Schöftland
Das grosse Vergessen im Demenzhaus

Im Demenzhaus wird im Moment gelebt und gleichzeitig gehen ganze Leben vergessen.20 Menschen wohnen in dieser Aussenstation des Alterszentrums Schöftland – je zehn Patienten verteilt auf zwei Etagen.

Aline Wüst
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Ein Demenz-Patient wird betreut (Archiv)

Ein Demenz-Patient wird betreut (Archiv)

Keystone

Der Pass kommt blitzschnell. Frau Roth* zeigt Einsatz. Nur deshalb erwischt sie den Ball noch rechtzeitig. Herr Brunner lacht. Frau Roth stösst den gelben Ball zurück. Als er das nächste Mal in ihre Richtung rollt, nimmt sie ihn in beide Hände und legt ihn vor sich auf den Tisch. «Fertig», sagt sie. Alle lachen. Auch Frau Roth. Beim Mittagessen spuckt Herr Brunner die Tablette in sein Apfelmus und giesst mit einer Selbstverständlichkeit das Wasser aus seinem Glas darüber. Niemand lacht.

Im Demenzhaus in Schöftland gilt als normal, was ausserhalb irritiert. Will jemand dreimal frühstücken, kein Problem. Bis zum Mittagessen im Bett bleiben, warum nicht? Niemand wird zum Duschen gezwungen. Die Pflegerinnen wissen aber genau, wann der richtige Zeitpunkt zum Fragen ist. Einmal in der Woche findet ein Gottesdienst statt, am Samstag wird gemeinsam die Sonntagszüpfe gebacken. Im Garten hat es Hochbeete mit Pfefferminze und zwei Kaninchen. Ein Bündel getrocknete Minze hängt im Wohnzimmer, die farbigen Wände im Innern schmücken gestickte Bilder. Im Flur steht ein Wagen mit den Akten der Bewohner. Darauf stehen ihre Namen und Jahrgänge: 1922, 1928, 1952.

Italienische Wortfetzen hallen durch den Flur. Dann steht sie da. Frau Rossi, die kleine Italienerin mit der lauten Stimme. In den Armen wiegt sie il bambino. Ihr Kind. Mit kleinen Schritten geht sie zum grossen Esstisch. Dort sitzt ein Mann mit Schnurrbart und summt. Die kleine Frau sieht ihn an und erzählt wortgewaltig etwas. «Ja, ja», sagt er und nickt ihr verständnisvoll zu.

20 Menschen wohnen in dieser Aussenstation des Alterszentrums Schöftland – je zehn Patienten verteilt auf zwei Etagen. Renate Rykart ist die Leiterin des Hauses. Beim Kaffee erzählt sie, dass der Morgen streng gewesen ist. Aus der Ruhe bringt sie das nicht. Zu viel Erfahrung hat Rykart im Umgang mit dementen Menschen. Als Leiterin ist ihr wichtig, dass der Betreuung viel Zeit eingeräumt wird. Zeit für die Klienten zu haben, gehört denn auch zur Philosophie des Hauses. Wichtig ist ausserdem, dass die Patienten die Einzigen sind, die in diesem Haus vergessen: Versprechen werden von den Pflegerinnen eingehalten. «Sage ich jemanden, ich komme wieder, komme ich auch wieder», fasst Rykart zusammen.

Im oberen Stock gibt es zwei kleine und ein grosses Zimmer. Im grossen sind die Betten bloss durch Stellwände abgetrennt vom Rest des Raums. Über einem Bett hängt ein Kreuz, auf dem Nachtisch steht ein Plüscheisbär, das Duvet ist ordentlich gemacht. Im Bett gegenüber liegt eine Frau und schläft. Diese offene Wohnform nennt sich «Oase». Die Dementen sollen dadurch den Alltag mitbekommen, auch wenn sie nicht mehr aktiv daran teilnehmen können.

Zwei Frauen sitzen nebeneinander am Tisch in ihren Rollstühlen. Die eine hält ein gelbes Duplo-Lego in der Hand. Ganz ruhig sitzt sie da. Nur ihre Augen sind hellwach. An einem anderen Tisch sitzt eine Pflegerin und blättert mit Frau Siedler im Modekatalog. Die beiden Frauen empören sich über die hohen Preise und bestaunen gleichzeitig die Kleider. Dann sagt Frau Siedler: «Häjegott, ich habe ja gar kein Geld.» Und die Pflegerin entgegnet: «Ich auch nicht, schauen wir die Kleider doch einfach an, das kostet zum Glück nichts.»

Acht Pflegende sind morgens da. Das ist viel, manchmal gibt es Tage, wo auch das nicht reicht. Aber auch wenn es stressig ist, sitzt eine Pflegerin zu einer Patientin, setzt sie sich nicht auf die Stuhlkante. Sondern lehnt sich zurück, während sie spricht. Unruhe erzeugt Unruhe und demente Menschen reagieren sensibel darauf. Und so wirkt es von weitem, als machten die Pflegenden immer wieder Pausen bei den Bewohnern. Als tankten auch sie in den kurzen Gesprächen Aufmerksamkeit und Ruhe. Bevor sie wieder Haare waschen, Verbände wechseln, Kaffee kochen und Besprechungen haben.

Zum Mittagessen gibts Suppe und Kutteln. Das mögen nicht alle. Während sie isst, stützt Frau Fischer ihren Kopf. Der Suppenlöffel wiegt schwer in ihrer Hand. Später weint sie. Renate Rykart sagt zu ihr: «Manchmal ist es gut, einfach zu weinen, gäll.» Sie legt einen Arm um Frau Fischer. Bleibt bei ihr, bis die Traurigkeit nachlässt.

*Alle Namen der Bewohner durch die Redaktion geändert.