In Muhen, wo die SVP den Ton angibt, als Sozialdemokratin politisieren? Cornelia Wüthrich (60) hats getan, tuts noch bis Ende Jahr mit Lust am Argumentieren und Debattieren. Dies, obwohl vor vier Jahren Gemeinderatskollege Andreas Urech sie herausgefordert hat. Cornelia Wüthrich war Gemeindeammann, und die SVP erhob Anspruch auf dieses Amt. Auf eine Kampfwahl hatte sie verzichtet.

«Ich wollte nicht verlieren», sagt sie mit entwaffnender Ehrlichkeit. Doch aufgewühlt habe sie das schon: «Ich hätte noch eine Amtsperiode machen wollen.» Realitätssinn. Denn die parteipolitischen Kräfte in Muhen seien klar: Im kantonalen Vergleich stimmten die Müheler deutlich rechter ab als der Gesamtkanton. Pikant: Einzelne SVP-Leute hätten sie damals zum Antreten ermuntert, wohl in der Hoffnung, es käme zu einem zweiten Wahlgang, der sie den Gemeinderatssitz hätte kosten können.

Sinn fürs Mögliche. «Ich wollte weiter machen in den Arbeitsgruppen, die mir wichtig waren: Schulhaus, Ortsplanung», sagt sie. Das sind die konkreten Projekte, die Cornelia Wüthrich wesentlich geprägt hat: Umsetzung des Begegnungsplatzes, Initiierung der Ortsplanung, Forcierung der Schulraumplanung. «Aber das macht man ja alles gemeinsam», sagt sie.

Solidarität, nicht bloss für sich schauen, das sind Werte, die ihr zuerst die Grossmutter in Hunzenschwil vorgelebt hat. «Nachdem meine Eltern jung gestorben sind, bei einem Autounfall, hat die Grossmutter mit 72 Jahren meine drei Geschwister und mich übernommen und erzogen», erinnert sie sich. Dann die Bezirksschule in Aarau, Mitarbeit im Jugendhaus in der Tuchlaube. «Das hat mich auch politisiert; wer etwas erreichen will, muss sich bemühen.»

Politkarriere und Vorbild

Cornelia Wüthrich hat später, als Mutter und Kindergärtnerin in Muhen und Kölliken, keine Gemeindeversammlung verpasst: mitreden, Ideen einbringen, sich einsetzen. Kein Wunder: Wer sich engagiert, wird bald engagiert: «Ich habe gerne mit Menschen zu tun.» Sie lacht über ihren Weg, «der klassische politische Aufstieg», auch Ochsentour genannt: Kindergarten-Kommission, Schulpflege, Schulpflege-Co-Präsidium, Schulpflegepräsidentin, Kreisschulpflege, Gemeinderat und Kreisschulrat, Gemeindeammann. Und schliesslich einen Schritt zurück zum Gemeinderat, zuständig für Schulwesen, Friedhof, Kultur, Öffentlichen Verkehr, Schul- und Gemeindebibliothek, Umwelt und Entsorgung, Wahlen und Abstimmungen.

Gabs da keine weitergehenden Ambitionen? Lockte die Kantonspolitik nie? «Als grauer Panther? Das hat mich bis jetzt nicht gereizt, aber man weiss ja nie», sagt sie und schmunzelt. Sie, die sich «grosse Reden vor kriegerisch gestimmten Gegnern nie zugetraut» habe.
Vorbilder? Mit Selma Bächli, ehemalige Lehrerin in Muhen, hat sie eine tiefe Freundschaft verbunden. «Junge Leute müssen links sein», habe Bächli ihr 1977, als sie einander kennenlernten, gesagt. Bächli habe sie Demut gelehrt. Cornelia Wüthrich hat der Kampf um die Gleichstellung der Kindergärtnerinnen – früher wurden sie von den Gemeinden unterschiedlich bezahlt – politisiert.

