Reinach
Christian Morgenstern lebt im Reinacher TaB auf

Ein Schauspieler, eine Sängerin und zwei Musiker haben sich im Theater am Bahnhof in Reinach auf die Spuren von Christian Morgenstern begeben – einem Dichter mit viel Phantasie und Humor.

Peter Weingartner (Text und Fotos)
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Christian-Morgenstern-Abend im TaB Reinach
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Christian-Morgenstern-Abend im TaB Reinach: Klaus Henner Russius
Christine Hutmacher (Mitte), Barblina Meierhans (links) und Maurizio Saccomanno.
Christian-Morgenstern-Abend im TaB Reinach: Klaus Henner Russius
Christine Hutmacher (Mitte), Barblina Meierhans (links)
Christian-Morgenstern-Abend im TaB Reinach: Klaus Henner Russius
Christine Hutmacher

Christian-Morgenstern-Abend im TaB Reinach

Peter Weingartner

Nummerierte Plätze im Theater am Bahnhof TaB? «Wie Morgenstern», beschreibt eine Frau die Suche nach «ihrer» Nummer am Stuhl, derweil ihre Kollegin sich einfach einen Stuhl schnappt.

Morgenstern assoziiert man gemeinhin mit grotesker Komik: Die musikalisch-literarische Hommage an Christian Morgenstern (1871 bis 1914) unter der Überschrift «Ein Vierviertelschwein und eine Auftakteule...» bringt Sprache und Musik zusammen. Klaus Henner Russius (Rezitator), Christine Hutmacher (Gesang), Barblina Meierhans (Geige) und Maurizio Saccomanno (Perkussion) strafen dabei den Komponisten Richard Strauss Lügen. Hatte der doch, wie Russius hören liess, Morgenstern 1895 in einem Brief beschieden: «Ihre Gedichte, so schön sie sind, zum Componirtwerden eignen sie sich nicht.»

Zahlreiche Facetten

Zugegeben: Das sympathische Huhn in der Bahnhofshalle macht sich in seiner Prägnanz und Lakonie besser, wenn der Schauspieler es interpretiert. Die liedhaften Texte hingegen, ob Purzelbaum oder vergessener Donner, in Strophenform mit Reim, eignen sich sehr wohl dazu, vertont zu werden.

«Dem Text kann ich nicht immer folgen», meinte ein Zuhörer in der Pause; auch Arien-Texte seien oft schwer verständlich, doch die Musik sei wunderbar. Rhythmisch, überraschend, den Texten einfühlsam nachempfunden.

Kindlich-naives Mitgehen entführt in Morgenstern-Welten, lässt schmunzeln über bisweilen schräge Einfälle, wo ein Schnupfen auf der Terrasse hockt oder die Luft zu sterben droht. Klaus Henner Russius dramatisiert mit sparsamen Gesten, lässt Stimme und Mimik spielen. Wie die Flamme auf der Kerze sich wehrt gegen ein ruhmloses Ende «im Atemchen eines Menschleins»: schlicht grossartig. Was solls, wenn im Weltenbrand die Welt zugrunde geht?

Der Abend zeigte Christian Morgenstern in vielen Facetten. Da ist der Lautmaler im «Grossen Lalula», aber auch der Nonsens-Dichter mit Freude am Sprachspiel, der dichtet wie das Wiesel auf seinem Kiesel, nämlich um des Reimes Willen. Und auch seine tierschöpferischen Fähigkeiten erfuhren Würdigung im Werwolf, der sich nicht in die Mehrzahl setzen lässt, in Nachtalp-Henne oder Igels Feinlieb namens Agel.

Humor, Schalk, Hintersinn

Morgenstern ist ein Dichter mit Fantasie und Humor. Ja, auch Galgenhumor, nicht nur in den Galgenliedern, auch im Gedicht «Die unmögliche Tatsache», in dem Palmström von einem Auto überfahren wird. Sein Fazit: «Und er kommt zu dem Ergebnis / Nur ein Traum war das Erlebnis / Weil, so schliesst er messerscharf / nicht sein kann, was nicht sein darf.» Humoristen pflegen die Schwermut zu kennen. Nicht umsonst sieht Morgenstern seine Humoresken nicht bloss als Spielerei, sondern als «Spiel- und Ernstzeug».

Intensive Momente entstanden im Theater am Bahnhof, wenn Rezitator und die Musizierenden gemeinsame Sache machten. Unsinn? Tiefsinn? Groteske Gedankenspiele? Das Publikum hatte seine stille Freude an Morgensterns Betrachtungen über ein zusammengeknäueltes Butterpapier mit Fettresten oder Anzeigen aus der Zeitung des Jahres 2407, wo ein amerikanischer Agent «ausgestopfte Fürsten zu höchsten Preisen» sucht und wo von morgen an wieder täglich Wasser in Wein verwandelt wird. Und etwas aktuelle Melancholie kam auf – draussen fiel der Regen – im Gedicht namens «Lied», dessen Schlusszeile jeder Strophe so lautet: «Ach, wie sterben die Frühlinge schnelle!»

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