Blick zurück

Das Idyll war einst ein sehr armes Tal

Markus Widmer-Dean mit einem Gemeinderechnungsprotokoll aus der Zeit um 1800, hinter ihm das Schloss Rued. SANDRA ARDIZZONE

Markus Widmer-Dean mit einem Gemeinderechnungsprotokoll aus der Zeit um 1800, hinter ihm das Schloss Rued. SANDRA ARDIZZONE

Vor langer Zeit herrschte Schlossherr May über das Tal, 1816 wurde die grosse Gemeinde zu zwei eigenständigen.

Die Bevölkerung von Schlossrued und Schmiedrued darf dieses Jahr 200 Kerzen auf dem Geburtstagskuchen ausblasen: Seit 1816 sind sie eigenständige Gemeinden. An die grosse Glocke gehängt wird das Jubiläum im Ruedertal nicht, und auch von Feierlaune spürt man bislang wenig. Was nicht bedeutet, dass nicht gefeiert werden soll.

Der Schlossrueder Gemeindeammann Martin Goldenberger sagt: «Schlossrued und Schmiedrued feiern das Jubiläum gemeinsam mit einem Festakt am letzten Juni-Wochenende, gleichzeitig finden auch das 100-Jahr-Jubiläum des Turnvereins Schlossrued und das Jugendfest der beiden Gemeinden statt.»

Wie die Gemeinden entstanden

Am Planen sind die beiden Gemeinden schon seit einiger Zeit. Sie haben den Historiker Markus Widmer-Dean beauftragt, die «Talgeschichte von Rued» zu verfassen. Widmer-Dean hat schon zahlreiche Dorfgeschichten verfasst, etwa zu Biberstein, Gontenschwil oder Muhen.

Im Gemeindehaus von Schlossrued steht der Historiker neben einer Kiste mit alten Büchern. Er erzählt, dass das Ruedertal vor über 200 Jahren übersät gewesen sei mit Einzelhöfen und kleinen Weilern, die sich als Ortsbürgergemeinden verstanden. Neun davon soll es damals gegeben haben – heute sind es noch zwei. Bis zur Helvetik im Jahre 1798 unterstanden diese Bürgergemeinden der Herrschaft von Schloss Rued und damit der Berner Adelsfamilie May.

Mit der Helvetik endete die Herrschaft, die helvetische Verfassung wurde eingeführt und das ganze Ruedertal zu einer einzigen grossen Talgemeinde zusammengeschlossen. Die Ortsbürgergemeinden existierten daneben weiterhin. Meist besassen sie wenig Vermögen aus der Waldwirtschaft, durften einfache Strafen verhängen und verwalteten das Armengut. Und sie schuldeten der Einwohnergemeinde Rechenschaft. Widmer sagt: «Es kam zu Überschneidungen bei den Zuständigkeiten, der Bevölkerung wurde das zu chaotisch.»

1816 wurden die beiden Gemeinden wieder getrennt. Seither sind Schmiedrued-Walde oben im Tal und Schlossrued unten im Tal eigenständige Gemeinden.

Das Schloss beherrscht das Tal

Was ihn denn beim Durchforsten der Archive am meisten überrascht habe, will die Journalistin wissen. Widmer sagt: «Für das Ruedertal gibt es kein klassisches Gemeindearchiv.» Eigentlich habe er das gewusst, aber als er dann mit dieser Tatsache konfrontiert worden sei, sei das schon sehr speziell gewesen.

Sämtliche Verwaltungsdokumente und Unterlagen zur Geschichte des Tals vor 1800 befanden sich im Schloss – heute lagern sie im Staatsarchiv in Aarau. Ungewöhnlich, weil sich in der Schweiz die meisten Quellen ab dem Jahr 1500 in Gemeindearchiven befinden.

Die Familie May hatte das Tal als Schlossherren über 300 Jahre lang, von 1520 bis 1798, beherrscht. Zwar unterstanden die Herren von Schloss Rued der bernischen Vogtei, welche die Blutgerichtsbarkeit innehatte. Eine Hierarchiestufe tiefer aber erliessen die Mays im Tal Gebote und Verbote.

Widmer bezeichnet die Beziehung zwischen Bevölkerung und Schlossherren als «ganz spezielle Beziehung», als eine «des gegenseitigen Respekts». Ab und zu würden im Ruedertal, auf Einladung der Gemeinde, Treffen der Familie May abgehalten. Das letzte hat im Jahre 2002 stattgefunden.

Kein Tal für die Industrie

Vor allem der Schlossherr Carl May sei wohl noch heute den meisten im Tal ein Begriff, sagt Widmer. Über die Helvetik hinweg hatte May das Leben im bäuerlich geprägten Tal beeinflusst. «Selbstverständlich war er ein klassischer Patron», betont Widmer. Bis 1798 entrichteten ihm die Bauern Abgaben, danach sei er aber – «eher ungern», meint Widmer – Grossrat im Kanton Aargau geworden, später auch Bezirksammann von Kulm.

Er habe sich der Bevölkerung im Tal letztlich wohl weiterhin verpflichtet gefühlt. «Dass heute eine Strasse von Schlossrued nach Kulm führt», sagt Widmer, «ist nicht zuletzt Carl May zu verdanken.» Und die grosse Hungersnot in den Jahren 1816/17 ging an den Ruedertalern vorbei, weil May rechtzeitig Kornreserven angelegt hatte, mit denen er der Bevölkerung in der Not über die Runden helfen konnte.

Das Ruedertal war ein sehr armes Tal: Abgelegen, schlechte Transportwege und die Ruederche führte zu wenig Wasser, als dass sie die Industrie mit Energie hätte versorgen können. Etabliert hatten sich im Tal deshalb vor allem Landwirtschaft und im Bereich der Heimarbeit einige Jahrzehnte lang die Seidenbandweberei.

Die Landwirtschaft sei für Carl May laut Chronik «das Edelste» gewesen, sagt Widmer. «Die Industrialisierung wurde in der adligen Domäne nicht wirklich durchgezogen.» Solche Faktoren dürften aber auch dazu geführt haben, dass das Tal beschaulich geblieben sei, heute Lebensqualität biete und für manche eine «heile Welt» darstelle.

Meistgesehen

Artboard 1