«Dafür gingen wir auf die Strasse», erinnert sie sich. Die Richtungskämpfe in der SP nimmt sie gelassen. «Die Jungen müssen kämpferisch sein; es ist ihr Privileg auch Extremes zu fordern», ist sie überzeugt, «ich habe die Jusos auch schon unterstützt.» Im Alter werde man gelassener; mit Pascal Bruderer verstehe sie sich sehr gut.

Klarheit und Begeisterung

Cornelia Wüthrich ist dezidierte Gegnerin von Leuten, die als Parteilose für öffentliche Ämter kandidieren. «Man muss Farbe bekennen; die Wähler haben ein Recht darauf zu wissen, auf welche Werte ein Kandidat sich beruft», sagt sie. Konkret auf ihre Nachfolge bezogen heisst das: Die SP Muhen, deren Präsidentin sie ist und bleibt, hat Hanspeter Brunner von der Grünen Partei unterstützt, da zur Zeit niemand unter der SP-Flagge antreten wollte. Der Oberstufenlehrer ist bereits gewählt und verteidigt damit den links-grünen Sitz im Gemeinderat. Und kann, das ist ihr wichtig, weiterhin die Interessen der Schule, eine Hauptaufgabe der Gemeinde, einbringen.

Seit sie nicht mehr Gemeindeammann ist, arbeitet sie in einem Vollpensum als Kindergärtnerin in Kölliken. Diese Chance hat Cornelia Wüthrich gepackt. «Die Arbeit als Kindergärtnerin erfüllt mich jeden Tag mit grosser Freude», sagt sie und strahlt. Ihre langjährige Erfahrung, auch als Mutter, kommt ihr auch in der Elternarbeit zu Gute. Die Kinder Nina (32), Nils (30) und Lars (21), gemeinsam mit ihrem Ex-Mann aufgezogen, sind flügge: «Er beteiligt sich nach wie vor an unseren Familienaktivitäten und kümmert sich auch um die erwachsenen Kinder.» Und auf eines freut sie sich besonders: Sie wird bald Grossmutter.

Gestalten und Dokumentieren

Yoga macht Cornelia Wüthrich täglich. Der Wegfall des politischen Amtes ermöglicht den Ausbau ihrer Hobbys. Malen, Ornamentik, das hat es ihr angetan, und in der Wohnung hängen viele Bilder, nicht nur von ihr, sondern auch vom Schwiegersohn in spe. Jedes Jahr gestaltet sie eine Weihnachtskarte, die sie druckt und verschickt. Sie kanns auch mit Textilien, macht Patchwork, näht Kleider. «Ein Kollege repariert mir das Velo; ich flicke seine Hosen», sagt sie. Wandern im Wald, Velofahren, da tankt sie auf. Und seit sie – Geburtstagsgeschenk zum 60. – ein E-Bike besitzt, kommt sie in neun Minuten von Muhen zur Arbeit nach Kölliken.

Cornelia Wüthrich ist eine grosse Leserin: «Pro Woche lese ich mindestens ein Buch.» An «Widerfahrnis» von Bodo Kirchhoff ist sie im Moment dran. Aber auch leichtere Kost wie Krimis – Viveca Sten – mag sie. Dann liegt da auf dem Tisch ein Ordner mit diversen «Einträgen». Ein Sammelsurium des privaten und politischen Alltags: Das können Notizen sein für Lars, Zeitungsausschnitte, Zeichnungen, Rezepte, Postkarten, Karikaturen, Sprichwörter, Schlagzeilen.

Zum Beispiel ein Renate Gautschy (FDP)-Zitat aus dem Grossen Rat: «Ich bedaure ausserordentlich, dass heute hier im Saal eine Mehrheit, die das Studium ihrer Kinder bezahlen kann, dafür sorgt, dass andere das nicht mehr können.» Partei? Da gehts um die Sache. Genau wie im Gemeinderat Muhen, wo ein ähnlicher Humor Gemeindeammann Andreas Urech und sie verbinde.