«Ihr seid so viele. Was könntet ihr machen, ausser ‹Seich ablo›?», fragte der Personalchef der Injecta Teufen- thal seine italienischen Angestellten im Jahr 1971. Zum damaligen 50-Jahr-Firmenjubiläum wollte die Injecta die örtlichen Vereine dazu animieren, am Tag der offenen Tür aktiv mitzuwirken. Die Antwort der Italiener, damals Gastarbeiter genannt, war: «Singen!» Aus den 300 italienischen Mitarbeitern – sie wurden ebenfalls als Verein angesehen – formierte sich ein Chor von 33 Leuten. Am Firmenjubiläum traten sie mit zwei Liedern auf, die so gut ankamen, dass der Wunsch bestand, weiterzumachen. Das war die Geburtsstunde des «Coro Italiano Injecta», später «Coro Italiano». Die Teufen- thaler Firma übernahm während der ersten fünf Jahre die Kosten des «Coro» inklusive Entschädigung des Dirigenten sowie der Anschaffung der Instrumente.

Baggio (roter Kreis oben) als junger Mann abgebildet in der Jubiläumsbroschüre des «Coro» aus dem Jahr 1987.

Baggio (roter Kreis oben) als junger Mann abgebildet in der Jubiläumsbroschüre des «Coro» aus dem Jahr 1987.

Heute sind noch zwei Mitglieder der ersten Stunde aktiv: Michele Sorbara und Domenico Baggio. Letzterer ist bereits seit 40 Jahren Präsident des «Coro». 2018 soll dieses Jubiläum gebührend gefeiert werden. Am Frühlingskonzert «Il dono della femminilità» vom 6. Mai in der Kirche in Teufenthal wird sogar Regierungsrat Urs Hofmann ein Grusswort an die Anwesenden richten.

«Es ging einfach immer ‹obsi›»

Im kalten Februar 1964 reiste ein junger Italiener in die Schweiz ein. Gelandet ist er im verschneiten Teufenthal. Hier fand er Arbeit. Bleiben wollte er ein Jahr und danach zurück nach Italien, um Militärdienst zu leisten. Aus dem einen Jahr wurden bis heute 53. «Es hat mir einfach so gut gefallen in der Schweiz», sagt Domenico Baggio – der junge Einwanderer von damals. In Teufenthal hat er seine damalige Frau kennen gelernt. Hier lernte er deutsch. Hier gründete er eine Familie. 1967 wurde seine Tochter geboren. 1971 sein Sohn.

Domenico Baggio zu Hause in seiner Stube in Menziken, wo er seit ein paar Jahren lebt.

Domenico Baggio zu Hause in seiner Stube in Menziken, wo er seit ein paar Jahren lebt.

Baggio wurde 1945 als uneheliches Kind geboren. In einem katholischen Land war das zu dieser Zeit eine schwierige Situation. Zu spüren bekam er es jedoch nie. Er ist mit Onkeln und Tanten, Cousinen und Cousins aufgewachsen. «Ich bin zwar als Unglück geboren, hatte aber im Leben ein unglaubliches Glück», sagt er über sein Leben. Mit 13 kam er in ein Internat, wo er eine «super Ausbildung» erhalten habe. Dann reiste er in die Schweiz. Und auch hier lief es dem Immigranten wie am Schnürchen. «Es ging einfach immer ‹obsi›.» 24 Jahre arbeitete Baggio bei der Injecta in Teufenthal, sechs Jahre in Aarburg, drei Jahre in Triengen, und 13 Jahre in Lenzburg. Nebenbei bildete er sich vom diplomierten Mechaniker bis zum Personalassistenten weiter. «Ich hatte ein Berufsleben wie es im ‹Büechli› steht.» Und auch wenn es privat nicht immer ganz so reibungslos lief, freut er sich heute über seine sechs Grosskinder und den guten Kontakt zu seinen Kindern.

Am Papstbesuch gesungen

1977, im fünften Jahr des «Coro», übernahm Domenico Baggio das Amt des Präsidenten und ist es seither ununterbrochen gewesen. Als Höhepunkt in der Geschichte des Chors gehört laut Präsident der Besuch des Papstes im Jahr 1984 in der Schweiz. In Luzern trat der Teufenthaler Chor auf und sang im Vorprogramm des Papstbesuchs. Der Anlass wurde live im Fernsehen übertragen und gehört somit zu den grössten Auftritten überhaupt. Für Baggio persönlich ist aber etwas ganz anderes ein Höhepunkt: «Wir wurden immer als Verein vom Dorf akzeptiert.» Teufenthal und der «Coro», das sei eine «Lovestory».

Es habe Zeiten gegeben, da zählte der Chor über 45 Leute. Heute sind es 28 Sängerinnen und Sänger. Worauf der Präsident besonders stolz ist: «Darunter gibt es neun echte Schweizer.» Quasi eine Integration auf die andere Seite.

Der Chor singt höchstens zweistimmig. Dies aus einfachem Grund: «Die folkloristischen Lieder sind schön, wenn sie einfach sind», sagt Baggio. Dazu kommt, dass italienische Lieder mit Ferien, Sonne, Verliebtsein oder Heimat in Verbindung gebracht werden. Und deshalb freut es ihn, wenn der «Coro» bei seinen zahlreichen Auftritten in Altersheimen oder Spitälern den Leuten eine Freude machen kann. «Oft haben die Zuhörer Tränen in den Augen.»