Und was geschieht im Bewerbungsatelier?

Das Projekt jobwärts wurde im Frühjahr 2017 lanciert. Es will Beschäftigungsmöglichkeiten für Personen aus dem Asyl- und Sozialhilfebereich schaffen. Mit dem Ziel, diese Menschen über Alltagsstrukturen und Arbeit fit zu machen, ihren Lebensunterhalt dereinst – oder wieder – selber zu bestreiten. Um das zu erreichen, braucht es Mentorinnen und Mentoren – also Freiwillige, die Klienten ehrenamtlich begleiten.

Das Bewerbungsatelier gibt es seit März: «Freiwillige helfen dabei, Unterlagen zu prüfen, Inserate zu übersetzen oder Bewerbungen zu schreiben», erklärte Koordinatorin Lilo Henkel Anfang Jahr.

«Eine effiziente Sache»

Ursula Hilfiker ist seit Beginn des Projekts jobwärts als Mentorin dabei. «Hier kann ich meine Berufserfahrung und mein Netzwerk einbringen und den Menschen etwas mitgeben», so Hilfiker. Bis 2014 war sie die Geschäftsführerin des Gemeindeverbands aargauSüd. Zudem hat sie in ihren 45 Berufsjahren unter anderem als Assistentin des ehemaligen Regierungsrats Kurt Wernli (SP), in der Abteilung Volksschule oder als Krankenschwester gearbeitet.

«Prägend war die Zeit bei der Fachstelle für interkulturelle Erziehung», sagt Hilfiker. Dort habe sie festgestellt, wo die Probleme liegen und auch wie spannend es sei, fremde Leute kennenzulernen. Seit Hilfiker pensioniert ist, hat sie Zeit sich für Projekte zu engagieren. Und das macht die 64-Jährige nicht nur bei «jobwärts». Daneben administriert sie etwa das «Erzähltal», das heuer das zehnjährige Jubiläum feiert.

Ihre Motivation begründet Ursula Hilfiker ganz nüchtern: «Die Leute sind nun mal da und wir müssen etwas machen miteinander, sonst kommt es nicht gut.» Seit Mai 2017 betreut die Birrwilerin einen syrischen Mann, der mit seiner Familie im Wynental lebt. Sie versucht, ihm dabei zu helfen, den Eintritt in die Berufswelt zu schaffen. Ein gut ausgebildeter, zuverlässiger und freundlicher Mann, wie sie sagt.

Dabei sei das Bewerbungsatelier eine sehr effiziente Sache: «Die meisten Flüchtlinge oder Sozialhilfebezüger besitzen keinen eigenen PC, Drucker oder Internetanschluss», sagt Hilfiker. Im Atelier können sie für einen symbolischen Betrag von zwei Franken pro Besuch Bewerbungen schreiben, ausdrucken und verschicken. «Diese Möglichkeit ist elementar.»

Ursula Hilfiker hilft aber auch mit, dass ihr Klient Deutsch lernt. «Die Sprache ist das Eintrittsticket in die Berufswelt», sagt die Mentorin. Einmal pro Woche spricht sie deshalb eine Stunde mit der Familie oder unterstützt ihren Klienten bei den Hausaufgaben. Mittlerweile hat Hilfiker sogar einen pensionierten Lehrer für den Syrer gefunden. Daneben bedeutet ein Mentorat im Allgemeinen, die Betreuten zu animieren, am Dorfleben teilzunehmen und so die Integration zu fördern.

Ein Praktikum als Höhepunkt

Eine Freundschaft sollte trotz engem Kontakt nicht entstehen, ist Ursula Hilfiker überzeugt. «Wir sind per Sie miteinander.» Eine gewisse Distanz sei wichtig. «Trotzdem sind wir keine Profis», so die 64-Jährige. Wenn sie mit den Klienten oder im Bewerbungsatelier arbeite, werde ihr immer wieder klar: «Was wir hier machen, ist nur die Spitze des Eisbergs.»

Der persönliche Höhepunkt im vergangenen Jahr war, dass ihr Klient ein halbes Jahr in einem Praktikum arbeiten konnte. «Ihm wurde attestiert, dass er keinen einzigen Tag gefehlt hat und er immer pünktlich und freundlich war.» Der Tiefpunkt kam direkt danach: Weil er nicht gut genug Deutsch konnte, hat man ihn nicht weiterbeschäftigt. «Es war schwierig bei einem Baustellen-Job noch besser Deutsch zu lernen.»

Das Projekt jobwärts sucht laufend neue Mentoren in den Gemeinden. Aktuell sind es 40 Freiwillige. «Es öffnet einem die Augen, wie privilegiert wir sind und wie hoch die Hürden sind», sagt Hilfiker. Es gehe eben nicht so einfach, wie es sich viele vorstellten. «‹Die söle mou go schaffe› – ja gerne!» sagt sie. Arbeitsplätze habe es aber nicht unendlich – auch die schlechten nicht. Es klingelt, Ursula Hilfiker öffnet die Tür und begrüsst die nächste Klientin im Atelier.