Kölliken

Das Leben als Lastwagenfahrer? «Mache ich einen WC-Halt, ruft nach fünf Minuten der Chef an»

Ein Pole in Kölliken Chauffeur Piotr Wesolowski (44).

Ein Pole in Kölliken Chauffeur Piotr Wesolowski (44).

In der A1-Raststätte Kölliken Nord getroffen: Pitor Wesolowski. Er wartet auf den Montag, um weiterzufahren.

Ein heisser Sonntagnachmittag auf der Raststätte Nord in Kölliken. Ein paar Sitzbänke unter schattigen Bäumen, ein Migrolino, 114 Parkplätze und der nimmermüde vorbeirauschende A1-Verkehr: Für sieben Lastwagenfahrer aus Osteuropa ist das der Schauplatz ihres Wochenendes. Seit Freitag sind sie hier und warten darauf, dass es am Montag wieder auf die Strasse geht. Eine Fremdsprache spricht keiner von ihnen. Ausser einem.

«Das Leben als Lastwagenfahrer?», fragt eine neugierige Stimme hinter den zugezogenen Vorhängen eines Führerstands. In rudimentärem, aber gut verständlichem Englisch. Aus dem Dunkel der Kabine taucht ein freundliches Gesicht auf: «Ich komme.» Der kahl geschorene Mann streift sich ein T-Shirt über den grossen Bauch und steigt auf den heissen Asphalt herunter. «Lass uns in den Schatten gehen.»

Piotr Wesołowski ist 44 Jahre alt und war eigentlich mal Geschichtslehrer, zu Hause in Polen. «Aber das ist lange her.» Gut 16 Jahre. Etwa 2004 wurde er entlassen. «Wegen der Umstellung vom Kommunismus auf den Kapitalismus», sagt Piotr und lässt dabei nicht durchblicken, ob das als Systemkritik zu verstehen ist. Piotr denkt gerne an damals zurück, er mochte seinen Job, liebte ihn. Doch ohne Aussicht auf eine neue Anstellung machte er sich schliesslich auf eine wirtschaftliche Odyssee nach Grossbritannien, so wie Hunderttausende andere Polen auch. Acht Jahre lang kam Piotr mit verschiedenen Jobs über die Runden. «Bis es auch da schwieriger wurde.» Europa fehlten unzählige Chauffeure. Und Piotr sprang dankbar ein.

Acht Jahre nach der Lastwagenprüfung sitzt er jetzt an dieser schattigen Bank auf der Raststätte Kölliken Nord. Ob ihm der Job gefällt? Piotr erstaunt die Frage, mit schief gelegtem Kopf überlegt er und stösst schliesslich nur ein Wort hervor: «Nein.»

Unterwegs zu den Zigaretten von Dagmersellen

«Der Job ist sehr anstrengend und wird kaum respektiert. Die Leute haben das Gefühl, wir hätten einen entspannten Beruf gewählt, würden ein bisschen durch die Gegend kurven und uns dabei zurücklehnen.» Neun Stunden fährt Piotr, mit 40 bis 50 Minuten Pause. Dann hat er neun Stunden Ruhezeit, bevor er wieder den Motor anlässt. Fährt weitere neun Stunden durch, mit weiteren 40 bis 50 Minuten Pause. Immer weiter, quer durch Europa. Auch nach mehrmaligem Nachfragen kann Piotr kaum sagen, wo er die letzten Tage überhaupt war, wo er herkommt. Piotr weiss, wo es hingeht. Am Montag mit dem leeren Lastwagen nach Dagmersellen LU, Zigaretten aufladen und gleichentags an die Grenze zwischen Holland und Belgien. Nach der Ruhepause dann weiter in den Hafen von Rotterdam. «Und von da gelangen die Zigaretten in die ganze Welt.»

Piotrs Tage werden von seinem Arbeitgeber bis ins letzte Detail durchgetaktet. «Mache ich einen WC-Halt, ruft nach fünf Minuten der Chef an: ‹Wieso fährst du nicht?›. Und sie wissen alles: Staus, Unfälle, Wetter. Bei jeder Auffälligkeit rufen sie dich an: ‹Wieso fährst du so langsam durch Malmö, wenn es doch aufgehört hat zu schneien?› Herr der Autobahn! Nein, in diesem Beruf ist man eine Marionette.» Immer weiter, immer weiter.

Dank der nahen Badi gefällt es Piotr in Kölliken Nord

Drei Viertel des internationalen Güterverkehrs auf der Strasse haben osteuropäische Unternehmen erobert. Und nur dasEffizienteste bekommt noch mehr. «Möglich macht das alles das GPS», sagt Piotr. «Das war vor meiner Zeit besser, kein GPS, kein Handy. Da wusste keiner, wo der Fahrer gerade ist.» Wenn es einmal länger dauerte, dann war das eben so. Der Fahrer war selbst verantwortlich. «Die Kehrseite war allerdings, dass es auch Fahrer gab, die ohne Halt von Russland nach Portugal gefahren sind, 20 Stunden am Steuer. Das war sehr gefährlich, es gab immer wieder Tote. Deshalb bin ich trotz allem froh, dass ich in der heutigen Zeit in diesem Beruf gelandet bin. Und das GPS!» Auch das habe natürlich seine guten Seiten, «wie sonst sollte ich ans Ziel finden?»

Dank dem Handy mag Piotr Kölliken Nord. Auf ihm hat er die nahe Badi entdeckt. Da will er nachher hin. Besonders mag Piotr Raststätten bei grossen Städten, letzte Woche hat er sich Dresden angeschaut. «Eine wunderschöne Stadt!» Und wenn er fürs Wochenende doch einmal auf einer dieser kleinen Asphaltflächen landet, die irgendwo in eine Ödnis geteert worden sind? «Dann schlafe ich einfach das ganze Wochenende durch.»

Neben dem LKW gibt die Ehefrau den Takt vor

Meistens verbringt Piotr etwa sechs Wochen am Stück in der Fahrerkabine. So lange dauern die Auslandaufenthalte seiner Frau. «Sie ist Archäologin und in aller Herren Ländern unterwegs, in Russland, in Kasachstan. Da will der Terminkalender gut geplant sein», muss Piotr schon wieder lachen.

Doch dann weicht der Schalk in seinen Augen einem wehmütigen Blick in die Leere. Auch eine Frohmut wie Piotr kann nicht verbergen, wie sehr er seine Frau gerade vermisst. Bevor er sie wieder sehen kann, geht es am Montag weiter nach Dagmarsellen und dann nach Rotterdam. Immer weiter, immer weiter.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1