Bezirksgericht Kulm

Busse für Mutter – weil sie Tochter nicht in den Chindsgi schickte

Die Familie zieht von einen Ort zum anderen, gerät da und dort in Schwierigkeiten. Hier die Unordnung an einem frühreren Wohnort.

Die Familie zieht von einen Ort zum anderen, gerät da und dort in Schwierigkeiten. Hier die Unordnung an einem frühreren Wohnort.

Weil sie ihre Tochter vom Kindergartenunterricht ferngehalten hat, wurde eine mehrfach vorbestrafte Frau vom Bezirksgericht Kulm zu einer Geldstrafe verurteilt.

Eine Frau steht vor dem Bezirksgericht Kulm. Angeklagt ist sie aber nicht. Die Verhandlung vor dem Einzelrichter wurde einberufen, weil sie gegen ihren Strafbefehl Einsprache erhoben hat. Fanny S.* wurde wegen Widerhandlung gegen das Schulgesetz sowie Begünstigung zu einer Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu je 40 Franken unbedingt und einer Busse von 700 Franken verurteilt. Die Familie, die auf Sozialhilfe angewiesen ist, ist im Tal nicht unbekannt.

«Ja, ich habe mein Kind eine Zeit lang nicht in den Kindergarten geschickt», sagt Fanny S. und ringt um eine Erklärung, die dann aber wenig schlüssig daher kommt: Was sie denn hätte tun sollen? Sie hätten ja nicht gewusst, ob sie diesmal in der Wohnung bleiben könnten. Sie wolle doch nicht, dass ihr Kind immer herumgeschoben werde. Mehr bringt die zusammengesunkene Frau nicht heraus.

An ein Schreiben der Schulleitung, in dem die Familie darauf aufmerksam gemacht wurde, dass für ihre Tochter eine Kindergartenpflicht bestehe, kann sie sich nicht erinnern.

Jetzt kommt der Mann zu Wort. Es sei nicht wahr, dass er die Kindergärtnerin beschimpft und behauptet habe, sein Kind werde im Kindergarten gemobbt. Belästigt, ja so sehr bedroht, dass es sich nicht mehr allein aus der Haustür getraut habe, sei es von einem Nachbarjungen geworden. Und ausserdem seien sie nicht am 16. August 2013, sondern erst eine Woche später zurückgekommen.

«Und die Frau vom Sozialamt», er wird ein bisschen energischer, habe ihnen geraten, erst einmal abzuwarten, bis sich die Wogen etwas geglättet hätten. Schliesslich seien sie von der Gemeinde in die Wohnung zurückgeschickt worden, die sie im Juli schon hätten verlassen sollen. Ja, und dann hätten sie ihre Tochter wieder in den Kindergarten gebracht.

Am 9. September sei das gewesen. Im Strafbefehl ist vom 16. Dezember die Rede. Im späteren Verlauf der Verhandlung spielt das Datum keine Rolle mehr. Denn laut Schulgesetz wird gebüsst, wer sein Kind mehr als drei Tage vom Unterricht fernhält.

Finanzielle Probleme

Eine verworrene Sache. Eine Familie mit zwei Kindern, eins davon schwer krank, zieht von einer Wohnung in die andere, gerät da und dort in Schwierigkeiten, verstrickt sich in kleinere Delikte. Finanzielle Probleme sind offensichtlich.

Die wegen Bagatellen mehrfach vorbestrafte Frau ist nicht berufstätig. Sie kümmert sich um den Haushalt und die Betreuung der Kinder. Die Pflege des Sohnes ist sehr aufwendig. Sie könne deshalb keiner Arbeit ausser Haus nachgehen. Auch der Mann ist krank und folglich nicht arbeitsfähig. Ein IV-Verfahren ist hängig. Auch er hat einiges auf dem Kerbholz.

Daraus ergab sich wohl auch der zweite Strafbestand, der gegen die Frau erhoben wurde: Begünstigung. Die Frau hatte anlässlich einer polizeilichen Einvernahme ausgesagt, einen bei einer Hausdurchsuchung am Wohnort sichergestellten Karabiner persönlich in der Brocki gekauft zu haben. Der Karabiner war aber durch ihren Ehemann erworben worden und die Beschuldigte wollte durch ihre Falschaussage ihren Mann der Strafverfolgung entziehen.

Für den Richter ist klar. Fanny S. hat sich der Begünstigung schuldig gemacht. Sie hat zum Vorteil des Ehemanns eine Falschaussage gemacht. Aufgrund der Nähe zwischen Ehepartnern erlässt der Richter ihr in seinem Urteil aber die Geldstrafe. Nicht so beim Vorwurf der Widerhandlung gegen das Schulgesetz: Fanny S. wird zum Mindeststrafmass, einer Busse in Höhe von 600 Franken verurteilt.

*Name von der Redaktion geändert

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