Reinach

Das erste Mädchen des Skiklubs mag auch im Altersheim noch lachen

Ein Lieblingsort im Altersheim ist für Frieda Sulzer der Wintergarten. Hier geniesst sie an Föhntagen die Aussicht in die Berge.

Ein Lieblingsort im Altersheim ist für Frieda Sulzer der Wintergarten. Hier geniesst sie an Föhntagen die Aussicht in die Berge.

Vor einem Jahr ist Frieda Sulzer aus Reinach ins Altersheim Sonnenberg gezogen, und sie sagt heute: «Mir gefällts». Früher war die heute 88-Jährige sehr aktiv. Im Skiklub war sie das einzige Mädchen.

Der Rollator gibt Frieda Sulzer zwar Sicherheit, aber er täuscht. Die 88-Jährige kurvt sicher und in rascher Fahrt durch die Gänge des Reinacher Altersheims Sonnenberg. Oft fährt sogar die Hauskatze Mietzli mit. Etwas von der Sportbegeisterung und von der Beweglichkeit ist ihr im hohen Alter geblieben. «In jungen Jahren haben wir das meiste mit dem Velo oder zu Fuss gemacht», erzählt sie. «Ich war das einzige Mädchen im neu gegründeten Skiklub.» Ins Leben gerufen hat den Klub 1935 ihr Vater, der Maurer und auch Bergführer war.

Damals, in den frühen 1940er-Jahren, zogen sie zwar auch am Stierenberg ihre Schwünge. «Aber zum richtigen Skifahren fuhren wir nach Engelberg – mit dem Fahrrad.» Die Ski angeschnallt, ein Rucksack am Rücken, so radelten die jungen Leute in die Innerschweiz: Engelberg, Stoos und Wiesenberg. Felle hatten die Skifahrer keine, «wir haben mit Schnüren Tannäste unten an die Ski gebunden, und los gings.»

«Wir waren vor allem mit dem Velo oder zu Fuss unterwegs», lacht sie, «Geld hatten wir ja keines.» Sie vergesse nicht, wie sie als 14-Jährige allein nach Hospental radelte, um Heubeeren zu pflücken. «Mitten im Juni, begann es zu schneien. Ich bin fast erfroren.»

Skifahren, Eishockey, Landhockey, Eislauf, alles habe sie gemacht, «und natürlich Schwimmen». Apropos Schwimmen, schade, dass es kein Bassin gebe im Sonnenberg. «Diesen Sommer habe sie noch gesagt: Demjenigen, der mit mir an den See fährt zum Schwimmen, gebe ich 100 Franken.» Aber dann sei ausgekommen, dass die Schwiegertochter ihr Badkleid weggeben habe. «Also nichts mit Schwimmen.» Aber spazieren, das könne sie schon noch, und lesen. Was sie lese? «Zum Beispiel Bücher, wo drin steht, wie man gesund leben soll», sagt Frieda Sulzer, und aus ihren Augen blitzt der Schalk.

Spross einer Turnerfamilie

Frieda Sulzer ist in Reinach aufgewachsen. Ihr Vater war in jungen Jahren Mitglied der in der Schweiz und Deutschland bekannten Akrobatikgruppe Steiger gewesen. Bewegung und Sportlichkeit wurden ihr quasi in die Wiege gelegt. In Reinach besuchte sie die neu gegründete Sekundarschule. Aber dann reichte das Familienbudget nicht aus, um eine Lehre zu machen. Ihr Wunsch wäre gewesen, in einem Kurbad zu arbeiten oder eine Servicelehre zu machen. Da erging es ihr in der Krisenzeit der 1930er-Jahre wie vielen andern Mädchen auch, sie ging in eine Fabrik zum Arbeiten.

1949 hat sich Frieda Sulzer verheiratet, ihr Mann war Zugführer bei den SBB und das Paar zog für einige Jahre nach Basel.

Fünf Kinder hat sie grossgezogen, nach sieben Jahren in Basel zog die Familie nach Beinwil am See in ein Haus mit Garten. «Hier konnten wir vieles selber anpflanzen, durch die Wälder streifen, Pilze und Beeren sammeln und uns in der Natur bewegen.

«Eine fesche Schweizerin»

Ihren Berufswunsch hat sich Frieda Sulzer dennoch erfüllt. Sie hat über Jahre in verschiedenen Restaurants und Hotels im Service gearbeitet, so rund 15 Jahre im Pigalle in Reinach. «Das hat mir gefallen und ich habe unglaublich viele Leute kennen gelernt. Gern erinnert sie sich an den Schauspieler und Sänger Bill Ramsey, der gerufen habe, als er sie in der Tracht erblickte: «Schaut her, da haben wir eine fesche Schweizerin.»

Bis vor einem Jahr lebte Frieda Sulzer in ihrem Haus in Beinwil am See. Hier hatte sie ihren erkrankten Ehemann gepflegt, bis er vor rund zwei Jahren verstorben war.

Die Arbeit in Haus und Garten wurde ihr zu viel und sie hat sich entschlossen, ins Altersheim überzusiedeln. Ganz freiwillig nicht. Ein Sturz und eine Schulterverletzung hatten den Entscheid beschleunigt.

Am Klassenhöck noch zu dritt

«Der Wechsel aus der Selbstständigkeit in den strukturierten Tagesablauf des Heims war am Anfang schwierig.» Aber jetzt gefalle es ihr, sagt Frieda Sulzer, «wir haben es gut hier, und zugenommen habe ich auch noch».

Wichtig sei im hohen Alter, dass sie noch spazieren und Kontakt mit anderen haben könne, auch einmal in den Ausgang gehen. «Aber, viele meiner Bekannten sterben weg, das tut weh.» Im Sommer seien innert kurzer Zeit vier Klassenkameraden verstorben, «jetzt sind wir noch drei».

Gern begibt sich Frieda Sulzer in den Wintergarten und schaut in die Berge. «Ich bin zufrieden, so wie es mir heute geht, darf ich mich freuen am Alter.» Sie lacht, packt den Rollator und geht zurück in die Cafeteria.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1